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Die Kraft der Mythen
(The Power of
Myth)
Von der Aktualität mythologischer Symbole
Joseph Campbell and the Power of Myth ist der Titel
einer Fernsehreihe, in welcher der Mythenforscher Joseph Campbell
von dem amerikanischen Fernsehjournalisten Bill Moyers zu verschiedenen
Themen aus Mythologie, Religion, Psychologie und Symbolkunde befragt
wird. Auf der Grundlage der TV-Interviews entstand das Begleitbuch zur
Serie, Die Kraft der Mythen, das den bestmöglichen Einstieg
bildet, um die Sprache der Symbole für unsere Zeit neu entdecken zu
lernen.
Den beiden Gesprächspartnern gelingt es zum Teil auf verblüffende
Weise, die Symbole
aus Mythos
und Religion
neu zu deuten und ihre
Relevanz für die heutige Zeit aufzuzeigen. Wir erfahren, warum die
geistige Krise unserer Zeit zum Teil auf dem Verlust psychologischer und
metaphysischer Sinnbilder beruht, die dem archaischen Menschen eine
Erfahrung von Harmonie zwischen Mensch und Kosmos ermöglichten. Die
Gespräche verlieren sich jedoch nicht in nostalgischen Beschwörungen
einer verlorengegangenen Welt, sondern zeigen Wege auf, hier und heute
zu einer zeitgemäßen mythischen Erfahrung zu gelangen.
Mythen in erster Linie keineswegs primitive Versuche der Weltdeutung;
Auch ist ihre Wahrhaftigkeit in Bezug auf historische Fakten durchaus
zweitrangig. Mythen sind im wesentlichen Metaphern, die auf ein
transzendentes Geheimnis deuten und - in Ritualen
zu Wirksamkeit erwacht
- den Menschen durchs Leben
geleiten.
Die Kraft der Mythen, wenige Jahre vor Campbells Tod größtenteils
auf der Skywalker Ranch von Star Wars - Schöpfer George
Lucas aufgezeichnet, sind das Vermächtnis eines der bedeutendsten
Mythenforscher des 20. Jahrhunderts, der mit seiner
tiefenpsychologischen Deutung der Grundthemen des Mythos nicht nur Licht
in das Verständnis anscheinend verworrener oder auf Magie und
Aberglauben beruhender Geschichten gebracht hat, sondern darüberhinaus
zu einer wichtigen Inspirationsquelle für Künstler
(wie etwa George
Lucas) geworden ist.
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Der Heros in tausend Gestalten
(Hero with a thousand Faces)
Psychologie der Heldenfahrt
Die Frage, wer oder was eigentlich ein Held sei, geistreich zu
beantworten, dürften nur wenigen leicht fallen. In den Augen vieler sind
dazu vor allem Hollywood-Charaktere auserlesen, während die Heldentaten
des wirklichen Lebens vor allem auf den Titelseiten der
Boulevardzeitungen zu finden zu sein scheinen.
Ganz anders Joseph Campbell in seinem bahnbrechenden Werk
Der Heros in tausend Gestalten: Campbell untersucht darin Mythen aus aller Welt,
um sie auf gemeinsame Motive und Grundstrukturen abzuklopfen. Der Heros
ist ein Individuum, das außerhalb der Gesellschaft steht, und sich auf
die Reise begibt, um zu suchen, woran es der Gesellschaft fehlt.
Immer geht der Heldenfahrt ein empfundener Mangel oder ein
Zusammenbruch der vertrauten Lebensbedingungen hinaus. Der Heros bricht
auf, um jenes Lebenselixier zu finden, durch welches das gestörte
Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann. Symbolisiert werden kann
das Elixier durch einen Gegenstand - einen Ring etwa, oder, wie im Falle
Jasons und der Argonauten, ein Widderfell -; Tatsächlich handelt es
sich aber häufig um ein psychologisches Ziel, eine Erkenntnis oder
einen Reifeprozess.
Campbell weist in seinem 1949 erstmals erschienenen Werk (Originaltitel:
The Hero with a thousand Faces) nach, dass bestimmte Grundsituationen und
archetypische Figuren in Mythen und Geschichten aus aller Welt
auftauchen. Ihre Gemeinsamkeit beruht auf der Allgemeingültigkeit
bestimmter psychologischer Grundsituationen. Zwischen Geburt und Tod
durchläuft der Mensch verschiedene Phasen, deren Bewältigung durch
Initiation und psychologische Transformation geleistet wird - oder
scheitern muss. Für den jungen Menschen gilt es
Leben, für den alten, Sterben zu lernen.
