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Kunst
und Okkultismus – Mysterium oder Mystifizierung?
Alexander
Graeff im Gespräch mit Martin Weyers
Okkultismus
ist einer jener Begriffe, die bei
vielen Unmut, bei manch anderen dagegen Neugier oder gar
Enthusiasmus auslösen. Fast immer ist dabei ein fragwürdiges
Verständnis dieses zugegebenermaßen diffusen Begriffs im Spiel.
Adornos Schmähwort vom Okkultismus als der „Metaphysik der
dummen Kerle“ mag als Antwort auf Aberglauben und
Selbststilisierung mancher okkultistischer Bewegung nicht
grundlos Beifall finden; dem vielschichtigen Phänomen insgesamt
wird sie nicht gerecht. Occultus, lateinisch für das
Verborgene, Geheime, bezeichnet im Hinblick auf Kunst ein
Unsichtbares und Unfassbares, das jenseits unseres Denkens und
unserer Wahrnehmung liegt, aber nichtsdestotrotz im Verborgenen
wirkt. Im schöpferischen Akt findet nicht nur der Wille des
Künstlers seinen Ausdruck, vielmehr wird ein Mitwirken
verborgener – eben okkulter – seelisch-geistiger Kräfte
angenommen.
Der Berliner Autor Alexander Graeff hat nach seinem Manifest
der Okkulten Kunst nun einen weiteren Band zum Thema
vorgelegt: Ars Occulta. Überlegungen zur Okkulten Kunst
ist soeben erschienen, und ergänzt das zuvor erschienene
Manifest durch ästhetische Betrachtungen. Graeff, der mehr an
Lebensphilosophie als an akademischer Erörterung interessiert
ist, studierte Wirtschafts-, Ingenieur-,
Erziehungswissenschaften sowie Philosophie in Karlsruhe und
Berlin. Er schreibt neben seinen künstlerische Prozesse
reflektierenden Texten surreale Kurzprosa, beschäftigt sich mit
elektronischer Musik (KOMA69) und hat Erfahrungen im
Bereich Kunsttherapie gesammelt.
Graeff ist Gründungsmitglied des O.T.R.D (Orden für okkulte
Kunst), der nicht ganz ohne Selbstironie an die okkulten Zirkel
zu Beginn des 20. Jahrhunderts (wie beispielsweise den Order
of the Golden Dawn oder den Surrealisten-Orden um André
Breton)
anknüpft.
Der Orden versteht sich als eine Verbindu ng
zwischen schöpferisch tätigen Individuen, denen die kreative
Auseinandersetzung mit
verborgenen
Bewusstseinsschichten eine wesentliche Bereicherung des Lebens
bedeutet,
die
über
kreatives Freizeitschaffen weit hinausgeht im Sinne einer
Lebenshaltung. Die Beschäftigung
mit
Malerei, Musik und Poesie dient dabei in der Regel nicht der
Herstellung auszustellender
und
verkäuflicher künstlerischer Produkte, jedoch ebenso
wenig der Zerstreuung und Ablenkung. Künstlerische Tätigkeit
will hier vor allem bewusstseinsfördernd wirken. „Okkulte
Kunst“, so Graeff, „ist Lebenskunst.“ Für sukhavati.de
erklärte sich Alexander Graeff zu einem Gespräch bereit über
Kunst und Okkultismus, Kunstbetrieb, Moderne und Postmoderne,
sowie das Menschenbild der heute vorherrschenden
materialistischen Kultur.
Martin Weyers:
Der
Kunsthistoriker und Philosoph Ananda K. Coomaraswamy schrieb
einmal: „Der westliche Künstler betrachtet die Natur mit seinen
Augen und beurteilt Kunst anhand intellektueller und
ästhetischer Kriterien. Der indische sucht Wahrheit im Innern
seines Bewusstseins, und beurteilt ihren Ausdruck mithilfe von
metaphysischen und imaginativen Kriterien. Kunst ist für ihn
nicht da, um zu erfreuen, sondern um zu offenbaren.“ – Hat der
indische Kunstphilosoph nicht richtig hingeschaut, oder ist die
westliche Kunst tatsächlich mehr auf den Augenschein
ausgerichtet? Haben wir den Bezug zum Wesentlichen verloren?
Alexander
Graeff:
Ja und Nein.
Auch die westliche Kunst besitzt diese Bezüge zum Inneren, zum
Geistigen und Metaphysischen. Um 1900 wurde die Kunst als eine
Art Ersatzreligion entdeckt; man versah sie mit sozialen und
individualreligiösen Funktionen. Vielen Künstlern dieser Zeit
war die seit Romantik und Expressionismus zu
Unabhängigkeit gelangte Kunst
eine Form der Offenbarung.
