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1904
- 1920
Frühe Inspirationen
Geboren am 26. März
1904 in New York City,
beginnt die Mythologie für den kleinen Joe sehr bald zum Faszinosum zu
werden.
"Von sehr früh an - um die vier oder fünf Jahre
alt - war ich fasziniert von den Indianern, und das wurde zu meinem
wirklichen Studium. Ich ging zur Schule und hatte keine Probleme mit
meinen Studien, aber meine eigene Begeisterung lag in diesem wunderbarem
Bereich der indianischen Mythologie." (The Hero's Journey)
Campbell erhielt bald auf zweierlei Weise Gelegenheit, sein
Bücherstudium durch erste kleine Exkursionen innerhalb des New Yorker
Stadtlebens zu ergänzen. Im Museum of Natural History wurde
ihm die Vergangenheit der indianischen Welt gegenwärtig, während ein
Besuch von Buffalo Bill's Wild West Show im Madison Square Garden
ein emotional einschneidendes Erlebnis einer ersterbenden, gleichwohl
aber noch präsenten Kultur vermittelte.
1913
zieht die Familie um nach New Rochelle, New York.
"Wir lebten in New Rochelle in diesen Jahren, gleich neben der
öffentlichen Bibliothek. Als ich ungefähr elf war, hatte ich alle
Bücher über indianische Mythologie in der Kinderbücherei gelesen und
bekam sogar Zugang zu den Magazinen. Ich erinnere mich, wie ich mit
Stapeln von Büchern nach Hause kam. Und ich denke das ist, wo mein
Leben als Gelehrter begonnen hat." (The Hero's
Journey)
Seine Begeisterung für indianische Mythen wurde bald auch flankiert
von einer handfesten Parteinahme für die Indianer. Im Alter von etwa
zwölf Jahren wurde Campbell Zeuge der Überheblichkeit des
"weißen" Amerika gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern.
Bei der Aufführung eines Wildwest-Films begann das Publikum einem Weißen
Beifall zu spenden, der einen Indianer verfolgte. Der junge Campbell
empörte sich darüber so sehr, dass er - zum Unmut seiner Mutter -
aufstand und begann das Publikum anzuschreien:
"Ihr würdet nicht jubeln, wenn Ihr wüsstet, was Ihr tut!" (A Fire in the
Mind)
Wer in den zahlreichen existierenden Audiodokumenten Campbells
unverblümte (und teils amüsante) Art, in Vorträgen Kritik zu üben,
kennengelernt hat, der mag den Autoren der großen Campbell-Biografie A
Fire in the Mind Recht geben, wenn sie diesen Vorfall als
charakteristisch auch für den Stil des reifen Campbell bezeichnen.
Vielleicht lässt sich auch zu Recht davon sprechen, dass Campbells
irisches Blut eine Rolle gespielt haben mag. Sein Großvater
väterlicherseits gehörte zu jenen Iren, die Mitte des 19. Jahrhunderts
vor der Kartoffelpest nach Amerika geflohen waren. Und der Forscher
selbst liebte es später, auf das streitlustige Temperament der Iren
Bezug zu nehmen. Eine seiner favorisierten Redensarten: Ist das ein
privater Kampf oder darf jeder mitmachen?
Und Campbell Erklärung,
warum die Tafelrunde von König Arthur ein Roundtable ist? - Ursprünglich
eine irische Erfindung: Weil die Iren ständig darüber stritten, wer am
Ende des Tisches Platz nehmen darf, blieb ihnen eines Tages nichts
anderes übrig. als den Tisch rund zu machen! (unveröffentlichter Vortrag)
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1921
Naturwissenschaft
als Herausforderung
Campbells katholische Erziehung wird auf die Prüfung
gestellt, als er 1921 auf dem College Biologie und Mathematik zu
studieren beginnt. In einem Interview, das im Rahmen der Aufnahmen für The
Hero's Journey auf Hawaii entstand, erinnert sich der späte Campbell
an die Verunsicherung des ihm anerzogenen Glaubens durch die Berührung
mit biologisch-
wissenschaftlichen Fakten. Der Konflikt zwischen
biblischer und biologischer Genesis scheint einer der Zündstoffe für
die spätere Suche nach psychologisch-mystischen Wahrheiten gewesen zu
sein, die sich mit dem wissenschaftlichen Weltbild unserer Zeit besser
vereinbaren lassen.
