Kleine Joseph Campbell Enzyklopädie der Mythologie

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~ Mystik ~

"Hinter der Welt der Gegensätze existiert eine unsichtbare, aber erfahrene Einheit und Identität in uns allen."

(Joseph Campbell, Reflections on the Art of Living)

Mystik: SonnenfinsternisMystische Einheitserfahrungen werden von Skeptikern gern als neurologische Fehlschaltungen abgetan. Will man eine wissenschaftsbasierte Argumentation gelten lassen, darf man jedoch nicht jene Sichtweise ignorieren, die in der inneren Erfahrung der Einheit (oder gar Identität) allen Seins Berührungspunkte mit den Entdeckungen der modernen Physik sehen will.

Physiker wie Erwin Schrödinger, David Bohm oder Carl Friedrich von Weizsäcker haben versucht, Erfahrung und wissenschaftliche Erforschung der Einheit des Seins philosophisch aufzuarbeiten und somit der Mystik höhere Glaubwürdigkeit zu verleihen. Deckt sich die innere Erfahrung des Mystikers mit der objektivierten Darstellung der Naturwissenschaften, wird also von zwei völlig verschieden Ausgangspunkten her ein deckungsgleiches Ergebnis erzielt, so dürfte dies die Mystik auch in den Augen eher skeptisch eingestellter Zeitgenossen einer näheren Betrachtung würdig erscheinen lassen.

Selbstverständlich ist die Frage, ob denn die Berichte von Mystikern und die Erklärungsmodelle der Quantenphysiker von ein und derselben Einheit sprechen — einmal innerlich erspürt, ein anderes mal äußerlich postuliert — nicht abschließend klärbar. Die Erkenntniswege des Erlebens und der objektivierten Weltbeschreibung sind allzu verschieden, als dass sich in diesem Punkt zweifelsfreie Übereinstimmung erzielen ließe. Auch wenn der Mystiker den Vorwurf des "bloß subjektiven" Charakters seiner Erfahrung zurückweisen dürfte, da die Besonderheit jener Erfahrung doch gerade in einer Überschreitung der Subjektivität bestand, dürfte es schwerfallen, den Neurologen, der innere Erfahrung an Gehirnzuständen festzumachen entschlossen ist, davon zu überzeugen, dass es sich bei der Subjekt und Objekt transzendierenden Innenschau nicht um einen Prozess der Deviation, sondern vielmehr um eine außerordentliche Erkenntnis handelt.

Carl Friedrich von Weizsäcker allerdings hat für die überraschende Übereinstimmung von Einheitserfahrung und physikalischer Wirklichkeit eine einleuchtende Erklärung gefunden: Außen und Innen, Körper und Geist, Neuronengeflecht und jene verwirrende Erfahrung des Menschen seiner selbst als einem oft chaotischen Fluss von Gedanken und Empfindungen sind zwei Seiten ein und derselben Wirklichkeit. Weder lässt sich Geist als ein Epiphänomen der zähen grauen Masse, die wir Gehirn nennen, begreifen, noch schwebt der Geist über den Wassern. Ob wir die Wirklichkeit als Raum, Zeit, Materie und Energie beschreiben, oder aber in den unauslotbaren Tiefen unserer Psyche suchen, bleibt letztlich eine Frage der Perspektive.

Der Deutung von Bewusstsein als einem Produkt unseres Gehirns, steht die faszinierende Alternative unseres Gehirns als Transformator eines "undifferenzierten Bewusstsein" (Joseph Campbell) gegenüber. Philosophisch befriedigend erscheint die Sichtweise einer wohl überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler nicht — das Gehirn als ein Phänomen in Raum und Zeit für das Vorhandensein von Geist verantwortlich machen zu wollen, bürdet der flüchtigen Welt der Phänomene eine Rolle auf, der sie nicht gerecht zu werden vermag. Einleuchtender erscheint da Aldous Huxleys Einschätzung des Zusammenhangs zwischen Geist und Gehirn: Bei dem Versuch, der Erfahrung einer durch Einnahme von Mescalin veränderten Wahrnehmung mittels einer philosophischen Deutung beizukommen, schien Huxley nur eine Philosophie geeignet — die Philosophie der Einheit allen Seins, jene, welche er in Anlehnung an Schelling und Choomaraswamy die ewige nannte.

