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Übergangszone
Ausstellung im
Nibelungen-Museum, Worms, 20. Mai bis 17. Juni 2007
Vernissage am
Sonntag, den 20. Mai 2007, um 11:00 im Mythenlabor des Nibelungen-Museum, Fischerpförtchen 10,
67547 Worms. Einführung in die Ausstellung: Dr. Olaf Mückain. Im
Anschluss an die Vernissage besteht Gelegenheit zu einem Künstlergespräch.
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr,
freitags 10 bis 22 Uhr, montags geschlossen. Telefon 06241 / 202120.
Zwischen
Träumen und Wachen, Realität und Imagination, Gegenwart und Vergangenheit
angesiedelt sind die Bilder von Martin Weyers. Der Heidelberger Maler und
Grafiker illustriert die Nibelungensage nicht mimetisch, wie die Maler des
19. Jahrhunderts. Auf seinen Werken begegnen uns nicht Siegfried, Gunther,
Hagen, Kriemhild und Brünhild. Weyers' Bilder bewegen sich im assoziativen
Bereich, ohne die Lesart zu sehr einzuschränken. Figuren verwandeln sich
in Schwerter, wir begegnen dem Falken und den Adlern aus Kriemhilds
Alptraum, und lassen uns durch Nibelungentore in andere Realitätsbereiche
führen.
Übergangszone
- eine Ausstellung von Martin Weyers im Nibelungen-Museum. Zur
Einführung
von Dr. Olaf
Mückain, Nibelungen-Museum, Worms
Es war einmal
eine Gruppe von fünf Architekturstudenten in Dresden, die wollten Künstler
werden und gaben sich den Namen „Die Brücke“. Wir schreiben das Jahr 1905.
Ihre Gruppen-Bezeichnung war zugleich Programm. Der Name spielt an auf das
Wort aus Nietzsches „Zarathustra“, „dass der Mensch eine Brücke“ sei, ein
„Übergang und ein Untergang“. „Übergangszone“ heißt eine Radierung von
Martin Weyers, die seiner Ausstellung im Nibelungenmuseum den Titel
geliehen hat. Was verbirgt sich hinter diesem Etikett? Einmal bezieht sich
der Begriff „Übergang“ auf die Bildmotive selbst. Das Figurenarsenal wirkt
geisterhaft vermummt oder wie in einen Kokon eingesponnen. In dem Blatt
„Die geheime Macht der Pflanzen“ (2006) liegt die Puppe noch dazu unter
einem Erdhügel oder in einer Höhle begraben, als hielte sie Winterschlaf.
Geborgen tief unten im Erdreich schlummert das Wesen wie der Dichter, der
in Goethes „Faust“ zu den Müttern hinabsteigt, wo im Chtonischen die
Quelle der Inspiration liegt. Darüber warten drei weitere Gestaltlose wie
in einer Fischblase auf ihre Metamorphose. Handelt es sich um Schemen, die
auf die Reinkarnation warten, um Insektenlarven auf dem Weg zu einer neuen
Körperexistenz, um Neugeborene oder um Totgeburten? Eines ist sicher: Sie
stehen am Übergang. In Weyers Bildszenarien treffen Leben und Tod
aufeinander und was abgelebt scheint, enthält ein Versprechen auf
neuerliches Leben, Leben in anderer Form, an einem anderen Ort, zu einer
anderen Zeit.