Damit erstreckt sich die Psychologie der Heldenfahrt
auch auf spirituelle und transzendente Bereiche, obgleich sie auch im
Hinblick auf die Bewältigung handfester psychologischer Grundsituationen
von Relevanz ist.
Der besondere Wert von Campbells Modell des Monomythos,
wie der Autor den in allen aufgeführten Geschichten identischen
Kerngehalt nennt, liegt in der psychologischen Relevanz von Campbells
weitgehend tiefenpsychologisch gewonnenen Erkenntnissen. Die
Heldenfahrt, wie sie sich im Weltgeschichtlichen und in der epischen
Erzählung im Großen vollzieht, spielt sich in verkleinertem Maßstab auch im Leben
des modernen Individuums ab, dem Campbells ideenreiche mythologische
Untersuchung somit als Orientierungshilfe jenseits fragwürdiger
therapeutischer oder esoterischer Moden dienen kann.
Jene Hollywoodfilme, auf die eingangs angespielt wurde, beruhen im Übrigen
tatsächlich häufig auf dem von Campbell vorgestellten Modell
psychologisch wirksamer Geschichten, das sich eben nicht nur für
psychologische und spirituelle, sondern auch für dramaturgische Zwecke
nutzbar machen lässt. Das berühmteste Beispiel einer
filmdramaturgischen Umsetzung von Campbells Ideen stellen nach wie vor
George Lucas' Star Wars - Filme dar.
Dem Anfänger sei, bevor er sich auf die Lektüre des umfassenden und
anspruchsvollen Werkes einläßt, vom selben Autor zur Einführung Die
Kraft der Mythen, sowie ferner Das
bist Du empfohlen.
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Das bist Du
(Thou art That)
Die Zukunft des Christentums in der Mystik
Galt sein Hauptaugenmerk in dem Klassiker Der Heros in tausend
Gestalten dem Heldenmythos, der sich durch bestimmte Grundmuster
auszeichnet, die sich ohne weiteres auf verschiedene, allgemein
erfahrene Lebensabschnitte übertragen lassen (Psychologische Funktion),
widmet sich Das bist Du vor allem der Frage nach dem transzendenten
Grund der Erfahrungswelt (Mystische Funktion). Campbell versucht dabei,
grundlegenden mystischen Einsichten, wie sie sich in fernöstlichen
Kulturen bewahrt haben, seiner Darstellung zufolge jedoch im jüdisch-christlichen
Kulturkreis eher unterdrückt wurden, zu neuer Wirksamkeit zu verhelfen.
Ein Buch mit dem Titel
Das bist Du (in der
amerikanischen
Originalausgabe: Thou art That) hat Campbell nie geschrieben. Was
verbirgt sich hinter dem verwirrend schlichten Titel?
Das Buch gehört zu einer Reihe von posthum erscheinenden Veröffentlichungen,
die von der [Joseph Campbell Foundation]
herausgegeben werden. Neben
vergriffenen Titeln, die somit erneut zugänglich gemacht werden, gehören
hierzu Bücher, in denen verschiedene Vorträge Campbells zu einem
zusammenhängenden umfassenderen Text verwoben werden.
Dem Herausgeber Eugene Kennedy ist es gelungen, aus einer Reihe von
populärwissenschaftlichen Vorträgen, die Campbell in seinen letzten
Lebensjahren mit Vorliebe gehalten hat, ein überzeugendes Buch zu
entwickeln, in dem der zentrale mystische Gehalt jüdisch-christlicher Symbole
herausgearbeitet wird. (Allein die etwas simpel wirkende Sprache
von Das bist Du wirkt zuweilen leicht störend; Ein verzeihliches Manko,
wenn man weiß, dass der Text den frei gehaltenen Vorträgen Campbells
folgt. Zudem ist das Buch gerade aufgrund des schlichten Tonfalls gut
lesbar und von hoher Allgemeinverständlichkeit.)
Thou art That - Das bist
Du - spricht, in der indischen
Chandogya-Upanishad der Weise Aruni zu seinem Sohn
Shvetaketu: Der
Mensch soll sich von seinem Ego lösen und seine letztliche Identität
mit dem Kosmos erfahren. In dieser mystischen Erkenntnis sieht Campbell
den zentralen Gedanken auch der Lehre Jesu, wie er sich etwa in dem
gnostischen Thomas-Evangelium äußert. Die Zukunft jüdisch-christlicher
Religiosität liegt dementsprechend in einer Abwendung von der von den
Kirchen eingeforderten Identifikation des Einzelnen mit der Gemeinschaft,
an deren Stelle die mythische Identifikation mit der Dimension der erfahrbaren
Ewigkeit des Hier
und Jetzt.
