Kleine Joseph Campbell Enzyklopädie der Mythologie

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~ Gral ~

"In der Geschichte von Sir Galahad stimmen die Ritter überein, sich auf eine Suche zu begeben, jedoch, es für ehrlos haltend in einer Gruppe auszureiten, betrat jeder den Wald an diesem oder jenem Punkt, dort wo er ihnen am dichtesten erschien, jeder jedoch an solchen Plätzen, wo kein Weg oder Pfad vorzufinden war."

(Joseph Campbell, Reflections on the Art of Living)

Gral - Gralsschloss mit spiegelnder Erdkugel als sukhavati.de LogoDer Weg eines Anderen wird zum Irrweg, sobald man ihn sich selbst zueigen machen will. Als authentisch gilt nur derjenige Weg, welcher der Natur des Reisenden gemäß ist. Einen solchen Weg jedoch muss sich jedes Individuum selber bahnen. Leben entwickelt sich mit einer Eigendynamik, und soll die Lebensquelle nicht versiegen, so ist es angeraten, sich dieser Dynamik anzuvertrauen.

Traditionelle Vorbilder können als Orientierungshilfe nützlich sein. Schließlich bildet auch das Modell der Heldenreise ein solches Orientierungsmuster. Allerdings handelt es sich dabei um ein inneres, psychologisches Modell, dessen Autorität und Wirksamkeit seiner Beziehung zur menschlichen Natur erwächst. Ganz anders die Deutungsmuster der Theologie, die auf Konzepten einzelner autorisierter Persönlichkeiten beruhen, und in die sich Lebenseinsichten genauso mischen wie persönliche und zeitbedingte Makel. Theologien können, wie alle Theorien, immer nur für ihre Zeit gelten. Tiefenpsychologische Einsichten dagegen sind, wie alle tiefen Erfahrungen, grundlegenderer Natur. Darum lassen sich in den Mythen der Welt Strukturen aufdecken, die augenfällige Übereinstimmungen zeigen, obwohl die Geschichten selber aus unterschiedlichsten Zeiten und Kulturen stammen. 

Die Gralsgeschichten enthalten jedoch auch Züge, die eigentümlich sind für die Kultur des Abendlandes. Die Artuslegenden, von denen die Geschichten um den Gral nur einen Teil bilden, sind aus der Empfindung eines Ungenügens überlieferter religiöser Glaubensmuster entstanden. Campbell betrachtete sie als einen Versuch des europäischen Geistes,  den aus Nahost importierten Monotheismus zu assimilieren und Raum zu schaffen für die spezifischen Werte des Abendlandes, die er in Individualismus genauso wie im Ideal der persönlichen Liebe sah. Letztere wurde von den französischen Troubadours, später von deutschen Minnesängern thematisiert. Zu den unpersönlichen Formen der Liebe — Eros und Mitgefühl — tritt nun als dritte Form das persönliche Verhältnis zweier Liebender hinzu. Eine Erfahrung, die neue Ausdruckformen in Musik und Dichtung verlangte. 

In den Geschichten des Mittelalters, die sich um den Gral (Parzival) und die Liebeserfahrung (Tristan und Isolde) ranken, findet spirituelle Erfüllung in der lebendigen Erfahrung statt. Die Geschichten vereinen somit Transzendenz und Diesseitigkeit. Im selben Maße wie das Göttliche säkularisiert wird, erfährt die Welt eine Sakralisierung. Dem Ideal einer individuellen spirituellen Suche, wie sie in den Gralsversionen etwa eines Chrétien de Troyes oder Wolfram von Eschenbach zutage tritt, stellen zisterziensische Mönche ihre christlichen Fassungen der Gralsgeschichte gegenüber. Das Christentum assimiliert, wenn nicht in den offiziellen Lehren, so doch unter der Oberfläche, was in den Gralsgeschichten die Menschen zu berühren vermag.  Der Lauf der Dinge lässt sich nicht aufhalten. Von den Gralsgeschichten ausgehend, entwickeln sich die Ideale individualistischer Selbstbestimmung und persönlicher Liebe. Die Auswirkungen sind noch in den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte aufzeigbar, von der Hippiekultur der Sechziger bis zu den Lebensformen des heutigen Tages.

 

 

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Quellen und weiterführende Literatur:

~ Reflections on the Art of Living. A Joseph Campbell Companion

~ The Western Quest (Audio)

~ Mythen der Menschheit

~ Die Masken Gottes IV — schöpferische Mythologie

 

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