Kleine Joseph Campbell Enzyklopädie der Mythologie

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~ James Joyce ~

Es gibt eine Redewendung in Finnegans Wake, die mir die ganze Bedeutung von Joyce auf den Punkt zu bringen scheint: Herr, überhäufe uns mit Geheimnissen, aber umgarne unser Tun mit leisem Lachen.  (Oh Lord, heap
Mysteries upon us, but entwine
Our work with laughter low.
) Und dies ist der Sinn des buddhistischen Bodhisatva: Freudige Teilnahme an den Sorgen der Welt.

(Joseph Campbell, The Hero's Journey)

Campbell, Joyce: A Skeleton Key to Finnegans WakeCampbell fand in James Joyce und Thomas Mann zwei zeitgenössische Schriftsteller, die, jeder auf seine eigentümliche Weise, den Kern des Mythos zurück in die Gegenwart zu bringen versuchten. Während Thomas Mann in Deutschland schon früh als bedeutender Autor anerkannt war, hat Joyce aufgrund seines experimentellen Sprachgebrachs in seinen Hauptwerken Ulysses und Finnegans Wake zum Teil bis heute gegen Vorurteile anzukämpfen.

Campbell hat Joyce bereits während seiner Studienjahre in Paris entdeckt. Ulysses war auch ihm zunächst unlesbar erschienen. Anders jedoch, als manche Zeitgenossen, die für wertlos hielten, was ihre augenblicklichen Möglichkeiten überstieg, wandte Campbell sich an Sylvia Beach, Joyce's Herausgeberin  in Paris. Nach einigen Hinweisen, wie ein solches Buch zu lesen sei, erschien James Joyce dem jungen Campbell plötzlich als jemand, der mit seinen eigenen zeitgemäßen Mitteln die Sprache des Mythos erneuert hatte.

Zu dieser Zeit arbeitete Joyce bereits an seinem nächsten großen Werk: Finnegans Wake. Die Faszination an Ulysses veranlasste Campbell und den befreundeten Autor Henry Morton Robinson, mit A Skeleton Key to Finnegans Wake gemeinsam eine Leseanleitung für den neuen Roman des irischen Autors zu verfassen. Zu einem Zeitpunkt, da Ulysses in den USA ein verbotenes Buch und Joyce ein unbekannter Autor war, hatten die beiden Autoren bereits das Fundament für eine größere Breitenwirkung des als schwierig geltenden Künstlers gelegt.

Echte Popularität konnte der große Ire jedoch nie erlangen. Er starb, bevor er, als langersehnten Traum, ein abschließendes Buch schreiben konnte, das leicht zugänglich sein, und doch die Tiefe seiner vorangegangenen Publikationen erzielen sollte. Noch heute zweifelt mancher daran, dass es sich bei Joyce's Wortkreationen und Satzkonstruktionen um sinnvolle Verlautbarungen handelt. In Ulysses etwa enttäuscht der Autor alle Erwartungen, die man für gewöhnlich an einen umfangreichen Roman richtet. Wo der Leser eine übergeordnete Erzählperspektive erwartet, liefert Joyce einen endlosen Gedankenstrom augenblicklicher Bewusstseinseindrücke, der am Ende des Buchs dort endet, wo er begonnen hatte.

Lässt man sich auf das Spiel ein, muss man mit Campbell anerkennen, dass die von Joyce geleistete stilistische Innovation einen Grad höchster Bewusstheit ermöglicht, die in mythische Sphären führt, ohne sich der üblichen überkommenen und oftmals erstarrten Sinnbilder zu bedienen. Die Reise beginnt im wüsten Land der modernen Gesellschaft; Sie vollzieht sich, vor allem, im Geiste. Und sie endet im Endlosen, in der ewig unmittelbaren Gegenwart. Transzendenz sollten wir nicht in den Kirchenraum verbannen oder hauptsächlich als Nah- oder Nachtoderfahrung ersehnen. Es ist keineswegs so, dass Eschatologien und Metaphysiken grundsätzlich ohne Relevanz wären. Jedoch, als Menschen versuchen wir besser die höchsten Erfahrungen von Menschen zu machen, anstatt ein anderes und vermeintlich höheres Dasein herbeizusehnen. Engel können wir immer noch werden.