Mystik wird gerne in Zusammenhang mit Mystizismus gebracht; Auch dürften den meisten Lesern, nach bedeutenden Mystikern gefragt, nicht zuerst europäische Namen in den Sinn kommen, und wenn doch, dann solche aus einer weit zurückliegenden, mittelalterlich geprägten Glaubenswelt.

Dass Mystik mit dem modernen Weltbild der Physik vereinbar ist, wurde bereits angedeutet. Mit den Büchern von Fritjof Capra oder Carl Friedrich von Weizsäcker, David Bohm und Erwin Schrödinger, ist diese Einsicht mittlerweile in eine breite Bevölkerungsschicht vorgedrungen. Dass die Erfahrung von Transzendenz nicht nur in den Studierstuben eines Meister Eckhart oder in der Zelle eines Johannes vom Kreuz zuhause ist, wird im akademischen Umfeld dagegen noch nicht ausreichend wahrgenommen. Moderne Mystiker, wie der Zenmeister und Benediktinermönch Willigis Jäger, bieten ein spirituelles Training an, in denen Menschen, die mitten im modernen Alltagsleben stehen, zur mystischen Erfahrung geführt werden. Dass dies nicht im Handumdrehen möglich ist, sondern oftmals jahre- und jahrzehntelange Übung erfordert, und darüberhinaus nicht erzwungen werden kann, sollte jedem klar sein. Von der Möglichkeit jedoch, auch heute und außerhalb eines abgeschlossenen Klosterlebens zu mystischen Bewusstseinszuständen zu gelangen, zeugen die Erlebnisberichte zahlreicher Schüler, die ein entsprechendes Training genossen haben.

Eine Kritik des Christentums, wie sie beispielsweise in Büchern wie Das bist du erfolgt, ist im Wesentlichen eine Kritik am Wörtlichnehmen von Metaphern; der mystische Gehalt bleibt unangetastet. Betrachtet man die Wunder und Legenden etwa der Bibel als spirituelle Metaphern, und nicht als historische Berichte, so stößt man bald zu einer Verständnisweise vor, die der christlichen Urkirche der ersten Jahrhunderte nähersteht als der Lehrmeinung der Weltkirchen, und die mit den Erfahrungen der Mystik übereinstimmen: Der Erkenntnis, dass alles Geist ist.

Eine Fokussierung auf die Wahrheit der Mystik bedeutet somit keine Infragestellung von Religion, vielmehr ermöglicht sie eine Neubelebung religiöser Weltdeutung. Die Aufhebung der Grenzen zwischen Mensch und Gott, Kosmos und Transzendenz, muss keineswegs Säkularisierung bedeuten; Sie kann im Gegenteil zu der Erfahrung führen, dass alles heilig ist eine Erfahrung, die glücklicherweise nicht legendären Gestalten wie etwa dem indischen Mystiker Ramakrishna vorbehalten ist, sondern heute von zahlreichen Menschen gemacht wird. Wo bloßer Glaube als Annahme einer Lehrmeinung, die in Schulen und Kirchen verabreicht wird, immer unsicher bleiben muss, ermöglicht die Erfahrung der Einheit im Geist eine tiefere Form von Religiosität:

"Dieser Urgrund allen Seins lässt sich auf zweierlei Art erleben, einmal mit Form und das andere Mal ohne und jenseits aller Form. Wenn man seinen Gott als mit Form erlebt, dann ist hier der schauende Geist und da der Gott. Es gibt ein Subjekt, und es gibt ein Objekt. Aber das höchste mystische Ziel ist es, mit seinem Gott vereint zu sein. Damit ist die Dualität überwunden, und Formen verschwinden. Es gibt niemanden mehr, keinen Gott, kein Ich. In seinem Hinausgehen über alle Begriffe hat der Geist sich in der Identifikation mit dem Grund des eigenen Seins aufgelöst, denn das, worauf sich das metaphorische Bild des eigenen Gottes bezieht, ist das höchste Geheimnis des eigenen Seins, das auch das Geheimnis des Seins der Welt ist. Und das ist es." (Die Kraft der Mythen)

 

 

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Quellen und weiterführende Literatur:

~ Reflections on the Art of Living. A Joseph Campbell Companion

~ Die Kraft der Mythen

~ Das bist Du

~ Myths of Light. Metaphors of the Eternal

 

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