Vom Umgang mit Bildern und Sinnbildern:
"Kunst und Symbol"

Interdisziplinäres Kolloquium vom 23. bis 25. Juni 2006
im Deutsch-Amerikanischen Institut Heidelberg (dai)

Kunst und Symbol ist ein interdisziplinäres Kolloquium mit Vorträgen von Philosophen, Theologen, Psychologen und Mythologen, begleitender Ausstellung von acht Künstlern (unter dem Titel Vom Leben der Symbole), sowie einem Konzert von in process, dem Ensemble des Avantgarde-Komponisten Ulli Götte, das sich auf minimalistische und repetitive Musik (John Cage, Philip Glass, Ulli Götte, Arvo Pärt, Steve Reich u. a.) spezialisiert hat.

Die Idee von Kunst und Symbol besteht (in Anlehnung an die Prinzipien von sukhavati.de) darin, künstlerische Imagination, intellektuelle Auseinandersetzung mit Symbolen und musikalische Erfahrung von symbolhaften Zusammenhängen zusammenzubringen.

Vernissage der Ausstellung "Vom Leben der Symbole" im Deutsch-Amerikanischen Institut am Freitag, den 23. Juni um 19:00. Malerei von Nadine Joos, Caroline Laengerer, Armin Liebscher, Petra Lindenmeyer, Hildegard Parekh, Sonja Scherer, Franz Schuck und Martin Weyers. Die Ausstellung ist auch am Samstag und Sonntag von 10:00 bis 17:00 geöffnet.

Kolloquium am Samstag, den 24. Juni, von 10:00 bis 17:30.

Konzert von in process am Samstag, den 24. Juni, um 19:30.

Der Eintritt zu Kolloquium und Ausstellung ist frei.

Karten für in process für 10 Euro an der Abendkasse.

 

1. Die Idee | 2. Das Vortragsprogramm | 3. Die Ausstellung | 4. Das Konzert
 

 

1. Die Idee

Die Idee, ein interdisziplinäres Kolloquium mit Vorträgen und einer begleitenden Ausstellung zu veranstalten, entstand 2004 durch Berührungspunkte zwischen dem Heidelberg RoundTable und dem Konvent Heidelberg des Evangelischen Studienwerks  e.V. Villigst. Auf Anregung von Oliver Stahlheber, seines Zeichens Villigst-Stipendiat, begannen Petra Joswig, Oliver Stahlheber, Maria Weigel und Martin Weyers, im Anschluss an ein RoundTable-Treffen, über Thematik und mögliche Durchführung nachzudenken. Anna Godzik und weitere Villigst Stipendiaten unterstützten uns schließlich bei der weiteren Durchführung.

Das Thema war bald gefunden: Kunst und Symbol — wie können wir heute noch sinnvoll mit Symbolen umgehen? Was haben wir gegenüber früheren mythologisch geprägten Gesellschaften gewonnen, was verloren? Die Gliederung in drei Scherpunktbereiche (Tradition, Erfahrung, Gesellschaft) bot sich an, und konnte dank der Bereitschaft eines weiten Spektrums von Experten aus verschiedenen Fachrichtungen bald mit Inhalt gefüllt werden.

Unter der Schirmherrschaft des Evangelischen Studienwerks e.V. Villigst konnten wir sinnvoll weiterplanen. Die Unterstützung des Deutsch-Amerikanischen Instituts (dai), sowie des Kulturamts der Stadt Heidelberg, ermöglichte uns, das Projekt sicher auf drei Säulen zu stellen: Dem zentralen Kolloquium mit Vorträgen, sowie der Organisation einer begleitenden Ausstellung unter dem Titel Vom Leben der Symbole und eines Konzerts mit Minimal Music — jener Musikrichtung, die in den letzten drei Jahrzehnten eine zentrale Rolle in der Avantgardekunst eingenommen hat (man denke nur an die Musik von Philip Glass, die aus Film und Musiktheater nicht mehr wegzudenken ist).