Im Verlauf der
Moderne gelangte man natürlich auch zu expliziten Fragen der
Form, die seit dem Expressionismus nicht mehr ausschließlich nur
abbildenden Charakter hatte, sondern das Seelenleben der
Künstler, also ihr Inneres zum Ausdruck brachte. Es entstanden
ja völlig neue Formensprachen, man denke nur an die abstrakte
Kunst. Diese Formen faszinierten genauso wie der Inhalt;
folglich beschäftigte man sich auch mit der reinen Form. Über
Dadaismus, Surrealismus und andere Ismen gelangte die Kunst
schließlich in der Postmoderne an, wo es angeblich – das wird
ihr immer
unterstellt – überhaupt nicht mehr um Inhalte und Inneres gehe.
Coomaraswamy
hat also insofern Recht, wenn er den westlichen Kunstbetrieb
heutiger Tage meint. Wenn ich mir überlege, was heute alles als
Kunst bezeichnet wird, könnte man sich schon die Frage stellen,
worum es ihr genau geht, also welche Inhalte da ‚verarbeitet’
werden. Das Problem ist aber nicht, dass es überhaupt keine
anspruchsvolle Kunst mehr gibt. Kunst kann auch heute noch mit
Inhalten aufwarten, doch gibt es machtvolle, gesellschaftliche
Einrichtungen, die die Begriffe und Vorstellungen von Kunst für
ihre kunstexternen Zwecke missbrauchen. Mich interessiert immer
auch die soziale Dimension der Kunst; besagte Begriffe und
Vorstellungen ändern sich natürlich von Zeit zu Zeit.
Wenn man aber
nicht völlig unter Geschichtslosigkeit - auch ein Phänomen
dieser Tage - leiden möchte, kann man schon etwas wehmütig
werden, wenn zusammengecastete Achtzehnjährige auf einer
Fernsehgala als ‚Künstler’ bezeichnet werden. Ich denke also,
dass der Verlust des Inneren eine soziale Dimension besitzt, das
betrifft nicht nur die Kunst, sondern unsere gesamte moderne
Welt der Technik.
Martin Weyers:
Es lohnt sich,
die gegenwärtige Situation aus der Perspektive historischer
Distanz zu betrachten. Coomaraswamys Kritik zielte auf die
moderne Kunst im Allgemeinen. Den Begriff allein schon hielt er
für eine „Absurdität“: „Die Vorstellung, dass jemand in der
Kunst versuchen sollte, originell zu sein, ist schlichtweg
Unfug.“ Coomaraswamy stand noch ganz in der Tradition
traditioneller Hindu-Kunst, die im Westen am ehesten mit der
Kunst der Mittelalters vergleichbar ist: Nicht die Originalität
und der Eigensinn des Individuums steht dabei im Vordergrund,
sondern das Vermögen, uralte Vorbilder immer wieder neu zu
gestalten.
Die alten Erzählmuster greifen
heute aber vielfach nicht mehr. Wir brauchen Visionen, durch die
unser Geist aus tieferen Bewusstseinsebenen
wieder neu belebt wird. Man muss sich vergegenwärtigen, dass
der Individualismus, dessen negative Folgen sich heute im
kapitalistischen Egoismus und in der Abkopplung von den
geistigen Werten der Vergangenheit so stark bemerkbar macht, ein
zunächst abendländisches Phänomen ist, das sich vom
Spätmittelalter über die Renaissance bis hin zur Moderne
zunächst schleichend, und dann im 19. und frühen 20. Jahrhundert
als eine „Revolution“ in der Kunstauffassung äußert. Eine
Revolution allerdings, in der die traditionelle spirituelle
Kunst keineswegs zerschlagen wird, weil sie nach den
Erschütterungen von Aufklärung und Säkularisierung gar nicht
länger existiert hat. Was zerschlagen wurde, war ja nur noch ein
dürres Gerippe ohne Seele. Die Revolution der Moderne könnte
folgerichtig auch als eine Suche nach einer neuen Beseelung der
Kunst verstanden werden. Wobei nicht zu erwarten war, das gleich
der ganze Mensch neu erstehen würde, bevor nicht mancher Golem
geschaffen würde.