Das bist Du spiegelt die mystische
Erfahrung des Einssein von allem Sein, und bedeutet, wenn man diese
Erkenntnis zuende denkt, das alles heilig, alles Ausdruck von
Transzendenz ist. (Goethes Alles Vergängliche ist nur ein
Gleichnis). Wenn man diese zentrale Einsicht verinnerlicht hat, die
für mich den Kern von Religiosität schlechthin bedeutet, braucht man
keine übernatürlichen Wunder mehr, um religiös zu sein. Die Lösung für
eine zeitgemäße Religion
besteht daher in der Mystik.
Der Verlagstext auf dem Umschlag von Das bist Du
deutet den Titel übrigens anders, nämlich nicht als eine Identität von Ich und
Welt, Subjekt und Objekt, sondern als eine Identität von abendländischem
Individuum und biblischer Tradition. Gerade dies jedoch bezeichnet Campbell als
soziale Identifikation, welche die soziale Stammes- oder
Religionszugehörigkeit über die mythische Identifikation stellt
und damit dem Einzelnen den Weg in das Paradies versperrt, welches
Campbell nicht geschichtlich am Anfang einer Religion des Exils oder am
Ende einer Heilsgeschichte angesiedelt sehen will, sondern im Inneren
unserer selbst. Mythische Identifikation dagegen läuft letztendlich auf eine
mystische Identifikation hinaus, wie sie in Arunis Worten Ausdruck
findet.
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Die Masken Gottes
(The Masks of God)
Eine Weltgeschichte mythischer Bilder
Wo Der Heros in tausend Gestalten vorwiegend psychologisch
orientiert war, und das zu untersuchende Material ohne Rücksicht auf
Chronologie und kulturelle Unterschiede dem Modell des Heldenzyklus
einverleibte, stellt Die Masken Gottes Campbells großangelegten
Versuch dar, die Entwicklung der Mythen durch unterschiedliche Kultur-
und Zeiträume zu verfolgen, immer dabei den "Glauben an die
Einheit der ganzen Menschheit, nicht nur in ihrer biologischen
Beschaffenheit, sondern auch in ihrer Seelengeschichte" (Campbell)
im Blick behaltend.
"Diese
Geschichte", so Campbell, "hat sich überall in der Art einer
einzigen Symphonie entfaltet, deren Themen angekündigt, entwickelt,
ausgemalt und umgekehrt, verzerrt und wiedergefunden werden und heute in
einem großartigen Fortissimo aller zusammenklingenden Teile
unaufhaltsam auf einen gewaltigen Höhepunkt zutreiben, aus dem die
nächste große Bewegung hervorgehen wird. Und ich sehe keinen Grund,
weshalb irgend jemand meinen sollte, dieselben bereits vernommenen
Motive würden in der Zukunft nicht immer noch fortklingen - durchaus in
neuen Verbindungen, aber beständig dieselben Motive." Eben diese
Motive werden kaum irgendwo verständiger vorgestellt und erläutert, als
in den vier Bänden der Masken Gottes.
Dabei gelingt es dem Mythologen, unter Bezugnahme der Entdeckungen in
Biologie, Vor- und Frühgeschichte, Querverbindungen zwischen
mythologischen Entwicklungen aufzuzeigen, ohne sich dabei auf ein
alleiniges Erklärungsmodell zu versteifen. Durchaus maßgeblich
beeinflusst von Tiefenpsychologie
und Archetypenlehre eines Carl Gustav
Jung, zeigt Campbell
sich zugleich an der Diffusionstheorie interessiert: Parallele
Entwicklungen werden zum Teil auf biologische Grundmuster unseres
Verhaltens zurückgeführt, zum Teil lassen sie sich jedoch auch mit
Wanderbewegungen erklären, die bereits in der Frühzeit zu einem
kulturellen Austausch geführt haben, der weit über das gemeinhin Angenommene hinausgeht.
Will man Die Masken Gottes zu dem vorangegangenen Hauptwerk
Der
Heros in tausend Gestalten in Beziehung setzen, so könnte man
formulieren, dass, wo das Buch über die Heldenfahrt eine archetypische
Grundstruktur der Mythen anhand von Beispielen mannigfacher Herkunft
ableitet, in den Masken Gottes dagegen versucht wird, die
historische Entwicklung mythologischer Systeme in verschiedenen
Kulturräumen aufzuzeigen. In beiden Werken finden psychologische wie
historische Herangehensweisen, jedoch zeigt sich Campbell hier weitaus
tiefer an historischen Erklärungsmustern interessiert. Die systematische
Aufarbeitung mythologischer Erfahrungsweisen, wie sie sich hier
vollzieht, bildet den seriösen Hintergrund und damit ein sicheres
Fundament für die in stärkerem Maße auf populäre Breitenwirkung
zielenden Vorträge und Veröffentlichungen des späten Campbell.