 

1. Das Vortragsprogramm

Symbole werden in Kunst und Religion, in der Wissenschaft und im Alltag verwendet - meist ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Das Denken in Bildern läuft weitgehend automatisch und
unabhängig von bewusster Wahrnehmung ab. Das Kolloquium Kunst und Symbol versucht, die vielfältige Wirkungsweise von Symbolen ans Licht zu bringen.

Wie ermöglichen Symbole Orientierung in den verschiedenen Bereichen der Kultur und des menschlichen Lebens? Wie werden sie vereinnahmt für politische und ideologische Zwecke? Wie haben sich das Symbol und seine Wirkungsweise im Laufe der Geschichte verändert?

Die klassische Kunst verwendete Zeichen, die es zu entschlüsseln galt. Im Mittelalter und in der Renaissance waren Bilder für jedermann lesbar. Sie erzählten Geschichten, die den Menschen
bereits vertraut waren, ganz gleich ob es sich um biblische oder mythologische Stoffe handelte. Die moderne Kunst setzt dagegen auf die Vorstellungskraft des Betrachters, sie fordert heraus zu
eigenen Wahrnehmungen. Die Tiefenpsychologie in der Tradition von C. G. Jung versucht Bilder und Geschichten als nach außen projizierte psychische Vorgänge zu lesen. So ermöglicht die
Erforschung von Symbolen auf der einen Seite eine tiefere Erfahrungsweise, auf der anderen Seite lassen sich Symbole gesellschaftlich nutzen, aber auch missbrauchen. Im Zentrum des Kolloquiums steht ein Vortragsprogramm, das eine große Vielfalt von Sichtweisen verspricht.

Um nicht den Überblick zu verlieren angesichts eines so komplexen Themas, wird die Heidelberger Kunsthistorikerin Dr. Petra Joswig gleich zu Anfang die Zuhörer an die Hand nehmen, um ihnen einen Rundblick über das weite Feld der Symbole verschaffen, bis hin zum Ende der Ikonographie, die in der klassischen Kunst eine allgemeinverständliche Bildsprache gewährleistete.

Daran anknüpfend kommt ein Theologe zu Wort: PD Dr. habil. Knut Berner, Studienleiter des Evangelischen Studienwerks e.V. Villigst, dem Schirmherr des Kolloquiums, beleuchtet die Geschichte der Symbole aus philosophisch-theologischer Perspektive beispielhaft anhand traditioneller und neuer Symbolik des Bösen. Dabei kommen Beispiele aus Nationalsozialismus und Terrorismus genauso zur Sprache wie die Unterhaltungsindustrie in Form des modernen Horrorfilms.

Kunst und Symbol - BaumIm Anschluss an den historischen Blickwinkel rückt der Bereich der Erfahrung von Symbolen in den Vordergrund. Dr. Hildegard Parekh kennt als Psychoanalytikerin und Bildende Künstlerin den Bereich des Symbolischen sowohl aus der Perspektive des Erfinders, als auch des Interpreten von symbolischen Bildern. Anhand eines zentralen Sinnbilds, dem Lebensbaum, und seiner überraschenden Aktualität im Bewusstsein von Patienten unter Hypnose, wird die Relevanz von Symbolen für Therapie und Selbsterkenntnis verdeutlicht.

Dr. Christmut Präger, Kunsthistoriker aus Heidelberg, wird versuchen, das Symbol aus kunsthistorischer Perspektive zu deuten, wobei die besondere Erfahrungsweise von modernen Kunstwerken, die den Betrachter zu eigenen Assoziationen anregen wollen, einen besonderen Stellenwert annimmt. Der Kunsthistoriker nimmt dabei auch auf moderne Ikonen der Fotografie, sowie Alltagssymbole und Piktogramme Bezug. Daher nennt er seinen Vortrag Kopftuch, Kreuz und Che Guevara.

