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"Pathways of
Bliss" — Der Weg des Westens
Ein neuer Band der
Collected Works of Joseph Campbell
David Kudler, Publishing
Director der Joseph Campbell Foundation, hat, nach Myths
of Light, nun ein neues posthumes Campbell-Buch aus alten
Tapes mit Vorträgen und Interviews zusammengestrickt.
Das Ergebnis
ist ein erstaunlich einheitliches Werk, in dessen Mittelpunkt
Campbells Gedanken und Anregungen zu einem mythologischen
Bewusstsein in mythologielosen Zeiten stehen: Follow your bliss
lautete
Campbells schwer zu übersetzender und häufig missverstandener
Ratschlag an seine Studenten. Wie man eine persönliche
"Mythologie" kreiert und mit ihrer Hilfe seiner
innersten Freude
folgt, anstelle einer Ideologie oder eines aufgeblasenen Egos,
und warum dies Leidensbereitschaft voraussetzt und so gar nichts
mit dem Egoismus der Spaßgesellschaft zu tun hat, wird in dem neuen Buch
deutlicher als in irgendeiner vorhergegangenen Publikation.
Pathways
to Bliss. Mythology and Personal Transformation
—
unter diesem Titel ist im September 2004 ein neuer Titel in der
Reihe der Collected Works of Joseph Campbell erschienen. Follow
your bliss, lautete der Rat, den der späte Joseph Campbell
seinen Schülern zu geben pflegte, kurzgefasst in drei,
allerdings missverständlichen, Worten. Bliss
— wie soll
man das eigentlich übersetzen? Folge deiner Freude heißt
es in der deutschsprachigen Ausgabe des Klassikers Die Kraft
der Mythen, und wer zwischen Spaß und Freude zu
unterscheiden weiß, für den mag diese Wortwahl immerhin in die
richtige Richtung weisen.
Tu
was du willst steht auf dem Talisman geschrieben, den der
junge Bastian in Michael Endes genialem Bestseller Die
unendliche Geschichte erhält, und der ihn durch sein
eigenes Abenteuer mythologisch inspirierter Transformation führt.
Und natürlich glaubt auch Bastian zunächst, in dem Sinnspruch
eine Aufforderung zum Hedonismus sehen zu dürfen, bevor er,
nach zahlreichen Irrwegen, zu jener Lebenshaltung gelangt, die
Campbell seinen Schülern mit dem Rat Folge deiner Freude
nahezulegen versuchte: Tue, was in dir steckt, entwickle deine
Potential, und lass dich dabei von nichts abbringen, weder von
gutgemeinten Ratschlägen, die vielleicht sicheres Einkommen und
hohes Ansehen versprechen, jedoch den inneren Anlagen eines
Menschen nicht gerecht zu werden vermögen; Folge dem was
zutiefst in dir steckt, und lass dich nicht davon abbringen,
dein Lebenspotential zu verwirklichen, nicht von sozialen
Spielregeln, genausowenig jedoch von Angst, Leid, Begierde — den
biologischen verwurzelten Instinkten, die das nach Sinn und Erfüllung
strebende Individuum zu transzendieren sucht.
Follow
your bliss meint keinen bequemen Weg. Es ist der Weg des
Westens, wie er erstmalig in den mittelalterlichen
Gralsgeschichten besungen
wird: Das Ideal des Individuums, das seinen eigenen Weg geht,
ohne sich den Ansprüchen der Gesellschaft unterzuordnen. Ist
das egoistisch? Wäre ein gesellschaftliches Miteinander überhaupt
noch möglich, würde jeder vorrangig einer nebulösen inneren
Stimme folgt, statt den Weisheiten, die üblicherweise in
Schulen, Kirchen, Verbänden und Elternhäusern gepredigt
werden, und die auf Gemeinschaftsinteressen zielen?
