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Karlfried
Graf Dürckheim ~
"Transparent
für die Transzendenz — seit ich dies in meinen Wortschatz
aufgenommen hatte, erschien es mir als das einzige, worauf es
ankommt. Meine Definition von Mythos lautet heute: Eine Metapher,
die transparent ist für die Transzendenz."
(Joseph
Campbell,
The Hero's
Journey)
Transparent
für die Transzendenz zu werden, darin sah Karlfried Graf
Dürckheim den Kern seines spirituell-therapeutischen Trainings auf
den Punkt gebracht. Joseph Campbell hat in seinen späten Jahren
den Ausspruch immer wieder gerne als geistiges Ziel der
Auseinandersetzung mit Mythen zitiert.
Campbell
lernte Karl Friedrich Alfred Heinrich Ferdinand Maria Graf
Eckbrecht von Dürckheim-Montmartin erst spät persönlich kennen,
als er ihn in seiner Wirkungsstätte im Schwarzwald aufsuchte. Campbell
muss von Dürckheims Persönlichkeit stark beeindruckt gewesen sein
, denn er nannte ihn noch Jahre später den
"Polarstern" (The Hero's Journey)
Transparent
zu werden für die immanente Transzendenz war das selbsterklärte
Ziel des geistigen Trainings, wie es Graf Dürckheim lehrte und
selbst praktizierte. Und "to become transparent to the
transcendent" als Ziel der Persönlichkeitsentwicklung wurde
zu einem der Lieblingszitate des späten Joseph Campbell.
Dürckheim
hat in seinem Ausspruch auf den Punkt gebracht, was in vielen
Heldenmythen besungen wird. Obgleich Therapeut und Mystiker,
stehen seine inneren Entdeckungen in engem Bezug zur Heldenreise,
wie sie sich in den Mythen der Welt spiegelt, und als solche von
Campbell erforscht worden ist: Die Entdeckung und Erfahrung der
transzendenten Quelle allen Seins, des Weltnabels, aus dem die
Formen in die Welt aus Zeit und Raum strömen, gehört zu den
wesentlichen Stationen der mythischen Heldenreise. Die Gewissheit
des Ewigen
hinter der Welt der Erscheinungen gehört zum Rüstzeug
des mythischen Heroen. Ohne diese letzte unzerstörbare Gewissheit
müsste es ihm an Mut ermangeln.
Zurück aus der Welt der
Transzendenz jedoch, erfährt er, das die beiden Welten, die des Alltags und jene
transzendente Zone, letztlich ein und dieselbe Wirklichkeit sind.
Die künstliche Trennung in eine diesseitige und jenseitige Welt,
in ein blasse Hier und verheißungsvolles Dort, war nur das
Produkt einer unvollkommenen Wahrnehmung. Was vor Antritt der
Reise als ferner Ort der Götter erschien, ist in Wahrheit eine
projizierte Welt dessen, woran es dem Hier und Jetzt fehlte. Der
Dualismus war nur das Produkt einer verkümmerten
Wahrnehmung. Die Reise hat sich vor allem
als eine innere Reise vollzogen. In ihrem Vollzug hat der Heros fremde
Welten erkundet, die sich ihm nun als die vernachlässigten
Bereiche seiner eigenen Psyche und der seiner Gesellschaft
erweisen.
Was dem Menschen gewöhnlich
getrennt erscheint —
hier das Profane und dort die Idee oder
Realität des Transzendenten —
ist tatsächlich eine
untrennbare homogene Wirklichkeit. Alle Trennung, alle Gefühle des Abgesondertseins sind letztendlich nur als Produkt unseres
Verstandes zu verstehen. Nur einen Perspektivwechsel erfordert es,
um zu erkennen, dass die Ewigkeit "hier und jetzt" ist (Reflections
on the Art of Living). Und so muss auch der Heros letztendlich
realisieren: "Die beiden Königreiche
sind eins" (Der Heros in tausend Gestalten)
Dürckheim
hat seine transzendente Weltsicht nicht im Windschutz einer
Institution oder hinter Klostermauern verwirklicht. Sein Leben
selbst liest sich wie eine Heldenreise, so abenteuerlich, wie die
Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Geboren
1886 in München, führt ihn der 1. Weltkrieg als Angehöriger des
königlich-bayerischen Infantrie-Leibregiments in die Schützengräben.
Anschließend zieht es ihn nach München, Kiel und später
Leipzig, um sich dem Studium der Philosophie und Psychologie zu
widmen. Nach England wird er geschickt als eine Art Diplomat und
außenpolitischer Mitarbeiter. Den Nationalsozialismus nimmt er
wahr als etwas "das nun einmal da war", eine gegebene Lebenssituation, in der es sich zu behaupten gilt. Das Zeug zum
Nazi hat er nicht, und so wird er bald aus dem Dienst entlassen.
Als hochrangiger Mitarbeiter lässt er sich, wie er einem einem späteren
Interview formuliert, nicht so einfach vor die Tür setzen. Er
erbittet sich die Möglichkeit, nach Japan gehen zu dürfen, wo er
zwischen 1938 und 1948 ausreihend Gelegenheit bekommt, Kontakt mit
dem Zen-Buddhismus aufzunehmen.
Zu
seinem Zen-Training zählt er auch einen sechzehnmonatigen
Gefängnisaufenthalt, den ihm eine Verleumdung in einer
amerikanischen Zeitung einbrachte. Dürckheim verzweifelt nicht,
sondern nutzt die Zeit, um in seiner engen Zelle den Boden zu
wischen, dabei singend. Jeden Morgen wacht er mit einem Gedicht auf.
Seine kreative Arbeit in der Isolation mündet in einem Roman,
dessen Hauptfigur am Ende Psychotherapeut wird.
Damit nimmt
Dürckheim bereits seine eigene Zukunft vorweg.
Zurück
in Deutschland gründet er zusammen mit seiner späteren Frau Dr.
Maria Hippius die Existential-Psychologische Bildungs- und
Begegnungsstätte, Schule für Initiatische Therapie in Todtmoos-Rütte
(Schwarzwald). Die gemeinsam entwickelte Initiatische Therapie
soll Menschen helfen, die nicht allein an einer Stärkung und
Wiederherstellung ihres gesunden Ego interessiert sind, sondern
die darüber hinaus von einem spirituellen Bedürfnis getrieben
werden, offen zu werden für den Bereich des Transpersonalen —
transzendent für die Transzendenz.
Graf
Dürckheim gehört zu den zentralen Figuren der Entwicklung von Formen
des Zen, die dem Wesen des abendländischen
Menschen angemessen sind. In seinem Versuch, westliche Mentalität
mit östlichen Formen des Bewusstseinstrainings zu verbinden, liegt
vielleicht auch die Grundlage für eine Abmilderung des gewalttätigen
Potentials monotheistischer
Glaubensformen: "Mache deinen Gott transparent für die Transzendenz, und
es kommt nicht länger darauf an, wie sein Name lautet." (Pathways of
Bliss)
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Quellen und weiterführende Literatur:
~ The Hero's Journey. Joseph
Campbell on his Life and Work
~
Die
Kraft der Mythen
~
Pathways of Bliss. Mythology and Personal Transformation
zu Karlfried Graf Dürckheim:
~ Graf Dürckheim erzählt
sein Leben (Audio-Interview, erhältlich bei
>>Audio-Netzwerk)
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