Nicht ganz überraschend lassen sich auch für den
Konflikt zwischen Glaube und Wissenschaft weiter in die Jugendzeit
zurückreichende Erlebnisse aufzeigen. Bereits in der Schulzeit,
erinnert sich Campbell in seinem Lebensrückblick, "war Biologie
die Sache, die mich packte. Und heute sehe ich Mythologie als eine
Funktion der Biologie, ein Ausdruck des Impulssystems von Körper und
Organen. Nicht etwas, das aus dem Kopf hervorgegangen ist. Was durch den
Kopf hervorgebracht wird ist eine Fiktion. Was aus [dem Herzen] kommt
ist ein Mythos." (The Hero’s Journey)
Campbells biologische Deutung des Mythos
öffnet den Weg für zahlreiche Missverständnisse, ist sie doch nicht
als biologistischer Ansatz zu deuten, denn auch die biologische Deutung
ist ein Produkt des Intellekts. Weiß man um Campbells Vorträge über
die indische Vorstellung des Weisheitskörpers, des Bewusstseins
der Organe, das die Lebensprozesse steuert, so wird deutlich, dass hier
durchaus mystische Bereiche berührt werden.
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1924
- 26
Europareise
Die Geschäfte
von Campbells Vater Charles W. Campbell führen die Familie für eine
Weile nach Europa. Auf dem Schiff geschieht eines jener denkwürdigen
Zusammentreffen, die mancher geneigt ist als das Ergebnis einer
schicksalsprägenden Kraft anzusehen. Der junge Campbell lernt den
indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti kennen..
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1927
- 28
Studium in Paris

Ein Amerikaner in Paris:
Joseph Campbell als
Student 1928 |
Campbell
bleibt in Europa, um in Paris sein 1925 an
der Columbia University begonnenes Studium fortzuführen. Der Student
entdeckt außerhalb der akademischen Welt die aufregenden Entwicklungen
in Kunst und Literatur: Picasso und
James Joyce
gehören zu den
prägenden Einflüssen aus dieser Zeit, auf die Campbell auch in hohem
Alter immer wieder Bezug nehmen wird. 1971 wird er in einem Interview
für Psychology Today neben Joyce als seine wichtigsten Lehrer Oswald Spengler,
Leo Frobenius C. G.
Jung und Thomas Mann
anführen.
Warum nicht Sigmund Freud, der doch in Campbells
berühmtestem Buch The
Hero with a Thousand Faces, an dem er zwischen 1944 und 1949
gearbeitet hat, noch einen nicht übersehbaren Einfluss ausübt?
"Freud ist
eine Zeitlang für mich wichtig gewesen. Aber ich glaube nicht, dass er
ein guter Führer auf dem Weg zum Mythos ist. Er zeigt, wie Mythologie
pathologisch wird. Ein hysterischer oder neurotischer Mensch zum
Beispiel versteht mythologische Symbole nur im Rahmen seines eigenen
Zustandes. Freud beging den fundamentalen Fehler, die Situation der
infantilen Krise und des familiären Verhaftetseins zur Interpretation
der Kultur als ganzer heranzuziehen." (zit. nach: Sam
Keen, Stimmen
und Visionen)
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1928
- 29
Studium in München
Der Name eines weiteren wichtigen Lehrers scheint
Campbell während des Interviews einfach nicht auf der Zunge gelegen zu
haben.
Die Werke von Freud, Jung und Mann lernt er näher kennen,
nachdem er (nach einem kurzen und intensiven Studium der deutschen
Sprache)
sein Studium an der Universität in München fortsetzt. Hier macht er
auch die Bekanntschaft mit den Werken Johann Wolfgang von Goethes - ein Mann den der
vergleichende Mythologe wegen der Tiefe seiner Einsicht in Mensch und
Natur, wie auch wegen seiner
Universalbegabung schätzt - ähnlich Leonardo da Vinci, der (neben Douglas Fairbanks)
zu den Helden seiner Kindheit gezählt hatte.
Die Tradition deutscher Literatur von Goethe bis Mann
lernt Campbell in seinen Münchener Jahren schätzen. Kontrapunktiert
wird die Beschäftigung mit der europäischen Tradition nun von einem
Studium von Sanskrit, das er später als "die spirituelle Sprache
der Menschheit" bezeichnen wird.