Campbell
pflegte auf solche Einwände zu antworten, dass wir zunächst
der Entwicklung eines Innenlebens bedürfen, um in der Welt
wirken zu können. Wer nur nach außen agiert und wessen
Gedanken sich vorrangig um soziale und politische Entwürfe
drehen, ohne zuvor das eigene psychische Potential zu einer
gewissen Reife gebracht zu haben, wird allzuschnell zu einem bloßen
Vehikel einer Ideologie, zum Werkzeug einer politischen,
kirchlichen oder sozialen Institution.
Wie
entwickelt man ein Innenleben? Wir wird aus dem abhängigen
Geschöpf, als das wir geboren werden, ein selbständig
denkendes, authentisch fühlendes und selbstbewusst handelndes
Individuum? Wie lässt sich aus dem komplexbeladenen Etwas, zu
dem wir uns, dank der manipulativen Slogans von Erziehern und
Werbestrategen bald entwickelt haben, eine Persönlichkeit
formen?
Die
Lektüre von Pathways of Bliss dürfte nicht der
schlechteste Anfang sein. Leider täuscht das Titelbild, das
einen Ausschnitt aus Leonardos Felsenmadonna zeigt, über
das eigentliche Thema hinweg, steht dieses Gemälde doch für
traditionelle Malerei und traditionelle Religion. Zwar lassen
sich Bezüge zum mythologischen Thema der Jungfrauengeburt
herstellen, die Campbell als geistige Transformation
psychologisch zu deuten versucht, und Leonardo war zu seiner
Zeit ohne Zweifel ein vorzeigbarer Vertreter des modernen
humanistisch-individualistischen Menschen. Dennoch: Hätte ein
Bild etwa von Paul Klee, dessen Wertschätzung durch Campbell,
als ein Künstler, der unbeirrt nach neuen und eigenen
Wegen forscht, im Ankauf zweier Bilder durch den Mythologen
Ausdruck fand, nicht besser gepasst? Oder vielleicht das Werk
eines zeitgenössischen, mythologische Tiefen auslotenden Künstlers
wie Bill Viola oder Mimmo Paladino?
Die
Abbildungen von Pathways of Bliss, welche bereits vor
einigen Monaten auf den Webseiten mancher Internetbuchhändler
kursierten, zeigten eine Gruppe von ekstatisch im Kreis
tanzenden Figuren aus einem Werk von William Blake — und waren
genauso unpassend. Blake, der an sich den Typus des
individualistischen kreativen Einzelgängers wie kaum ein
anderer verkörpert, zeigt hier jedoch eine Gruppe von sich an
den Händen haltender und im Kreis tanzender Gestalten; die
somit eher den Gruppengeist verkörpern, als die allein im
selbständig denkenden und fühlenden Individuum verkörperten Möglichkeiten,
um die es in diesem Buch geht, und die den von sozialen
Strukturen ausgehenden Impulsen geradezu entgegengesetzt sind,
vermögen sie doch allein in der Einsamkeit des auf sich selbst
bezogenen Individuums zum Vorschein zu treten.
Über die
typische Situation in der zweiten Lebenshälfte, nachdem den
Werten der sozialen Gruppe Folge geleistet wurde, sagte Campbell
einmal in einem unveröffentlichten Vortrag: "Leute, die
nicht zu ihrem Innenleben gefunden haben und nicht wissen, wie
es zu finden ist. Sie wissen nur, wie man sich an der Hand hält
und im Kreis herumtanzt. Was ist mit dem was sich innen
befindet? [Wenn man sich darum kümmert] ist es nicht möglich,
Händchen zu halten und im Kreis zu tanzen."
Campbell hatte
seine liebe Not mit den Studenten der
Achtundsechziger-Generation, deren Werte in seiner Einschätzung
mehr soziale Einbindung als Fokussierung auf das Innenleben verkörperten:
Der Tanz im Kreis als Sinnbild für die Bewegungslinie auf dem
Rand des Rades, wo die innere Mitte doch allein in der scheinbar
unbewegten, um sich selbst kreisenden Nabe des Rades zu finden
ist, dem Zentrum eines jeden angemessen ausgeführten Mandala
gleich.