Mit Robert Walter ist zudem ein amerikanischer Gastredner zu hören, der als Herausgeber von Autoren wie dem LSD-Entdecker Albert Hofmann, sowie der Mythenforscher Marja Gimbutas und Joseph Campbell, Erfahrungen im Bereich Mythologie und Symbole gesammelt hat. Von seinen Ausführungen darf man sich nicht nur Erkenntnisse aus erster Hand zur heutigen Erlebnisweise von Symbolen und Mythen erwarten, sondern darüberhinaus Einblicke in die Besonderheiten der amerikanischen Gesellschaft.

Bob Walter resümiert unter dem Titel The Symbol unmoored die Bedingungen, Verlockungen und Gefahren traditioneller und neuer Symbolik, unter Verwendung nautischer Metaphern (wie sie einst der Philosoph Hans Blumenberg in seinem Buch Schiffbruch mit Zuschauer geistreich untersucht hat). Bob fasst seinen Vortrag wie folgt zusammen:

"The opening sentence in The Way of the Animal Powers, Volume I of Joseph Campbell’s penultimate opus, his multi-volume Historical Atlas of World Mythology (left uncompleted at his death), reads:

"We live, today, in a terminal moraine of myths and mythic symbols, fragments large and small of traditions that formerly inspired and gave rise to civilizations."

[(New York: Alfred van der Marck Editions, 1983; distributed by Harper & Row San Francisco), p. 9; Webster’s Third New International Dictionary defines moraine as “an accumulation of earth and stones carried and finally deposited by a glacier.”]

In the two decades since Campbell penned those words, the rain of global media has inundated the geosphere; and those mythic fragments, both sacred and secular, have been swept away in a veritable rip-tide of insistent refrains and arresting images: evocative, invocative, some provocative, others iconic, many happenstance, even more manufactured—but all demanding our immediate attention, each insisting in its own way that “Attention must be paid!”

Day by day we are faced with wave upon wave of commercial flotsam and jetsam: brand names, franchises, logos, trademarks, design marks, and celebrities—all vying for our attention, striving for iconic status, promising the experience of authenticity, consistency, and reliability, not to mention the security of a known identity. Each has a story to tell; each, an implied or stated covenant to keep.

Some argue that our species impulse for creative thought and spontaneous action has been drown in the veritable tsunami of signs that regulate our every action—alerting, suggesting, reminding, commanding, warning: some, paradoxically, apparently unfathomable; others, having a surfeit of meanings.

Cast adrift on this sea of insistences, this ocean of cultural effluvia, what are we poor, non-amphibious inhabitants of planet Earth to do? Our ancient symbolic crafts have become unmoored and have drifted out of reach. In hopes of finding safe harbor, some will seek shelter in placid coves, hiding away and thinking themselves safe from the rising tide. Others will labor a lifetime to construct a sea-worthy ark in which to weather such temporal storms. And a few metaphoric mariners will cobble together rickety rafts from recycled detritus and strange conjurings, and then set sail on these meaningful follies through uncharted waters toward imagined, yet undiscovered, shores.

Meanwhile, the tides will keep rising and falling. “Attention must be paid!” The waves will keep rolling in, faster and faster. “Attention must be paid!” Relentlessly. “Attention must be paid!” But to what? For yesterday’s archetype is today’s cliché. You chose.Kunst und Symbol - Schiff

 “Any object, intensely regarded, may be a gate of access to the incor-ruptible eon of the gods.”— James Joyce, Ulysses

 

Die Veranstaltung schließt mit einer Podiumsdiskussion mit allen beteiligten Rednern.

 

3. Vom Leben der Symbole

Symbole sollen jedoch nicht nur aus geisteswissenschaftlicher Perspektive untersucht, sondern auch erfahren werden: Begleitet wird das Kolloquium von einer Ausstellung, die versucht, die unterschiedlichen Blickwinkel der zeitgenössischen Kunst auf das Symbol anhand einer Auswahl von Künstlern aus dem Rhein-Neckar-Raum zu untersuchen.