Transzendenz ist erfahrbar im vollkommenen Aufgehen in der Realität des Augenblicks, im absoluten Lebendigsein. Des Mythos bedürfen wir als Zusicherung metaphysischen Aufgehobenseins, um uns ganz und vorbehaltlos dem Augenblick zu überantworten, uns fallen zu lassen in die Wirklichkeit, die immer transzendent ist. Um "transparent zu werden für die Transzendenz" (Karlfried Graf Dürckheim).

Campbell, Joyce: Mythic Worlds, Modern WordsDabei bezieht Joyce die gesamte menschliche Erfahrungswelt ein, um sie einem geistigen und geradezu spirituellen Transformationsprozess zu unterziehen. Auch aus kultivierter Perspektive minderwertige Motive wie etwa der an einen Felsen pissende Hund spielen eine gewisse Rolle. Etwa ein Viertel von Ulysses besteht aus einer Bordellszene, die nicht etwa pornographische Züge trägt, sondern Traumbilder und reale Beobachtungen vermischt, um die unterschiedlichen, aber gleichermaßen ernstgenommenen Realitätsbereiche in einem alchemistischen Bewusstseinszustand der Verwandlung und Ineinssetzung aufgehen zu lassen.

Auf solche Weise findet Joyce die ewiggleiche mythisch-mystische Einsicht der Identität allen Seins im scheinbar Banalsten, wie Campbell aufzeigen kann:

"Die sich durch das ganze Kapitel ziehende nigredo und putrefactio der "entgegengesetzten Pole" Bloom und Stephen und das Zerbrechen vor allem Stephens feuersteinharter Abwehrhaltung führen diesen am Wendepunkt des Buches zu einer Erfahrung, die für ihn absolut neu war, nämlich zu der Erfahrung von Mitempfinden, Mitleid, einem Moment spontaner Identifikation mit Bloom, dem "entgegengesetzten Pol"." (Die Masken Gottes IV)

Für den Protagonisten Stephen Daedalus löst sich damit auf spontane erfahrungsmäßige Weise ein theologisches Problem, das ihm zu schaffen gemacht hatte, als er am Strand sitzend einen Ertrinkenden beobachtete: Das Problem des Konsubstantialität, d.h. der letztlichen Einheit von Vater und Sohn, Gott und Mensch, Mensch und Mitmensch.

Wo mancher Zeitgenosse Geschmacklosigkeit und Sittenverfall vermutete, vollzieht sich eine Wandlung des Geistes, die Campbell mühelos einer Beschreibung des christlichen Mystikers Nikolaus von Kues gegenüberstellt: "[...] So beginne ich, an der Pforte des Zusammenfalls der Gegensätze, die der Engel bewacht, am Eingang des Paradieses stehend, dich, Herr, zu schauen." (Nikolaus von Kues, De visione Dei)

 

 

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Quellen und weiterführende Literatur:

~ Die Masken Gottes IV — Schöpferische Mythologie

~ The Hero's Journey. Joseph Campbell on his Life and Work

~ Mythic Worlds, Modern Words. On the Art of James Joyce

~ A Skeleton Key to Finnegans Wake. Unlocking James Joyce's Masterwork

~ Reflections on the Art of Living. A Joseph Campbell Companion

~ An Open Life. Joseph Campbell in Conversation with Michael Toms

 

(Anmerkung: Das hier abgebildete Buchcover von Mythic Words, Modern Worlds zeigt einen frühen Entwurf; Für die letztliche Realisation wurde das hier zu sehende Joyce-Portrait durch ein Gemälde von Andrea del Sarto ersetzt, das Daedalus und Ikarus zeigt.)

 

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