Der
erste, Mythologie der Urvölker betitelte Band beginnt bei den
ersten Spuren kulturellen Verhaltens, und versucht (zum Zeitpunkt seines
ersten Erscheinens, 1959, zum Teil noch neue) wissenschaftliche Erkenntnisse aus Biologie und Archäologie einzubeziehen. In Band 2 und
3 werden die Mythologie des Ostens und Mythologie des Westens
einander gegenübergestellt. Band 3 schließlich ist ganz der besonderen
Situation der Neuzeit gewidmet: Die alten Götter
sind verschwunden, an
ihren Platz Ideologien, Weltverneinung und künstlerisches
Suchen getreten.
Eben jenes Suchen bezeichnet der Verfasser als Schöpferische
Mythologie - individuelle Variationen und Neuerfindungen mythischer
Themata in Literatur und bildender Kunst. Eingehende Betrachtung finden
die Romane von Joyce, aber auch
Thomas
Manns Zauberberg. Auch die
Artusgeschichten des europäischen Mittelalters (von denen die Gralsgeschichten
nur einen Zweig bilden) und die Malerei
eines Picasso werden ausgiebig unter dem Gesichtspunkt zeitgemäßer
mythisch-künstlerischer Neuformulierung besprochen.
Die Quintessenz der
Masken Gottes knüpft an Heinrich
Zimmers "Alle Götter in
uns" an, und so lautet das vorletzte Unterkapitel des
abschließenden Bandes: "Alle Götter sind in dir!" - Jene
mystische Weisheit, die Jahre zuvor bereits in den Upanischaden zu
Ausdruck und höchster Blüte kam, dass nämlich Götter und Dämonen
nicht als faktische Wirklichkeiten, sondern Projektionen der
geheimnisvollen Kräfte unserer Psyche zu verstehen seien, wird mit den
Mitteln tiefenpsychologischer Symboldeutung für unsere Zeit
wiederentdeckt.
Was Mircea Eliades Geschichte der Religionen für die
Religionswissenschaft bedeutet, verkörpert Die Masken Gottes im
Bereich der vergleichenden Mythologie: Ein Standardwerk, das Maßstäbe
gesetzt hat, und zu dem viele spätere Werke desselben Autors
erfindungsreiche und unterhaltsame Fußnoten bilden.
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Mythen der Menschheit
(Transformation of Myth through Time)
Sinnbilder im Wandel der Zeit
Joseph Campbell pflegte seine Vorträge, die er
stets ohne Skript hielt, auf Band aufzuzeichnen, um später, das auf
diese Weise gewonnene Audiomaterial zu schriftliche Werke
zusammenzustricken. Auf einer seiner letzten Vortragsreihen wurde ihm
die Arbeit am Aufnahmegerät von einem Fernsehteam abgenommen. Daraus
entstand die Videoreihe Transformation
of Myth through Time (später neu editiert als Mythos).
Das
vorliegende Buch ist allerdings keine Bearbeitung, die den mündlichen
Vortrag dem Medium des gedruckten Buchs anzupassen versucht, indem der
lockere Redefluss von Campbells mehr oder minder improvisierten
Vorträgen in Schriftsprache verwandelt wird, vielmehr handelt es sich
um eine wörtliche Transkription einzelner Vorträge, die aus dem
umfassenden Ton- und Bildmaterial ausgewählt wurden.
Inhaltlich versteht sich Mythen der Menschheit als eine
rasante Kurzfassung von Die
Masken Gottes - ein Spaziergang durch Zeiten
und Kulturen, der den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Ewigen
im
Gewand von Kunst,
Ritual
und Religion
nachzuspüren versucht, dabei, wie
für Campbell typisch, mehr das Gemeinsame als das Unterscheidende hervorhebend.
Campbells Einführung in die
Psychologie des Mythos, wie sie in der
ersten Folge von Mythos zu finden ist, in der vor allem Carl
Gustav Jungs tiefenpsychologische Konzepte, und ferner Adolph Bastians Elementargedanken
und Völkergedanken, thematisiert werden, ist in Mythen der
Menschheit leider nicht berücksichtigt worden. Daher beginnt das Buch
etwas unvermittelt mit den biologischen Ursprüngen von Mythos und
Ritualverhalten, und endet mit der mittelalterlichen Symbolwelt, wie sie
sich in den zahlreichen Gralsgeschichten
und Artuslegenden findet
(welche wiederum in Mythos fehlen). Zwischendurch wird am Beispiel
der Sandbilder der Navaho-Indianer veranschaulicht, was einen lebendigen
Mythos ausmacht; Wir werden in die Psychologie der Chakren eingeführt,
erhalten einen Schnellkurs in Yoga, Buddhismus, neolithischem Göttinnenkult
und paläolithischer Höhlenmalerei.