Der Wechsel von Paris nach
München indes war notwendig geworden, da das akademische Umfeld jener
Zeit an diesem Ort den Interessen und dem Entwicklungspotential des
angehenden Autors eher gerecht zu werden schien. An der Universität von
Paris hatte sich Campbell dem Studium von Altfranzösisch und Provenzalisch
verschrieben, jedoch war dem späteren vergleichenden Mythologen bereits
in seiner Studienzeit jede Form von Spezialistentum eher fremd. Zu viele
Interessen lockten und zu viele Talente drängten auf Verwirklichung.
Auch zeigte die Universität naturgemäß kein
eingehenderes Interesse an den besonderen Lebens- und Lernbedingungen
eines amerikanischen Studenten mit vielgestaltiger Begabung. Und
während in Paris eher private Kontakte, als das kühle universitäre
Umfeld eine tragende Rolle gespielt hatten, so lernte Campbell in München die Vorzüge
deutscher Gelehrsamkeit kennen:
"Als ich als Student nach Europa ging, hatte ich
Französisch praktisch von klein auf gelernt (tatsächlich jedoch kein
Verständnis für die Sprache). Ich ging zur Alliance Francais
und innerhalb von drei Monaten konnte ich Französisch sprechen und
lesen und verstehen. Ich hatte nie deutsch studiert. Aber als ich
erkannte, daß alles echte Lernen in Europa in Deutschland stattfand,
schrieb ich an die Columbia [Universität], und fragte, ob sie mir ein
Stipendium geben würden, um im nächsten Jahr nach Deutschland gehen zu können. Sie sagten: Ja, mach weiter! Also hatte ich deutsch zu lernen.
In
drei Monaten konnte ich deutsch lesen und sprechen. Wenn du am richtigen
Ort bist, von Begeisterung getrieben, und es ist die Melodie deines
Lebens, kommen die Sprachen von alleine durch. Als ich die Vorschule
fürs College absolviert hatte, dachte ich, Gott, ich hoffe ich brauche nie wieder
eine Fremdsprache zu lernen. Aber tiefer in diese Welt
einzudringen, war ein Entzücken. Jede Sprache trägt einen ganzen
Bereich von Erfahrungen in sich, die für sie eigentümlich sind."
(The
Hero's Journey)
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1929
- 34
Wanderjahre
Die Zeit der
Neuentdeckungen findet ein jähes Ende; 1929 ist das Jahr des großen
Börsencrashs, und zwei Wochen zuvor ist Campbell bereits in die USA
zurückgekehrt. Campbell vermag der Zeit der großen Depression jedoch
auch Positives abzugewinnen. Campbell lernt Autoren wie Oswald Spengler
(Der Untergang des Abendlandes) kennen, die zu wichtigen Einflüssen
werden. Die Folgejahre der Depression werden für den jungen Joe zu
einer Zeit der inneren wie äußeren Reisen.
"Es war
von 1929 bis 1934, fünf Jahre. In ging in eine kleine Hütte in
Woodstock, New York, und habe mich einfach eingegraben. Alles was ich
tat war lesen, lesen, lesen und Notizen machen. Das war während der
Zeit der großen Depression." (Reflections)
Wähend der Zeit
in Woodstock, entschließt sich Campbell, mit dem Auto seiner Eltern
durch das Land zu streifen, auf dem Weg zu sich selbst und um die Seele
Amerikas zu entdecken. Er lernt den Schriftsteller John Steinbeck und
den Biologen Ed Ricket kennen, die weitere wichtige Einflüsse
beisteuern.
"Jedes
Detail aus dieser Zeit ist in meiner Erinnerung. In Goethes wunderbarem
Buch Wilhelm Meisters Lehrjahre, und noch einmal in Wilhelm
Meisters Wanderjahre, gibt es die Idee des Aufeinanderprallens mit
Erfahrungen und Leuten, während man umherzieht. Auf diese Weise lernt
man wirklich das Leben kennen. Nichts ist Routine, nichts wird als
gegeben betrachtet. Alles steht für sich selbst, weil alles eine
Möglichkeit darstellt; Alles ist ein Schlüssel, alles spricht zu
dir." (Reflections)
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1934
College-Lehrer
Eine Empfehlung
verschafft Campbell schließlich eine Lehrstelle als am New Yorker Sarah Lawrence College
- eine Tätigkeit, die ihm die folgenden 38 Jahre Einkommensquelle und
pädagogische Herausforderung zugleich sein wird.