„Das Malen eines Bildes gleicht einem Geburtsakt“, bemerkt Martin Weyers,
„plötzlich ist etwas da, was vorher nicht da war, obwohl es als Idee eine
geheimnisvolle Prä-Existenz geführt haben mag.“ Und an dieser Stelle sind
wir an einem zweiten Punkt angelangt, dort wo das Wort „Übergang“ die
Funktion der Kunst selbst bezeichnet. Die Malerei besitzt das
Gestaltungspotential, ein neues Motiv-Repertoire auf überzeugende Weise zu
erschaffen, das in dieser Form niemals auf der empirischen Welt zuhause
sein könnte. In unser aller Köpfen spuken Bilder herum, präverbale
Archetypen, die darauf warten, Gestalt anzunehmen. Wir kennen sie als eine
Art Platonischer Ideenfundus und sie dienen uns zum rationellen
Wiedererkennen bestimmter Grundmuster in der Erfahrungswelt. Wieder
andere, weniger scharf konturierte Bilder beherrschen unser Unbewusstes
und heften sich wie Viren es bei Wirtszellen tun an einen passenden
Gegenstand in der Außenwelt, um sich zu bestätigen, zu nähren und zu
manifestieren. Die Psychologen sprechen hier von Projektion. Es sind die
eher ungestalten, unförmigen, sperrigen und halbbewussten Seelen-Bilder,
die Martin Weyers aufgreift und mit uns teilt. Wir erschrecken darin vor
uns selbst, wenn wir nach vollständiger Ausformung, Klarheit und
Wiedererkennbarkeit verlangen. Dies ist das Erbe der geheimnisvollen
Pittura Metafisica eines Giorgio de Chirico, des experimentierfreudigen
Surrealisten Max Ernst, des abgründigen Existentialismus Francis Bacons
und Alberto Giacomettis.
Die amorphen Leiber sind eminent plastisch gedacht. Man möchte sie drehen
und wenden, um ihren schwingenden Körperformen zu folgen. Aus der
Plastizität resultiert eine enorme Präsenz, die durch die Reduktion auf
eine helle Hülle mit schwarzgrauen Falten und Schattenbuchten infrage
gestellt wird. Die Kunst gibt keine Antwort, Kunst stellt Fragen. Die
Wandlung ist das Thema der Surrealisten und sie ist das Schaffensprinzip
des Bildhauers Henry Moore. Moore abstrahierte und komprimierte die
menschliche Figur bis zu einem Grade, da ihre Urverwandtschaft zu
Säugetierknochen, Felsformationen oder Knorpelfischen augenscheinlich
wird. Analogien zwischen Phylogenese und Ontogenese werden spürbar und wir
fühlen uns in ein faszinierendes Reich des Animismus versetzt.
Die Übergangsexistenz wird aber auch darin deutlich, dass sich so viele
Gestalten in der Schwebe befinden. Die Räume, die sie umgeben, bleiben
stets unbestimmt und bieten kaum Halt. Es besteht kein Zweifel: Die
Figuren befinden sich auf der Reise. Die Anregung zu diesem horizontalen
Schwebezustand entnahm der musikbegeisterte Künstler einer Oper des
Minimalisten Philip Glass, in welcher der Leichnam des Pharaos Amnemotep
III. in höhere Sphären entschwebt, um der neuen Ära Echnatons Platz zu
machen. Die Aquatinta-Radierung „Akhnaten“ (1999) bildet als Deckblatt den
Auftakt zu einem geplanten druckgrafischen Zyklus, der diesem Musikwerk
verpflichtet sein soll. Die Radierung ist ein treffliches Beispiel für
Martin Weyers souveräne Handhabung des differenzierten Zeichenstrichs,
dessen Prägnanz seltsamer Weise mit vibrierender Fragilität gepaart ist.
Der Papierton behält wie in den Radierwerken Max Beckmanns als Hintergrund
seine Geltung, während der große Francisco de Goya malerischere
Flächenätzungen vornahm. Diese wiederum bleiben bei Martin Weyers den
Farbradierungen vorbehalten.
Dieser Künstler ist ein Maler-Forscher, der sich in seinen Bildern auf die
Suche nach einem unbekannten Seelenland begibt. Die Mischwesen, die seinen
Bildkosmos bevölkern, vertreten „keine biologische Gattung“, „sondern
existieren allein als lebendige Bildgestalten“ (Maria Lucia Weigel). Was
soll das nun heißen? - Ein Gemälde bildet niemals die sichtbare
Wirklichkeit ab, sondern erschafft diese allenfalls mit den Mitteln der
Kunst nach. Seit der klassischen Moderne legen die Künstler aber
gesteigerten Wert auf diese bildnerische Eigengesetzlichkeit. Für die
menschliche Gestalt bedeutet dies, dass in einem realistischen Bild nicht
etwa ein Mensch dargestellt wird, sondern eine Figur gestaltet ist, die
aus Farbe und Form besteht und sich ihrer gleichfalls koloristischen und
formalen Bildumgebung einfügt. Das Gesetz der künstlerischen Autonomie
betrifft aber auch die geistige Ebene. Dies heißt, dass die Kunst dazu
dienen kann, neue Motive überhaupt erst zu erschaffen und ungewöhnliche
Kombinationen durchzuspielen. „Durch die Mittel der Malerei wird ein
Gedanke zu einem Stück Wirklichkeit“, wie Maria Weigel über Weyers’
Arbeitsweise sagt.