In den Werken aller ausgestellten Künstler und Künstlerinnen (Vernissage am Freitag, den 23. Juni um 19:00, Gallery Upstairs im dai Heidelberg) spiegelt sich ein zeitgemäßer Umgang mit Symbolen auf besonders signifikante Weise. Dabei handelt es sich keineswegs um eine gemeinsam vertretene Richtung, vielmehr um ein breites Spektrum künstlerischer Positionen:

Nadine Joos
1980 geboren, lebt und arbeitet in Ulm. Die Acrylbilder zeigen verschiedene Kugeldarstellungen. Die Kugeln können Transzendentes symbolisieren, gleichzeitig aber auch als Metapher für ein Subjekt stehen.

Caroline Laengerer
1962 geboren, lebt und arbeitet in Heidelberg. Die bildhauerischen Werke bestehen aus Naturmaterialien wie Holz, Bambus, Farnstöcken, Sand, Ton, Erde, die teilweise mit oder zu Papier verarbeitet werden. Der ewigwährende Naturkreislauf von Vergänglichkeit und Erneuerung wird nachvollziehbar.

Armin Liebscher
1957 geboren, lebt und arbeitet in Mannheim. Die aus feinen Acryllasuren bestehenden Bilder sind von bildhaften Zeichen und menschlichen Figuren bevölkert, die sich auf der Reise in eine andere Sphäre zu befinden scheinen.

Petra Lindenmeyer
1968 geboren, lebt und arbeitet in Heidelberg.
Die bestickten Fotodrucke zeigen die Künstlerin mit einem mühlradgroßen Papierkragen. Der Kragen verwandelt sich vom Machtsymbol zum Symbol für Eingezwängtsein.

Hildegard Parekh
1945 geboren, lebt und arbeitet in Heidelberg. Die mit Wachs überzogenen Holztafeln bilden Steinzeichnungen von Indianern in Arizona nach. Die dargestellten Zeichen sind Teil einer Symbolsprache und haben kultische und religiöse Bedeutung.

Sonja Scherer
1953 geboren, lebt und arbeitet in Mannheim und Ludwigshafen. Die hochformatigen Papierarbeiten sind gespeist von ostasiatischen Einflüssen. Tassenähnliche Formen erwecken Erinnerungen an Teezeremonien und werden zu Chiffren für eine fremde Kultur.

Franz Schuck
1966 geboren, lebt und arbeitet in Freiburg. Bei den mit einem Aschegrund versehenen Acrylbildern lassen sich die kantigen Formen mit Buchseiten assoziieren. Gleichzeitig hat das Material Asche eine symbolische Bedeutung.

Martin Weyers
1964 geboren, lebt und arbeitet in Heidelberg und Ludwigshafen. Die Gemälde und Grafiken zeichnen sich durch einen sehr freien Umgang mit Symbolen aus. Aufgebrochene Labyrinthe und vegetative Formen stehen für Entwicklung und Rückkehr zum Ursprung des Lebens.

 

4. Ulli Götte und "in process"

Ulli Götte hat sich als Musiker wie Komponist einen Namen gemacht. In process heisst sein Ensemble, das neben Eigenkompositionen auch Werke von Komponisten wie John Cage, Philip Glass, Steve Reich oder Arvo Pärt zur Aufführung bringt.

Götte, zu dessen Hauptwerken das im Auftrag der Expo 2000 in Hannover komponierte Mensch und Maschine gehört, gelingt es in seinen Konzerten immer wieder, einen engen Kontakt zum Publikum herzustellen, ein unprätentiöses Auftreten, das so gar nicht zu der üblichen Distanz passen will, die der Avantgardeszene im Allgemeinen nachgesagt wird.

Dabei sind Götte und seine Musiker so perfektionistisch wie unelitär — ein Eindruck, den jeder wird bestätigen können, der einmal hören durfte, wie das Ensemble etwa die schwierigen, teils atemberaubend schnellen Stücke von Steve Reich zur Aufführung bringt. In process dürfte, genauso wie die begleitende Ausstellung Vom Leben der Symbole, bestens geeignet sein, um im Rahmen unseres Symposiums neben der intellektuellen Auseinandersetzung mit Symbolen auch die sinnliche Erfahrung von Kunst und Musik zur Entfaltung zu bringen.

 


 

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