Campbells
Eigenart war es — und darin unterscheidet er sich maßgeblich
von vielen seiner Kollegen — nicht nur Wissensstoff zu
verbreiten, sondern das Material, das uns durch die Mythologien
der Welt zur Verfügung steht, auf eine Weise vor uns
auszubreiten, dass der Dschungel der Symbole wir ein Garten
angelegt scheint, in dem wir uns leichter zu orientieren und
zurechtzufinden vermögen. Der späte Campbell zeigte sich auf
seinen Vortragsreisen noch stärker dem Einzelnen verpflichtet,
und bemühte sich, mehr noch als in seinen frühen Werken, eine
direkte Beziehung zum Leben seiner Zuhörer herzustellen, ganz
so wie er es zuvor 25 Jahre lang als Collegelehrer mit seinen
Schülern praktiziert hatte.
"Für
viele, viele Jahre", so beginnt das Kapitel über Carl
Gustav Jung und die Suche nach einem persönlichen Mythos, der
uns durch das Leben zu führen vermag, "habe ich eher auf
abstrakte Weise über Mythologie gesprochen — wie es hier ist,
wie es dort ist — und es scheint an der Zeit zu sein, dass ich
die Herausforderung annehme, etwas darüber zu sagen, wie es für
Sie und mich sein könnte." Campbell doziert hier über
Jung, dem im Anschluss an die Fertigstellung seines Hauptwerkes Symbole
der Verwandlung schlagartig klargeworden war, "was es
bedeutet mit einem Mythos zu leben, und was es bedeutet ohne zu
leben." (C. G. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken)
Die
alten Mythen und Religionen, wie Campbell ausführt,
funktionieren nicht mehr. Wie bahnt man sich seinen Weg durch
die Welt, ohne auf die psychologisch hilfreichen Symbole
verzichten zu müssen, die früheren Generationen als nicht
hinterfragter Leitfaden galt? Und wie zugleich lässt man sich
auf die in den Symbolen der Religionen und Mythologien
mitschwingenden Bedeutungen ein, ohne sich ihrem
suggestiven Potential zu unterwerfen, das sie für Ideologien
und Manipulationen nutzbar macht, wie sie in der Welt der
Politik, der Werbung und der Journalistik allgegenwärtig sind?
Zwei
Wege, so meint der Autor, stehen uns weiterhin offen: Der eine
besteht darin, einem Vorbild aus unserer Jugendzeit zu folgen,
in dem wir eine Personifizierung der für uns relevanten
psychischen Energien vorzufinden meinen. Die Kunst dürfte
hierbei vor allem darin liegen, eine gute Wahl zu treffen, und
anschließend am selbstgewählten Modell zu lernen, ohne bloß
nachzuahmen, wodurch das ureigene innere Potential unentwickelt
bleiben müsste. Der andere, anspruchsvollere Weg besteht darin,
auf unsere Freude (bliss) zu hören, und unabhängig von
vordergründigen sozialen Werten, wie Sicherheit, Erfolg und
Ansehen, konsequent zu entwickeln, was in uns angelegt ist und
wozu wir uns berufen fühlen. Anspruchsvoller ist diese
Variante, weil es dabei um Möglichkeiten geht, von denen kein
Lehrer weiß, da sie nur in unseren eigenen Anlagen schlummern.
Ohne ein würdiges Vorbild benennen zu können, dem wir
nacheifern könnten, bleiben wir hierbei letztlich auf uns
selbst angewiesen, auch wenn, wie Campbell in Der Heros in
tausend Gestalten feststellt, das archetypische Labyrinth
der Heldenreise schon gründlich erforscht ist, und wir bei
aller Einzigartigkeit unserer Erfahrung doch immer auf
menschentypische Situationen treffen werden, die uns dann als
Leitfaden dienen mögen.
Campbell
über die fünf Werte, für die, laut den Forschungen des
humanistischen Psychologen Abraham Maslow, die Menschen leben:
"Überleben, Sicherheit, persönliche Beziehungen, Ansehen,
Selbstverwirklichung — dies sind, meiner Erfahrung zufolge,
exakt diejenigen Werte, für die eine mythologisch inspirierte
Person nicht lebt. Sie haben mit der primären
biologischen Funktion zu tun, so wie diese vom menschlichen Bewusstsein
aufgefasst wird. Mythologie beginnt, wo der Wahnsinn anfängt.
