"Moderne Helden" von Michael Fuchs und Steffen Gill

Wie man Gesellschaft gestaltet

Was haben der TV-Moderator Alfred Biolek, der Schauspieler Karl-Heinz-Böhm, der Zukunftsforscher Matthias Horx, der Physiker Hans-Peter Dürr und der Überlebensexperte Rüdiger Nehberg, eine Kinderkrankenschwester in Westafrika, der Inhaber einer Werbeagentur, ein Briefmarkenhändler, eine Kneipeninhaberin sowie ein Sportschuhfabrikant in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam? Folgt man den Autoren von „Moderne Helden“ sind alle genannten Personen und viele weitere in dem Buch zu Wort kommende ebendies: Moderne Helden. 

Michael Fuchs und Steffen Gill: Moderne HeldenDas Wort „Held“ mag manchem heute fragwürdig erscheinen. Zu sehr ist unsere Vorstellung von den oft eindimensionalen Heroen aus Hollywood, zu sehr von dem Missbrauch in kriegerischen Zeiten geprägt. Den Autoren Michael Fuchs und Steffen Gill sowie dem innovativen Kamphausen Verlag ist dafür zu danken, einen Beitrag geleistet zu haben, dass bei dem Begriff wieder ein positiver Klang mitschwingen möge. Deutschland, Europa, die Welt braucht „Helden“, die über das Lebensnotwendige hinaus zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen, unabhängig von Interessen, die uns durch ökonomisches oder soziales Zweckdenken aufdiktiert werden. Dem Skeptiker mag Recht zu geben sein, dass kaum je ein Engagement vollkommen selbstlos aufgebracht wird, vielmehr Eitelkeit und Bedürfnis nach Selbstverwirklichung immer eine Rolle spielen. Wenn jedoch beides reibungslos mit Gemeinschaftsnutzen zusammenspielt, wird bereits mit Recht von „Modernen Helden“ gesprochen.

Unter diesem, vielleicht etwas prätentiös anmutenden, Titel haben die Autoren Zeitgenossen verschiedenster Couleur befragt, unabhängig von Herkunft, sozialer Stellung oder politischer Vereinnahmung. Die Mischung aus prominenten Zugpferden und kaum überregional bekannten Akteuren sorgt für ein anregendes Lesevergnügen. Man muss nicht berühmt sein, um sich zu engagieren, und eine moderne „Heldentat“ braucht nicht spektakulär zu sein. Karl-Heinz Böhms Stifung „Menschen für Menschen“ mag den meisten ein Begriff sein. Vielleicht wissen auch viele, dass sich Alfred Biolek als UN-Botschafter für Weltbevölkerung engagiert und eine eigene Stiftung ins Leben gerufen hat. Und der angeführte Briefmarkenhändler entpuppt sich als jener Jakob von Uexküll, der den Alternativen Nobelpreis gestiftet hat. Aber wer hat schon von dem Streichquartett „Salut Salon“ gehört, dessen Mitglieder in Chile ein Musikprojekt für unterprivilegierte Kinder entwickelten, oder von der ungewöhnlichen Kaffeebar „King Kamea“, oder dem Projekt Laufschuh, dessen Erfinder Ulf Lunge im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern eine Sportschuhfabrik gründete, um damit einen Industriezweig nach Deutschland zurückholen, der längst in Billiglohnländer abgewandert schien?

Das Buch macht Mut und hält auch für Skeptiker zahlreiche Anregungen bereit, etwa wenn der Werbeprofi Gerhard Wegner, der zugleich als Präsident von Shark Project e.V., einem Verein zur Rettung der Haie, fungiert, bekennt, wirklich nicht zu wissen, woher er eigentlich die Zeit für seine idealistische Arbeit nehme. „Manchmal stehen wir hier vor einer Aufgabe und sagen, jetzt müssten wir das tun, haben jedoch weder das Geld noch die Zeit dafür. Natürlicherweise denken wir: Gut, wir müssen warten, bis wir entweder das nötige Geld oder die Zeit dafür haben, doch meine Erfahrung ist eine ganz andere. Einfach machen, dann kommt die Zeit und das Geld. Wenn man so denkt, kann man auch Unmögliches möglich machen.“

„Follow your bliss, and doors will open, where there were no doors before” empfahl der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (“Die Kraft der Mythen”, „Das bist Du“, ”Der Heros in tausend Gestalten”) seinen Studenten. Wenn wir unserer innersten Freude („bliss“ ein kaum zu übersetzendes Idiom) folgen, so Campbell, begeben wir uns auf eine Spur, die eigentlich immer schon auf uns gewartet hat. In dem mit „Nachklang“ überschriebenen Resümee ihres Buches merkt man den Autoren Fuchs und Gill an, dass sie von Campbell inspiriert wurden, etwa wenn die Rede ist vom Sinn des Lebens, der sich weniger durch ständige Selbstreflektion als durch das eigene Handeln selbst ergebe, oder eben wenn es heißt „Wenn wir unserer Freude folgen, bringen wir uns gewissermaßen auf eine Spur, die immer schon da war und auf uns wartete, und je mehr wir ihr folgen, desto mehr leben wir ein in sich stimmiges Leben.“ Im Buch selbst findet Campbell überraschenderweise keine Erwähnung. Dies machen die Autoren jedoch wieder gut, in dem sie auf ihrer Website Campbell zitieren. Dort kann auch jeder seinen eigenen „Modernen Helden“ nominieren, sei es nun ein TV-Prominenter oder die Verkäuferin aus dem nächsten Supermarkt.

 

Copyright 2004-2006 Sukhavati.de. All rights reserved