Mythen der Menschheit bietet einen leicht lesbaren Schnellkurs durch
die verschiedenen Gebiete der Mythologie, und zeigt sich dabei,
wie zuvor schon (allerdings weitaus detaillierter) Die Masken Gottes, mehr historisch
orientiert. Psychologische Hintergründe und lebendige Bezugnahme auf die heutige
Welt kommen allerdings auch in diesem Werk keineswegs zu kurz,
wenngleich sich die Entscheidung der Herausgeber, auf die einen
psychologischen Bezugsrahmen bildende einführende Lektion zu
verzichten, schmerzlich bemerkbar macht.
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Die Mitte ist überall
(The inner Reaches of outer Space)
Mythologie im Raumfahrtzeitalter
Welche Bilder sind es, die unser heutiges Weltbild neu definieren
helfen und, und die, wenn schon nicht als mythische Bilder anzusehen
sind, so doch an der Schwelle zur Mythologisierung stehen? Für Campbell
war eines der für ein zeitgemäßes Selbstverständnis des Menschen
gewichtigsten Bilder jenes von der Erde, das von der Oberfläche des
Mondes aufgenommen wurde.
The inner Reaches of outer
Space - der amerikanische Originaltitel ergäbe, wörtlich
übersetzt, einen etwas sperrigen Buchtitel, worin wohl der Grund zu
sehen ist, weshalb bei der deutschen Ausgabe gar nicht erst versucht
wurde, eine sinngemäße Entsprechung zu finden. Die inneren Bereiche
des äußeren Raumes - das sind die in jüngerer
Zeit (zum Zeitpunkt, da Campbell die dem Buch zugrundeliegenden Texte
schrieb, hochaktuell) mittels Raumfahrt
zugänglich gemachten Bereiche
des Weltraums, die, obgleich in unmittelbarer Erdnähe, eine völlig
neue Sichtweise unseres Daseins auf dem blauen Planeten anschaulich zu
machen geeignet sind.
Gerne zitierte Campbell die Worte des Astronauten
Rusty Schweickhart, dem angesichts des Sublimen die Worte versagten,
welche er im Nachhinein umso eindrucksvoller formulierte; Aufgrund einer
technischen Verzögerung einige Minuten ohne Ablenkung durch ein eng
terminiertes Arbeitsprogramm, geriet dem Raumfahrer plötzlich die
schimmernde Erdkugel ins Visier: "Ich fragte mich selbst, was ich
jemals getan hatte, um diese Erfahrung zu verdienen."
Die neue Erfahrung des Himmels, der dem Menschen
früherer Zeitalter als Ort der Transzendenz gegolten hatte, als leerer Raum
zwischen den Sternen dürfte für jene, welche die Reise außerhalb der
Erdatmosphäre gemacht haben eine einschneidende Erfahrung, wenn nicht
eine grundlegende psychische Verwandlung bedeuten. Was den übrigen
Menschen bleibt, sind die überwältigenden Fotografien, welche die
Erdkugel als eine blaue Perle in einem unermesslichen schwarzen Abgrund
zeigen - Ein Bild das, wie Campbell glaubte, geeignet sei als Symbol
für das neues Zeitalter einer global agierenden Menschheit, die
ihre Aggressionen nicht länger auf andere soziale Gruppen lenken
kann. Eine zeitgemäße Mythologie,
so Campbell, müsse sich auf die ganze globale Menschheit beziehen. Denn, wie zahlreiche
Astronauten und Kosmonauten trefflich feststellten, aus dem All
betrachtet sind keine Landesgrenzen sichtbar; Die Erde erscheint als Heimat der ganzen Menschheit, unabhängig von Glaube, Herkunft und
politischer Überzeugung. (Das Logo dieser Website geht genau auf diesen
Gedanken zurück: Eine grünende Erdkugel, die uns Europa als
unsere eigene Heimat zuwendet, eine Heimat jedoch, die nicht
abgegrenzt erscheint vom Rest der bekannten belebten Welt)
Sollte dieses neue Bild von der Erde, das auf
hinlänglich bekannten wissenschaftlichen Fundamenten beruht, jedoch
erst durch die angesprochenen Fotografien einer breiten Öffentlichkeit anschaulich gemacht
werden konnte,
nicht als Anstoß zu verstehen sein, manch überkommene
Glaubensvorstellung, die auf einem vor- oder zumindest
frühwissenschaftlichen Weltbild beruht, zu den Akten zu legen? Imagine, there is no heaven, above
us only sky - ironischerweise legt gerade der Blick aus
den "eroberten" benachbarten Bereichen des Kosmos die Einsicht
nahe, wer Transzendentes erfahren wolle, möge lieber in den Abgründen
seiner Psyche, als in dem Raum zwischen den Sternen suchen.