Eine Person, die wirklich gepackt wird von einem Ruf, einer
Hingabe, einem Glauben, einer Begeisterung, wird ihre Sicherheit
opfern, wird sogar ihr Leben opfern, wird persönliche
Beziehungen opfern, wird nichts geben auf persönliche
Entwicklung; Sie wird sich gänzlich ihrem Mythos hingeben.
Christus gibt uns den Schlüssel, wenn er sagt: Derjenige,
welcher sein Leben um meinetwillen verliert, wird sein Leben
finden."
"Campbell
spürte", wie Herausgeber David Kudler in seinem Vorwort
feststellt, "dass Mythos eine Rahmenstruktur für persönliches
Wachstum und Transformation bereitstellt, und dass ein Verständnis
der Wegweisen, auf denen Mythen und Symbole das individuelle
Bewusstsein zu berühren verstehen, eine Möglichkeit bietet,
ein Leben zu führen, das in Einklang mit der eigenen Natur
steht — ein Wegpfad zur Freude (pathway to bliss)".
Das
Zurücktreten primärer biologischer und sozialer Werte
zugunsten einer völligen Hingabe an ein Ideal oder eine Idee,
die zu begeistern und unseren innersten Kern in Schwingung zu
versetzen vermag, muss, solange es sich dabei um eine
Angelegenheit handelt, die im Einklang mit unserem Selbst steht,
keineswegs das Ende der Persönlichkeitsentwicklung bedeuten. Im
Gegenteil, ein solcher schmerzhafter Prozess kann als Initiation
wirken und Selbstverwirklichung in einem höheren Sinne begründen,
wo die ursprünglich anvisierte Persönlichkeitsentwicklung
vielleicht nur vordergründig unser Wille war. Ein wesentlicher
Faktor auf dem Wegpfad der Freude ist es, zu lernen,
welche Wünsche von unserem vordergründig dominierenden Ego
ausgehen, und welche hingegen aus den wahren Tiefen unserer Persönlichkeit
rühren und zum Tageslicht der Verwirklichung drängen.
Kudler
— ein exzellenter Kenner der Schriften Campbells — ist es
gelungen, verstreute Perlen und Geistesblitze aus den Vorträgen
Campbells, die für das Thema der Persönlichkeitsentwicklung
relevant sind, zu einer Einheit zusammenzuweben, die jedem, der
sich ernstlich um Transformation oder Individuation bemüht,
einen wertvollen Leitfaden an die Hand geben.
Bemerkenswerterweise wirkt das Buch keineswegs wie ein
Flickenteppich, hat der Herausgeber es doch glänzend
verstanden, das zusammengetragene Material wie eine Sinfonie
einer eigenen logischen Struktur zu unterwerfen und zum Klingen
zu bringen.
Dass
es sich bei den Wegpfaden zum Selbst — wie man angesichts
der Gralsgeschichten, in denen das westliche Ideal der
Individuation (wie es später C. G. Jung nennen sollte) meinen könnte
— nicht um eine reine Männerangelegenheit handelt, wird im
abschließenden Kapitel von Pathways of Bliss deutlich,
das aus Gesprächen mit dem Auditorium besteht, wobei über
weite Teile der Dialog mit einer weiblichen
Zuhörerschaft dominiert.
Auffällig
ist, dass, nachdem schon die Videoreihe Mythos ohne Berücksichtigung
von Campbells Ausführungen über Gralsgeschichten und
Artuslegenden endete, auch in Pathways to Bliss die
mittelalterlichen Geschichten, welche Campbell in Bezug auf das
westliche Ideal des Individualismus so wichtig waren, nur am
Rande Berücksichtigung finden. Vielleicht erwartet uns ja eine
weiterer Titel in der Reihe der Collected Works of Joseph
Campbell, in dem der abendländische Mythos des Mittelalters
gebührend in den Mittelpunkt gestellt wird?
Martin Weyers, veröffentlicht im November 2004
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