Nachdem die suggestiven Bildszenarien Martin Weyers aus der Tiefe der
Psyche, dem kollektiven Gedächtnis und den metaphysischen Wurzeln von
Naturprozessen schöpfen, ergibt sich die Frage nach den Quellen der
Inspiration und dem praktischen Gestaltungsvorgang. Die Suche nach dem
künstlerischen Ausdruck beginnt bei ihm mit dem Zeichenstift. Die
Zeichenbewegung spürt den eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen nach und
hinterlässt ihre Spuren auf dem Papier, der Radierplatte oder der
Leinwand. Der Bildträger fungiert dabei als Schnittstelle zwischen
Imagination und Realität. Vorstellung und Zufall wirken ineinander und
führen in ihrem Wechselspiel zu der stets einmaligen Bildschöpfung.
Jede
einmal gefundene Formgestalt fordert ihr Recht und zwingt den Künstler zur
Anpassung und Modifikation seiner ursprünglichen Gestaltungsabsicht.
Dennoch gilt für Weyers letztlich immer der Primat der inneren Bildidee.
Eine Möglichkeit, das Unbewusste zu erschließen, besteht in der Anwendung
des Zufallsprinzips. Martin Weyers’ Bildhintergründe entstehen häufig aus
gesteuerten Farbverläufen, bei denen das Bindemittel mit Terpentin
verdünnt wird, um „fließende Farbübergänge“ zu erzeugen, die als
Ausgangsbasis für den weiteren Gestaltungsprozess dienen. Übermalungen,
Verwischungen, Abschabungen sind Faktoren des aktiven energischen
Durcharbeitens der Malschicht. Das Malmaterial ist also gegenwärtig, was
sich ferner auch in pastosen Partien widerspiegelt, die teils sogar mit
dem Malspachtel strukturiert werden und so ein prägnantes, haptisches
Farbrelief ergeben, worin sich der Bildraum bis zur Undurchdringlichkeit
verdichtet. Die Figurinen dagegen bleiben unbestimmte Hohlkörper, deren
Ätherleiber von dem monochromatisch auf Blau, Violett oder Orange
gestimmten Fond durchströmt und getragen werden. An dieser Stelle lohnt
ein Blick auf das Verhältnis von Figur und Grund in den Arbeiten von
Martin Weyers. Wir sind gemeinhin gewohnt, dass massive Körperformen
schier greifbar vor tiefen, leeren oder fluchtenden Bildräumen stehen.
Weyers dagegen verdichtet die Farbräume bis hin zu einer ertastbaren
Textur aus Farbschollen, Farbwellen oder mit Sand vermengten
Deckschichten, die an Verputz erinnern. Demgegenüber treten die biomorph
verfremdeten Gestaltkörper sprichwörtlich in den Hintergrund, da sie
überwiegend durch Konturlinien und Eigenschatten bezeichnet sind. Als
Lokalfarbe fungiert hingegen das Hintergrundkolorit, sodass das
Figurenpositiv sich wie eine Emanation aus dem Bildkosmos
herauskristallisiert.