Die Mitte ist überall - so verschieden der
Titel von dem der Originalausgabe sein mag, bezeichnet treffend, die
sich aus moderner Kosmologie und Kantischer Philosophie ergebenden
Einsicht, dass die Welt eine Einheit, und das himmlische Jerusalem nicht
in einem Staat namens Israel zu finden ist. Die mystische Einsicht der
inneren Erfahrung als dem allein möglichen direkten Zugang zur
transzendenten Welterfahrung findet sich poetisch verdichtet in der
Vision eines Schamanen
aus dem Stamm der Sioux. In einer Vision hatte der Medizinmann in seiner
Jugend sich selbst auf dem zentralen Weltberg erschaut, den er mit
einer lokalen Erdhebung namens Harney Peak identifizierte.
Zugleich jedoch erkannte der kluge alte Mann, dem offenbar eine Vision
beschieden war, die dem Raumfahrtzeitalter gerecht zu wird, dass
zugleich die Mitte nirgends anders als überall zu finden sei.
Das Buch, dessen deutscher Titel sich der Vision eines Schamanen
verdankt, jedoch ebenso eines Mystikers jedweder Herkunft würdig wäre,
bildet neben der modernen Kosmologie den Ausgangspunkt für Campbells
gedankliche Reisen durch die Bereiche der mythischen Imagination und
der religiösen Sinnbilder, sowie der
Kunst
als einer Bildsprache, die Transzendentes sinnlich erfahrbar zu machen
verhilft. Dem anspruchsvollen Gehalt des schmalen Bandes steht eine
Sprache gegenüber, die so schlicht und präzise ist, dass es dem Mythologen
gelingt, selbst Kants Prolegomena zu einer jeden künftigen
Metaphysik auf wenigen Seiten darzustellen, und dies auf eine Weise,
die selbst
jenen einen Zugang ermöglichen dürfte, denen der Name Kant bislang
als Inbegriff einschüchternder philosophischer Gelehrsamkeit erschien.
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Der Flug der Wildgans
(Flight of the wild Gander)
Essays über Sinnbilder und Bilder ohne
Sinn
Der Flug der Wildgans, das ist die Seelenreise des Schamanen, dem
sich, häufig in ein Vogelkostüm gekleidet, Seelenbereiche
erschließen, welche die gesellschaftlich vereinbarten Bedeutungen
religiöser Symbole weit hinter sich lässt. Das gleichnamige Buch
stellt jedoch keineswegs die Rituale und Visionen der Schamanen in den
Mittelpunkt; Vielmehr handelt es sich um einen Streifzug durch die Welt
der Symbole in Märchen, Mythen und Religionen, wobei (typisch für den
Autor) der Bezug zur Welt der Gegenwart niemals aus den Augen verloren
wird.
Das
Symbol ohne Sinn (The Symbol without Meaning) lautet das zweite
Kapitel dieses aus Essays und Vorträgen komponierten Buches.
Vielleicht hätte man besser mit Symbol ohne Bedeutung übersetzen
sollen, denn nicht um Sinnleere, sondern um Transzendierung gedachter,
lehr- und lernbarer Bedeutungen geht es in diesem zentralen Abschnitt.
Daneben finden sich Kapitel u. a. über die Symbolsprache der Volksmärchen,
die Campbell tiefenpsychologisch als eine "Fibel der Bildersprache der Seele" deutet, sowie
eine kurzgefasste Weltgeschichte der Mythologie, die ursprünglich als
Konzept für das umfassende vierbändige Hauptwerk Die
Masken Gottes
konzipiert worden war.
Campbell unterscheidet Mythologien
der Bindung und Mythologien
der Entbindung. Zur ersten Kategorie zählen symbolische
Ordnungen, in denen ein Weg vorgegeben wird, der sich gesellschaftlich
bewährt hat, und folglich dem Individuum sichere Orientierung gewährt.
Dies ist die Welt der religiösen
Glaubenssysteme, deren Werte und
Vorstellungsweisen im Bewusstsein der Gläubigen unangetastet bleiben.
Demgegenüber steht die Erfahrung des Schamanen
und des Künstlers, aus
deren Visionen die Bildkultur einer Gesellschaft gespeist wird, und die
letztlich auf Erfahrungen jenseits aller Bilder und Kategorien deutet.
Ein aus dieser Erfahrung hervorgehendes und zugleich auf sie deutendes Symbol
fordert keineswegs zur Bestätigung und Vertiefung bestimmter
Vorstellungen auf, das Symbol ist vielmehr auf Transzendenz gerichtet.