"Durch
meine weiblichen Studenten war ich gezwungen, das Material aus der
Sichtweise der Frau
zu betrachten. Und diese Sichtweise hatte zu tun mit: Was bedeutet das
Material für das Leben? Was bedeutet es für mich?" (The
Hero's Journey)
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1938
Heirat mit Jean Erdman

Frisch
verheiratet:
Mit der
Tänzerin
und Choreographin Jean Erdman (1938)
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Campbell heiratet mit Jean Erdman
eine seiner Schülerinnen, die als Mitglied der Martha Graham Dance
Company, und später mit eigenen Choreografien, zu einer wichtigen
Persönlichkeit des zeitgenössischen Tanzes heranreift. Erdmans
künstlerische Arbeit wirkt auch für Campbell befruchtend. Viele Jahre
später (1974) wird er
zusammen mit seiner
Frau das
Theater of the Open
Eye in New York City gründen.
Seine Vorträge darüber, was Kunst
bedeutet und bedeuten kann, lässt der Mythologe gerne mit einem Zitat
seiner Frau Jean beginnen: "Der Weg des Mystikers und der Weg des
Künstlers sind verwandt, nur hat der Mystiker kein Handwerk."
(Die
Mitte ist überall)
Jean Erdman lebt noch heute auf Hawaii und ist Chair Emeritus
der Joseph Campbell Foundation.
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1942
Entscheidende Einflüsse
Drei Jahre währt
die Zusammenarbeit mit Swami Nikhilananda, dem Campbell bei der
Übersetzung und Herausgabe der Upanischaden, sowie eines Buches über
den indischen Mystiker Ramakrishna behilflich ist (The Gospel of Sri Ramakrishna,
deutsch erschienen als: Das Evangelium des Sri Ramakrishna).
Die
Upanischaden hatten bereits vorher zu Campbells bedeutendsten
Leseerfahrungen gezählt, wird in ihnen doch die Erfahrung des
Göttlichen als eine innere Erfahrung gedeutet, die sich nur
mystisch-psychologisch gewinnen lässt. Eine Sichtweise, die im
Gegensatz zu einer Vorstellung steht, welche in den Volksreligionen in
aller Welt populär ist, in besonderer Weise kennzeichnend jedoch für die
monotheistischen Traditionen: Jene Vorstellung, die
Metaphern mit historischen Fakten, anstatt mit inneren Wahrheiten gleichzusetzen
versucht. Eine Denkweise, gegen die Campbell speziell in seinen späten Jahren angekämpft
hat.
Campbells Lektüre von
Joyces
Ein Portrait des Künstlers
als junger Mann führt ihn an die Problematik seiner eigenen Kirche und
damit seiner eigenen religiösen Erziehung heran:
"Das
Problem besteht darin, wenn du tief in das System der Kirche verstrickt
bist, und deinen Glauben verlierst - das ist kein Spaß. Ich meine, ich
fing an Biologie zu studieren. Es gibt absolut keine Beziehung zwischen
der biologischen Entwicklung der menschlichen Rasse, der Tiere und der
Pflanzenwelt, und dem, was wir im Buch Genesis geliefert bekommen. [...]
Die Sache, die
mich rettete, waren die Upanischaden - Hinduismus, wo wir praktisch die
gleiche Mythologie haben, nur dass sie intellektuell interpretiert
worden ist. Das bedeutet, bereits im 9. Jahrhundert v. Chr. haben die
Hindus erkannt, dass alle Götter Projektionen der psychischen Kräfte
sind, und sie sind in einem, nicht da draußen. Sie sind auch dort
draußen, in einer gewissen Weise - in einer mysteriösen Weise - aber
ihr wirklicher Platz ist hier drinnen." (The
Hero's Journey)
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1944
- 49
Frühe
Werke
Nachdem
er 1944 mit A Skeleton Key to Finnegans Wake, in Zusammenarbeit mit
Henry Morton Robinson, einen Schlüssel zum Verständnis von Joyces
berühmtem Werk veröffentlicht hat, beginnt Campbell mit seinem ersten
eigenständigen Werk, das bis heute als sein zentrales Hauptwerk gilt: Hero with a thousand
Faces (Der Heros in tausend Gestalten). Nach mehrjähriger Arbeit, die
von Campbells Tätigkeit als Herausgeber unterbrochen wird, erscheint das
Werk erstmals 1949.
