|
~
Jesus ~
"So, wie wir die christliche Religion normalerweise auffassen, können
wir uns nicht mit Jesus identifizieren, wir müssen Jesus imitieren. Mit
Jesus zu sagen: Ich und der Vater sind eins, ist für uns
Blasphemie. Jedoch im Thomasevangelium, das vor gut vierzig Jahren in Ägypten
ausgegraben wurde, sagt Jesus: Wer von meinem Munde trinkt, wird wie
ich werden, und ich selbst werde er werden. Das ist Buddhismus durch
und durch. Wir sind alle Manifestationen des Buddhabewusstseins, oder
des Christusbewusstseins, wir wissen es nur nicht. Das Wort Buddha
bedeutet der Erwachte. Wir alle tun das
— zum Christus- oder
Buddhabewusstsein in uns erwachen. Das ist nach der normalen
christlichen Denkweise Blasphemie, aber es ist die eigentliche Essenz
der christlichen Gnosis und des Thomasevangeliums."
(Joseph
Campbell, Die Kraft der Mythen)
Das
Thomasevangelium galt viele Jahrhunderte als verschollen.
Origenes erwähnt es bereits 235 n. Chr., ebenfalls der 235 verstorbene
Kirchenvater Hippolyt von Rom. In der Bibel ist nichts davon zu finden,
denn welche Texte als authentisch aufgenommen oder aber als "apokryph"
abgelehnt werden sollten wurde bereits in den Jahren bis 200 n. Chr.
entschieden. Damals jedoch hatte das Thomasevangelium im römischen
Reich noch keine Verbreitung gefunden.
Im Jahr 1946 fand man bei Ausgrabungen
nahe der ägyptischen Stadt Nag Hammadi einen Text, der mit
"Evangelium nach Thomas" unterschrieben ist, und Parallelen zu
einigen Fragmenten aufweist, die bereits um 1900 in Ägypten gefunden
worden waren. Der neuerliche Fund sorgte für einige Aufregung, da man
glaubte, ein Zeugnis der Worte Jesu ausgegraben zu haben, das früher
entstanden sei als die vier bekannten und von der Kirche anerkannten
Evangelien. Offenbarte sich hier nun die tatsächliche Lehre Jesu, frei
von Um- und Fehldeutungen, die sich im Laufe der Geschichte
eingeschlichen hatten? Der stark mystisch ausgerichtete Charakter des
Thomasevangeliums schien zudem die Standpunkte der Kirche in Frage
zustellen, denn Jesus lehrt darin, dass das Himmelreich jedem
zugänglich und in jedem ein göttlicher Funke sei. Dagegen vertritt die
Amtskirche verständlicherweise den Standpunkt, dass Erlösung allein
durch die "heilige Kirche" zu erlangen ist. Und allein Jesus
ist gottähnlich, während der Mensch sein Heil im Heil der Kirche zu
suchen habe. Das Thomasevangelium hatte wiederum keine Chance, in den
Kanon der kirchlich authorisierten Schriften aufgenommen zu
werden.
Die Datierung ist heute umstritten. Die
meisten Forscher gehen jedoch davon aus, das der als "Evangelium
nach Thomas" unterzeichnete Text in Teilen auf noch ältere
Schriften zurückgeht. Es zeigt sich, das im frühen Christentum eine
Haltung, die offen ist gegenüber der inneren Erfahrung des Göttlichen,
eine große Bedeutung gehabt haben muss. Frühe Bestrebungen, an die
Stelle des mystisch orientierten
Frühchristentums eine Amtskirche mit verbindlichen Glaubenssätzen
treten zu lassen, haben den Weg des Christentums von einer mystisch
geprägten Gemeinschaft Einzelner zu einer hierarchisch strukturierten
Institution mit religiösen und politischen Machtansprüchen
vorgezeichnet.
Auf dem Konzil von Nicäa, abgehalten im Jahre 325 unter
dem römischen Kaiser Konstantin I., wurden die ersten Glaubensdogmen
festgelegt, die dem Anlehnungsbedürftigen feste Orientierung boten,
während es Individualisten, Freigeister und Andersgläubige fortan
schwer haben sollten. Das Johannes-Evangelium mit seiner Fokussierung
auf die "Heilige Schrift" als verbindlichem Wort Gottes bei
gleichzeitiger Ablehnung der eigenen inneren Erfahrung sollte unter
Konstantin verbindlich werden. Die mystische Sicht des Thomasevangeliums
wurde zur Häresie und hatte nun im Wüstensand zu warten, auf eine
Zeit, in der viele Menschen den Lehrmeinungen der Kirche skeptisch
gegenüberstehen würden, und innere Erfahrung wieder einen höheren
Stellenwert als theologische Ideologien einnehmen würde.
"Jesus sagte: Ich bin das Licht,
das über allen ist. Ich bin das All; das All ist aus mir hervorgegangen
und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen
Stein auf, und ihr werdet mich dort finden." (Evangelium nach
Thomas)
Geht man davon aus, dass das Licht,
von dem Jesus spricht in allen und allem gegenwärtig ist — der
göttliche Funke, der nur darauf wartet entfacht zu werden — dann ist
von hier aus der Weg nicht weit zu der Einsicht des Zen-Patriarchen Hui-Neng (638-713): "Finde dein wahres Gesicht, das älter ist als
die Welt. Das einzige Geheimnis ist in dir!"
Abb.: Rosette des Doms zu Speyer:
Christus im Zentrum, das mit dem Zentrum des
Mandala und der Nabe des Rades (siehe: Geld)
identisch ist.
___________________________________
Quellen und weiterführende Literatur:
~
Das
bist Du
~
Die Kraft der Mythen
~
Mythen der Menschheit
~
Die
Masken Gottes III — Mythologie des Westens
~ Reflections on the Art of Living.
A Joseph Campbell Companion
|