So aufgefasst, wollen die Sinnbilder der Mythologie in ihrer letzten
Bedeutung nicht verstanden, sondern transzendiert werden, um letztlich selbst zu verschwinden
und den Blick freizumachen für die transzendente Leerheit jenseits
aller Phänomene und Sinnzuschreibungen, auf die sich alle echte
Religion bezieht. Der höchste Sinn
mythologischer Bilder läge somit jenseits des Sinn- und Bildhaften, im
Erfahren oder zumindest Erahnen der Transzendenz, die durch das Bild in
die Welt scheint um letztlich auch und gerade in den Phänomenen der
Alltagswelt erfahren zu werden. Keineswegs im Widerspruch also zur bilderlosen
Tradition des Zen
stehend, wird auch in der mythischen Symbolisierung
eine psychologische Transformation anvisiert, durch welche die
Sinneswelt zunächst aufgelöst und durchdrungen wird, um anschließend
auf neue und tiefere Weise erfahren zu werden.
Woran es dem der westlichen Denken mangelt, und schließlich worin
der besondere Wert der abendländischen Kultur besteht, wird in den
beiden abschließenden Kapiteln ausgezeigt.
In Die Säkularisierung des Heiligen tritt der Autor für die Religionen
der Identität ein, in denen eine mystische Erfahrung und
Identifikation mit der göttlichen Wirklichkeit angestrebt wird.
Demgegenüber stehen die monotheistischen Traditionen des Wüstengottes
Jahwe, welche aus dem Mittleren Osten nach Europa gebracht wurden. In
diesen Religionen des Bezuges ist der Einzelne aufgerufen, sich
mit den Autoritäten und Gesetzen der Gesellschaft zu identifizieren.
Der Bezug zu Gott wird über die Priesterkaste hergestellt, wohingegen
eine Identifikation mit Gott tabuisiert wird. Es handelt sich dabei um
eine Tradition der sozialen Identifikation, die letztlich auf die
Stammesgesetze der Wüstenreligionen zurückgeht.
Die eigentliche europäische Urtradition liegt verborgen unter den
allgegenwärtigen Sinnbildern der christlich-monotheistischen
Auffassung. Ihre Bilder und Kulte reichen zurück bis in die
neolithischen Höhlenbilder. Im Hochmittelalter des 12. Jahrhunderts
brechen ihre Vorstellungen durch die Oberfläche der christlichen Kultur
und finden Ausdruck in den Legenden um König Arthur und die Gralssuche.
Die einzigartigen Entdeckungen Europas liegen in der Wertschätzung
des Individuums und im Ideal der persönlichen Liebe - Amor - die
von den Troubadours besungen wird und ihren Platz neben den
unpersönlichen Formen Agape (Nächstenliebe) und Eros
(laut Campbells Definition der Drang der Organe zueinander) erobert. So
schließt das Buch mit einer Reminiszenz an jene, die sich in bester europäischer
Tradition um Erfahrung bemühen, wo andere sich allzu
bereit zeigen, den Ideologien und Autoritäten der Zeit Gefolge zu
leisten:
"Denn es ist in der Tat in den stillen Winkeln dieser Welt viel
tiefes geistiges Suchen und Finden im Gange, außerhalb der
heiliggesprochenen sozialen Zentren, jenseits ihres Gesichtskreises und
ihrer Kontrolle: In kleinen Gruppen hier und dort und (wie jeder, der
sich einmal umschaut feststellen kann) häufiger und typischer noch bei
Einzelnen und Paaren. Sie dringen an den Stellen, die sie sich selbst
ausgesucht haben, in den Wald ein, dort, wo er sie am finstersten dünkt
und wo es keinen gebahnten Weg noch Steg gibt."
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Lebendiger Mythos
(Myths to live by)
Voraussetzungen einer zeitgemäßen globalen
Mythologie
"Wir leben heute in einer Endmoräne solcher überlebten Mythen
und mythischen Symbole, großer und kleiner Bruchstücke von
Traditionen, die früher einmal Kulturen stifteten und trugen. Die jetzt
im Entstehen begriffene globale Zivilisation hat jedoch bislang due
geistigen Metaphern ihrer eigenen Mythen und Riten noch nicht
hervorgebracht: Die alten Götter liegen im Sterben, aber die neuen sind
noch nicht geboren." (Lebendiger Mythos)
Die einzelnen Kapitel von
Lebendiger Mythos sind aus
einer populären Vorlesungsreihe entstanden, die Campbell zwischen 1958
und 1971 vor einem großen Auditorium gehalten hat. Die Themen reichen
von der Bedeutsamkeit von Riten
und dem Ost/West-Konflikt bis hin zur Mythologie
der Liebe und des Krieges. So unterschiedlich die
Ausgangspunkte sein mögen, die der Autor gewählt hat, um daraus ein
zusammenhängendes mythologisches Netz zu knüpfen, vollzieht sich
dieser Rundgang durch Mythologie, Kunst
und Religion
gleichwohl
durchgehend vor demselben Hintergrund der aktuellen wissenschaftlichen
Entdeckungen und Ereignisse ihrer Zeit.