Und man muss
auch sehen, dass die Entwicklung einer „modernen“ Kunst in
weiten Teilen zunächst einer Reise nach Innen, in den
Wesensgrund, allerdings auch in Abgründe, des Menschseins
darstellt. Künstler wie van Gogh, Klee oder Beckmann waren ja
zutiefst von einer mystischen Kraft getragene Maler, die die
Entwicklung einer neuen Formsprache genutzt und vorangetrieben
haben, um dem transpersonalen, mystischen Geist bildnerische
Wirkung zu verleihen. Die Moderne
mag
als Experiment von vielfachen Entgleisungen und unbefriedigenden
Lösungen begleitet sein; insgesamt jedoch stellt sie einen
(naturgemäß beschwerlichen) Weg in bislang unausgelotete Tiefen
unserer Psyche dar, der sich gelegentlich in überragenden
Formfindungen äußert.
Bedeutet
„Okkulte Kunst“ also, sich ganz auf seine Innenwelt einzulassen,
quasi unterzutauchen in den eigenen Abgründen, in der Hoffnung
darauf, früher oder später wieder aufzutauchen, idealerweise mit
einem bemerkenswerten Bild in der Hand? Ist so deine These im
Manifest der Okkulten Kunst zu verstehen: „Okkulte Kunst ist
Moderne Kunst“? Und gibt es nicht auch moderne Kunst, die
überhaupt nicht am Okkulten und Transzendenten interessiert ist,
sondern an rein psychologisch verstandenen Innenwelten, genauso
wie moderne Kunst, deren Vorgehen rein formalistisch,
ästhetisch, sozialkritisch, politisch usw. ist? Ich selbst sehe
die Moderne als ein Sammelbecken für die Scherben des alten,
zerbrochenen Mythos, Scherben, in denen sich alles Mögliche
spiegeln kann, immer das, was den Geist des Künstlers ausfüllt
und was zu spiegeln er – bewusst oder unbewusst – anstrebt.
Die Krise in
der Kunst ist meines Erachtens weniger eine ästhetische, als
vielmehr eine Sinnkrise. Die Künstler wissen mit den Scherben
des Mythos nichts mehr anzufangen, weshalb Schönheit in der
Kunst vielfach zu einer dekorativen Oberflächenschönheit
degeneriert ist. Naturgemäß sind die inhaltlich arbeitenden
Medien – Literatur, Theater und bildende Kunst – stärker von
dieser Sinnkrise betroffen, als beispielsweise Musik, Tanz,
Design und Architektur – Bereiche, in denen heute vielfach
großartige Leistungen vollbracht werden. Natürlich gibt es auch
interessante Maler, Literaten und Filmemacher, jedoch scheinen
mir diese Medien kaum mehr sinnstiftend zu wirken, wie es früher
einmal der Fall war, weil den Künstlern der Zugang zu tieferen
Wirklichkeitsschichten fehlt.
Alexander
Graeff:
Ich gebe dir
im Prinzip Recht, ich bedauere auch gelegentlich das Fehlen
eines inneren Standpunktes zeitgenössischer Kunstwerke, und
dennoch möchte ich es mit der Kritik nicht übertreiben. Denn es
könnte ja z.B. auch sein, dass ich diesen inneren Standpunkt
nicht erkennen kann. Dennoch: ich denke, es gibt viele
Beispiele, die das widerspiegeln, was du gerade bemängelt hast.
Was aber der Kritik ausgesetzt werden sollte, sind nicht die
Werke einer Kunstepoche, sondern mehr
die Strukturen unseres Kunstsystems. Zudem sollte man einen
kritischen Blick darauf werfen, welche Mächte Begriffe bilden
und für ihre Zwecke gebrauchen. Hier muss man anknüpfen,
hier kann man kritisieren, an den Werken herumzukritteln halte
ich für sinnlos.
Die Kunst
wurde von einer gesamtgesellschaftlichen Mentalität ergriffen,
was indes nicht neu ist; ich vertrete da ganz Wassily Kandinskys
These, dass die Kunst aufzuzeigen in der Lage ist, wie es um die
geistigen Einrichtungen innerhalb einer Gesellschaft steht. Mit
geistigen Einrichtungen meine ich kulturelle Werte wie z.B. eine
allgemeine Bildung, ganz generell aber einen Sinn für
Bemühungen, die nicht immer einen unmittelbaren, kurzfristig
materialen Nutzen stiften müssen. Wenn wir uns die staatliche
Finanzierung und Steuerung des Bildungswesens anschauen, brauche
ich mit keiner weiteren Ausführung zu langweilen. Unsere
Gesellschaft wurde weitestgehend vom
Prinzip der Sache
erfüllt, aber es gibt eine Résistance. Gewinnmaximierung,
Effizienz und Technokratie sind in diesem Fall die Ursachen,
unbedingte Objektivierung und Subjektkrise sind die Wirkungen.
