|
~
Bewusstsein ~
"Es gehört zur
kartesischen Denkweise, sich das Bewusstsein als etwas im Kopf
vorzustellen, zu meinen, der Kopf sei das Organ, das Bewusstsein
hervorbringt. Er ist es nicht. Der Kopf ist ein Organ, das das
Bewusstsein in einer bestimmten Richtung oder mit einer bestimmten
Zielsetzung abwandelt. Die gesamte lebendige Welt ist von Bewusstsein
erfüllt. Ich empfinde es so, dass Bewusstsein und Energie
irgendwie ein und dasselbe sind."
(Joseph
Campbell,
Die Kraft der Mythen)
Viele halten das Ichbewusstsein für
die einzige Form von Bewusstsein. Zugleich dürfte die
weitverbreitetste Ansicht zumindest in intellektuellen Kreisen
darauf hinauslaufen, dass unser Bewusstsein von unseren Gehirnen
hervorgebracht sei. Campbell sah das anders:
"Ich
bin mehr und mehr davon überzeugt, dass es eine Bewusstseinsebene
gibt, an der wir alle teilhaben, und dass das Gehirn eine
separierende Maschine ist, die diesem Bewusstsein Einlass verschafft." (Reflections
on the Art of Living)
Die weitläufige Meinung über
das Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein dürfte darin bestehen,
sich das
Erstere als vom Letzteren hervorgebracht vorzustellen. Die Betrachtungsweise,
unsere Gehirne, und mit Ihnen unser subjektiver Blick, könnte sich
umgekehrt einem übergeordneten Bewusstsein verdanken, wird
gemeinhin eine religiöse genannt.
Mystiker,
die, zumeist im Laufe eines Jahre und Jahrzehnte währenden
Trainings, tiefere Bewusstseinsschichten aufspüren, die
erst dann zum Vorschein treten, sobald das von den Sinneseindrücken
umhergetriebene Oberflächenbewusstsein zum Erstummen gebracht
wurde, berichten von der Einheit und Identität allen Seins
jenseits aller oberflächlichen Spaltung, wie sie uns im Hier und
Jetzt begegnet. Die Erfahrung dieser Identität auf
mystisch-metaphysischer Ebene führt zu
einer versöhnlichen Erfahrung von Transzendenz und Lebenswelt, in
der die dualistische Weltsicht, wie sie
uns bei Descartes und vielfach im Christentum begegnet, keinen
Platz mehr hat.
Die Einheit des Bewusstseins,
welche durch den Mystiker erfahren, von Metaphysikern gedacht und
von Physikern erforscht wird, findet in der Mythologie häufig
durch das Bild der Sonne angemessenen Ausdruck. Die Sonne, als das
Licht, das keinen Schatten in sich trägt und (scheinbar) ewiglich
leuchtet, steht dem Mond gegenüber, dessen Licht nur ein geborgenes ist,
und daher dem Wandel unterliegt, genauso wie unser Ichbewusstsein, dem die
buddhistischen Philosophen Substanzlosigkeit bescheinigen. Ein
Phänomen, das flüchtig ist wie der Wind.
Der unvergängliche Geist als
solcher hingegen begegnet uns bewusst nur in der mytischen
Erfahrung. Obwohl auch unser Alltagsbewusstsein, wie schon die
Upanischaden wussten, jede Nacht in dieses geheimnisvolle geistige
Dunkel hinabsteigt, ohne jedoch Erinnerung daran in die bewusste
Welt des Alltags mitzubringen:
"In tiefem traumlosen Schlaf
ist das Bewusstsein immer noch da, jedoch von Dunkelheit umfangen.
Aber stell Dir vor, Du könntest dieses Bewusstsein auffinden,
könntest in tiefen Schlaf hinabsteigen — während Du wach bist.
Wach hineintreten in diese Sphäre, wo es Bewusstsein gibt, aber
Bewusstsein nicht von einem spezifischen Objekt." (Sukhavati
— Place of Bliss)
___________________________________
Quellen und weiterführende
Literatur:
~ Mythos 1.1 — Psyche &
Symbol (Video)
~
Die Kraft der Mythen
~
Mythen der Menschheit
~ Reflections on the Art of
Living. A Joseph Campbell Companion
~ Sukhavati — Place of Bliss
(Video)
~ Myths of Light. Metaphors of
the Eternal
|