Dabei ist zum einen die Mondlandung zu nennen, welche
Campbell zu seinem Spätwerk Die
Mitte ist überall inspirierte. Wo
mancher Wissenschaftler skeptisch im Hinblick auf die dadurch zutage
geförderten wissenschaftliche Kenntnisse reagieren, und womöglich auf
die Mondlandung als ein politisches Instrument der Machtdemonstration
verweisen mag, sieht Campbell über solche kritischen Einwände gerne
hinweg, um in der Wirkkraft des daraus hervorgegangenen Symbols
der Erde
als blauer Perle, wie sie von der Oberfläche des Erdtrabanten aus
sichtbar wird, das Potential zu erblicken, stammesbezogene Mythen
unzeitgemäß zu machen und die Vorstellung einer globalen Gemeinschaft
wachzurufen.
Eine weitere Reise, aus der Campbells Betrachtungen
ihren Elan beziehen, ist eine innere; Die Rede ist von den durch LSD
oder Schizophrenie hervorgerufenen visionären, zuweilen auch
alptraumhaften Erfahrungen. Campbell, der in Träumen und Visionen, wie
sie von besonders sensibilisierten Individuen, Schamanen
und Künstlern
den Ursprung mythologischer Systeme sieht, zeigt sich von den
Forschungen des Psychiaters John Weir Perry fasziniert, und versteht es,
auf überzeugendes Weise Erkenntnisse aus der Erfahrung des Psychotikers
zu beziehen, die für ein tieferes Mythenverständnis relevant sind, ohne
dabei je in Gefahr zu geraten, den Mythos zu pathologisieren, wie er es
einmal Freud vorgeworfen hat, der all seine Erkenntnisse auf diesem Feld
aus der Arbeit mit seinen Patienten bezogen hatte.
Ähnlich wie schon Der
Flug der Wildgans klingt auch Lebendiger
Mythos aus mit einer Betrachtung der heutigen Situation, nachdem,
mythologisch wie geographisch gesprochen, alle Horizonte verschwunden
sind. Der Kern aller Religionen ist derselbe, die mystische Erfahrung
der Einheit allen Seins. Alle Religionen sind im Wesentlichen als lokale
Ausdrucksformen dieser einen zentralen Wahrheit zu verstehen, die
lediglich in eine Gestalt gekleidet wird, die den besonderen
Lebensbedingungen einer Gemeinschaft entspricht und aus diesen
hervorwächst. Heute, im Zeitalter des globalen Dorfes, in
dem Grenzen für den Verkehr von Geld,
Personen, Ideen und Idealen
zusehends geschwunden sind, bedürfen wir laut Campbell einer
Metaphernsprache, welche die ewige
Philosophie auf eine Weise
anschaulich macht, die den besonderen sozialen, politischen,
ökonomischen und psychologischen Bedingungen unseres Zeitalters gerecht
wird. Wie eine solche Mythologie des globalen Zeitalters auszusehen hat
wird indes kaum angesprochen.
"Vielleicht müssen wir (da denn die Mühlen der Götter langsam
mahlen) noch ein weiteres Jahrhundert oder gar noch zwei auf die
Herausbildung oder Offenbarung einer Mythologie warten, die den Anliegen
und dem Wohl nicht etwa dieses oder jenes besonderen Volkes, sondern der
Menschheit als einem einzigen Leib angemessen sein wird. Der Einzelne
kann jedoch nicht auf dieses gemeinschaftsbildende Ereignis warten und
muß unterdessen selbst den Schotter dieser durchaus sehr interessanten
Endmoräne nach solchen Signaturen des Geistes durchsuchen, die ihn auf
seiner eigenen kurzen Abenteuerfahrt durch die Zeit vorwärtsbringen und
zur Erfüllung führen können." (Lebendiger
Mythos)
Ganz gleich, ob man das Heraufdämmern neuer
Götter
und Mythen für
wahrscheinlich oder auch nur für wünschenswert hält, Lebendiger
Mythos bietet einen unschätzbaren Leitfaden, für jeden, der es als
hilfreich oder innerlich notwendig ansieht, aus den Scherben
mythologischer Überbleibsel ein persönliches, brauchbares und
zeitgemäßes spirituelles Weltbild zu zimmern.
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