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1943
- 1955
Herausgeber
der Werke Heinrich Zimmers
Campbell war
erstmals 1941 mit
dem deutschen Indologen Heinrich Zimmer zusammengetroffen.
1943 überraschend verstorben, befinden sich im Nachlaß des bedeutenden
Indologen zahllose Aufzeichnungen in zum Teil ungeordneter Form, die auf
Veröffentlichung warteten.
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Zurück
in Honolulu: Jean
und Joe 1946
in Jeans Heimat, die später
für die
beiden zum Altersruhesitz werden wird
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Während C. G. Jung in
Deutschland Zimmers nachgelassenes Buch über den indischen Mystiker Sri Ramana Maharshi herausgibt (Der Weg zum Selbst), beginnt
Campbell, auf die Bitte von dessen Witwe hin, die ungleich
umfassenderen englischsprachigen Aufzeichnungen Zimmers editorisch aufzuarbeiten.
Als Frucht dieser mehrjährigen Arbeit erscheint eine Reihe von Werken: 1946 Myths and Symbols in Indian Art and
Civilization (Mythen und Symbole in indischer Kunst und Kultur),
1948 The King
and the Corpse (Abenteuer und Fahrten der Seele),
1951
Philosophies of India (Philosophie und Religion Indiens),
1955 The Art of Indian Asia (bislang keine deutschsprachige
Ausgabe) -
allesamt Standardwerke eines neuen Verständnisses
mythologisch-metaphysischer Überlieferung, auf vielfache Weise Wege
aufzeigend, wie diese für den Westen geistig nutzbar gemacht werden
könnte.
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1953
- 54
Reisejahre
Verschiedene
Verpflichtungen, Einladungen und Interessen führen Campbell in die
Ferne: 1953 in die Schweiz (wo er auf der Eranos-Konferenz in
Ascona mit C. G. Jung, Mircea Eliade, und Daisetz T. Suzuki
zusammentrifft); Im anschließenden Jahr stehen
Indien, Ceylon, Thailand, Burma, Hong Hong und Japan auf dem Programm.
Seine asiatischen Reiseaufzeichnungen (Asian Journals) sind zum
Teil nachzulesen in zwei, von der [Joseph Campbell Foundation]
herausgegebenen Publikationen: Baksheesh and Brahman, sowie Sati
and Satori.
Campbell
ist von Armut, Schmutz und Antiamerikanismus in Indien so stark
berührt, dass er jegliche Illusionen hinsichtlich der indischen Kultur
fahren lässt, um sich fortan stärker für die individualistische
westliche Zivilisation zu engagieren.
"Im
Orient bin ich für den Westen, im Westen für den Orient. In Honolulu
bin ich für die Liberalen, in New York für das große Geschäft. Im
Tempel bin ich für die Universität, in der Universität für den
Tempel. Das Blut ist offensichtlich irisch." (Baksheesh and Brahman)
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Prägende
Eindrücke in Japan:
Mit
Christel und Mircea Eliade (links)
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Campbell
wird in seinen späten Jahren zunehmend zu einem begeisterten Vertreter
der abendländischen Idee des Individualismus, der mit dem Aufruf Follow
your bliss! - ein jeder möge entwickeln, was er an ureigensten
Möglichkeiten in sich finde, anstatt sich einem wie auch immer
gearteten Staat, einer Religion oder einer Ideologie unterzuordnen - im
Potential des Einzelnen die einzige Möglichkeit einer geistigen
Weiterentwicklung sieht.
Insbesondere
seine Indienreise wirkt sich maßgeblich auf das Selbstverständnis und
die Arbeit des Mythologen aus.
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1958
- 68
Der
"Populist"
Campbell arbeitet in diesen Jahren an seinem vierbändigen Werk The Masks of God
(Die
Masken Gottes), in dem die zentralen Themen des Mythos
historisch und auf verschiedene Kulturräume bezogen aufgearbeitet
werden.
Campbells
Vorträge und Schriften orientieren sich nun zunehmend an einem breiten
Zielpublikum. Der Autor möchte nicht Bücher als einen Gegenstand
akademischer Erörterung produzieren, sondern vielmehr die zentralen
Einsichten aus den Mythologien der Welt bereitstellen, damit der
Einzelne, darauf aufbauend, sein Leben in Harmonie mit Natur, Kosmos,
Gesellschaft und Transzendenz zu gestalten lerne.