Wie gelangt nun der Künstler Martin Weyers ausgerechnet ans
Nibelungenmuseum, das sich doch der Pflege der alten, ewig-jungen Mythen
verschrieben hat? Weyers’ Bilderfindungen sind Grenzfälle, die ähnlich
Mythen elementare Fragen aufwerfen und sich mit den Grundlagen und
Perspektiven unseres Menschseins befassen. Ganz dezidiert hat sich der
Maler mit den Studien Joseph Campbells zur Mythologie beschäftigt. Er
selbst kommentiert seine rein künstlerische Verarbeitung dieses Stoffes
unter bewusstem Verzicht auf eine illustrative Annäherung folgendermaßen:
„Ich habe mich ... schwer getan, Symbole ... einfach zu übernehmen. Motive
wie ... Spiral- oder Labyrinthformen indes haben sich direkt aus der
Malerei oder ... aus der Zeichnung heraus entwickelt.“ Die Spiralform mit
ihrer Dynamik und ihrem Zeichencharakter, der zwischen zentripetaler
Konzentration und zentrifugaler Extension schwankt, verdankt sich Weyers’
Faszination an der Astronomie. Wer genau hinschaut, entdeckt in vielen
Werken Sterne, Spiralnebel und andere Himmelserscheinungen. Man fühlt sich
an Nietzsches schönes Diktum erinnert: „Man muss noch Chaos in sich haben,
um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch
Chaos in euch.“ Man könnte ebenso gut vom göttlichen Funken sprechen, der
uns beseelt und ganz besonders die Künstler inspiriert. Den Spiralen
verwandt und daraus motivgeschichtlich abgeleitet sind die Labyrinthe. Die
Künstler besitzen zu diesen verschlungenen geometrischen Formationen
traditionell eine starke Affinität. Die großen gotischen Kathedralen
verewigten und feierten ihre Baumeister mit in den Boden eingelassenen
Marmorlabyrinthen. Und Martin Weyers liebt die gebaute Symbolik dieser
grandiosen Kirchenbauten seit seiner Kindheit. Für ihn spiegeln die
„verschlungenen Wege die Suche nach dem verlorenen Mittelpunkt“. Er findet
dafür das sprechende Bild der Zwiebelfrucht, die aus vielschichtigen
Schalen aufgebaut ist, welche immer neu die Frage aufwerfen, die die
Performance-Künstlerin Laurie Anderson in dem Liedrefrain formulierte „What
is behind that curtain?“
Manche der Bilder handeln von den letzten und höchsten Dingen. Die
martialische Hindu-Göttin Khali präsentiert ihre Fruchtbarkeit
verheißenden schwellenden Leibesformen in einem engen Fensterausschnitt.
Das tiefe Nachtschwarz dahinter verheißt die gähnende Leere eines
unendlichen Zeitraums, der mit dieser kopflosen Gottheit in Zusammenhang
gebracht wird. Der Maler der farbigen Schwärze Max Beckmann schauderte vor
diesem großen schwarzen Loch zurück und versuchte ihm mit seinen sperrigen
Bildkonstrukten wenigstens halbwegs Herr zu werden. Auch Martin Weyers
sperrt den Abyssus, den schwindelnden Abgrund, in das enge Fenstergeviert,
sodass die davor konstrastierenden Körperformen mit raumplastischer
Energie aufgeladen sind. Pralle Lebensfülle und schreckliche Todesahnung
treffen unversöhnlich aufeinander. Die „Göttin der Flüsse“ ist zugleich
eine „Göttin des Himmels“, wie der Bildtitel besagt. Die quer gelagerte
monumentale Gestalt treibt auf die mächtige Gebirgskette zu, die sich am
Horizont teilt, um den Strom hindurch zu lassen, der in einer ungewissen
Ferne wohl in ein Meer einmündet. Wie der Fluss sich in die See ergießt,
spiegelt sich der Himmel im Wasser und die Grenzen werden fließend. Die
Göttin tritt hinüber in eine andere Welt, in eine andere Seinsform. Eine
melancholische Stimmung liegt über dem grandiosen Panorama, das zeigt, wie
eine Ära vergeht und eine Gottheit Abschied feiert. Weyers zitiert in der
ambitionierten Komposition die große Tradition der Weltenlandschaft, die
auf beengtem Format einen ganzen Mikrokosmos eröffnet. Dabei erliegt er
nicht der Versuchung, in Details zu schwelgen, sondern bearbeitete die
Komposition in großen, flüssigen Zügen. Auf diese Weise erreicht er darin
eine Wirkung, die der ästhetischen Kategorie des Erhabenen entspricht. –
Der Rest ist Schweigen...
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Dr. Olaf Mückain:
Übergangszone - eine
Ausstellung von Martin Weyers im Nibelungen-Museum. Zur Einführung
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