Ein
solcher Lehrer, der es versteht, den Nerv der Zeit zu treffen, indem er
es versteht, dem Einzelnen geistige Entwicklungsmöglichkeiten jenseits
ideologischer Programme aufzuzeigen, zieht leicht eine Anhängerschaft
nach sich. Campbell dagegen wollte nicht verehrt werden, sondern allein
Wege und Mittel zu einer lebendigen Neuerfahrung der Symbole
des Mythos aufzeigen, damit der Einzelne sich selbst zu helfen vermöge.
"Es
geht nicht um mich, es geht um die Mythen." (The
Hero's Journey)
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1974
-
1986
Späte Werke
Ein
Buch über die Welt als Traum: Mit The Mythic Image versucht
Campbell neue Wege zu gehen, indem er seinen Texten erstmals durchgehend
Illustrationen gegenüberstellt: Reproduktionen von Kunstwerken
unterschiedlichster Provenienz, von hinduistischer Tempelskulptur bis
hin zu Jackson Pollocks Autumn Rhythm sollen den visionären Nerv
des Lesers direkt ansprechen.

Im Angesicht des Buddha: Bei
der Arbeit
auf Hawaii 1985. (Die Buddha-Statue -- rechte
obere Bildecke -- ist ein Geschenk der Witwe
von Heinrich Zimmer aus dessen Nachlass) |
Campbell überträgt dabei die Praxis seiner Vortragsreihen, bei denen er
gerne mit Lichtbildern arbeitet, auf das Printmedium.
1983
erscheint mit
The Historical Atlas of Mythology: The Way of the Animal Powers der
erste Band eines ehrgeizigen publizistischen Projekts, das versucht, die
historische Ausbreitung mythologischer Motive historisch
nachzuvollziehen.
1986
erscheint mit The Inner Reaches of Outer Space: Myth as Metaphor and Religion
(Die
Mitte ist überall)
ein Versuch über Mythologie im Zeitalter der Raumfahrt.
Campbell, für
den der Mondflug von Apollo 11 im Juli 1969 eines der einschneidenden
Ereignisse des 20. Jahrhunderts darstellte, das in seiner Überzeugung
nicht ohne maßgeblichen Einfluss auf das Selbstverständnis der
Menschen bleiben konnte, erläutert leicht nachzuvollziehenden Sprache,
wie Symbole auf eine Weise gelesen und erfahren werden können, die dem
naturwissenschaftlich und technisch geprägten Wissen unserer Zeit
angemessen ist.
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1983
- 87
Später
Ruhm
Campbell
pflegt einen regen Austausch mit Künstlerfreunden wie George Lucas oder
dem Rockmusiker Mickey Lemmle von The Grateful Dead.
1987
feiert The Hero's Journey: The World of Joseph Campbell im
Museum of Modern Art, New
York, Premiere, ein Film, der die Lebensstationen des großen Mythologen
anhand der entscheidenden Stationen in Campbells Modell des Heldenzyklus
nachzuvollziehen versucht.
Campbell
letzte große Vortragsreihe wird filmisch dokumentiert und erscheint
schließlich als Fernsehreihe unter dem Titel Transformation of Myth
through Time.
Im Dezember 1987 wird die Fernsehreihe The Power of Myth
(Die
Kraft der Mythen) mit Bill Moyers
ausgestrahlt
und erreicht ein Millionenpublikum, wodurch Campbell kurz nach seinem Tod
eine ungeahnte Popularität erreicht. Campbell erlebt die Ausstrahlung
des Programms und den Höhepunkt seines Ruhms nicht mehr. Am 30. Oktober
1987
stirbt
der Mythologe auf Hawaii, Jeans ursprüngliche Heimat, die den Campbells
als Altersruhesitz diente.
"Joseph
Campbell stellte fest, dass er zum Hinduismus zurücktrieb, wie er Jean
anvertraute. Er hatte all die Jahre den Buddhismus
wertgeschätzt und über das Prinzip der grenzenlosen fruchtbaren Leere
meditiert, die jenseits aller Erscheinungen liegt. Nun fand er, wie er
sagte, mehr Trost in den Erscheinungen von Raum und Zeit - Samsara, eine
Feier des Seins eher als Nirvana, Auslöschung - da doch beide
schlichtweg Weisen der Verbildlichung des Ewigen Geistes waren." (Stephen and Robin Larsen, A Fire in the Mind)
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