Das, was wir gerade kritisieren, ist kein Problem, das allein
auf Kunst und Kunstbetrieb bezogen werden kann, es hat eine
gesamtgesellschaftliche Tragweite.
Um aber auf deine Frage zur Okkulten Kunst zurückzukommen: meine
Thesen sind keine Gleichungen. Das betonte ich bereits im
Nachwort meines ersten Buches. Die Okkulte Kunst besitzt
Eigenschaften und Strukturelemente der Modernen Kunst (z.B. nach
Jean Dubufett); deshalb sagte ich: „Okkulte Kunst ist Moderne
Kunst“, ich sagte nicht: „(Jede) Moderne Kunst ist (auch)
Okkulte Kunst“. Mir ging es nicht zuletzt um die Abgrenzung von
postmoderner Kunst. Auch wenn Okkulte, zeitgenössische Kunst
schon irgendwie postmodern ist, wollte ich deutlich machen, dass
ich sie in der Tradition der Modernen sehe.
Okkulte Kunst beschreibt ein bestimmtes ästhetisch-inneres
Produktionsprinzip, so gesehen kann ein Werk der Okkulten Kunst
auch politische Sujets bedienen. Im weitesten Sinne ist Okkulte
Kunst eigentlich immer politisch, weil sie auch für und in die
Zukunft wirkt und Ausdruck einer Meinung ist. Politische Kunst
dagegen kann gemäß meiner Symptome, die ich für die Okkulte
Kunst vermerkte, nie Okkulte Kunst sein, weil sie einem
kunstexternen Zweck dient (z.B. zur Meinungsmache usw.)
Martin Weyers:
Die These
„Okkulte Kunst ist Moderne Kunst“, ist sicher missverständlich,
wenn sie aus dem Zusammenhang herausgenommen wird. Daher müssen
wir sie hier erläutern oder umformulieren. Die These lautet also
eigentlich: "Okkulte Kunst besitzt Eigenschaften und
Strukturelemente der Modernen Kunst." Dass du Okkulte Kunst in
der Abgrenzung von Funktionalismus und Zweckdenken siehst, hast
du bereits angesprochen. Um welche Eigenschaften und
Strukturelemente es sich genau handelt, wäre noch zu erörtern.
In meinen
Augen ist eine Kunst, die aus der Innenschau hervorgeht, nie
Ausdruck einer Meinung, weil sie in Erfahrungsbereichen wurzelt,
die über persönliche Standpunkte hinausgehen. Aber natürlich hat
visionäre Kunst – ein Ausdruck den ich persönlich bevorzuge – politisches
Potential, schon insofern als dass in unserer auf praktischen
Nutzen ausgerichteten Kultur alles eifersüchtig hinterfragt
wird, was nicht unmittelbar nachvollziehbar ist
und gewinnbringend
angewendet werden kann. Kunst wird ja vielfach als Zeitvertreib
gesehen, der dem Regenerieren am Wochenende dient, damit der
Mensch am Montagmorgen wieder mit voller Kraft den
Arbeitsprozessen von Industrie und Bürokratie zur Verfügung
steht. Insofern hat die ernsthafte Beschäftigung mit geistigen
Dingen geradezu etwas Anarchistisches; was über Umwege
schließlich, wie ich überzeugt bin, der Gesellschaft und den
Menschen zugute kommt.
Die
Beschäftigung mit der eigenen Innenwelt, wie sie ja nicht nur in
der Kunst, sondern in vielen spirituellen Disziplinen gefördert
wird, hilft dem Dasein als Maschinenmensch zu entrinnen.
Sie übernimmt für viele heute möglicherweise eine Funktion, die
Mythologie und Religion nicht mehr leisten können. Ich würde
gern näher auf diese geistig-seelischen Aspekte eingehen.
Vielleicht solltest du näher erläutern, auf welche Haltung und
welche geistig-seelischen Prozesse in der Arbeit des Künstlers
du ansprichst, wenn von einem bestimmten ästhetisch-inneren
Produktionsprinzip die Rede ist. Beziehst du dich allein auf
den schöpferischen Prozess, der ja in der Moderne in den
Vordergrund rückt: Spontaneität, Subjektivismus, Innenschau?
Oder gibt es bestimmte Techniken und formale Eigenschaften, die
den inneren Prozessen entsprechen?
Alexander
Graeff:
Ich habe die
These „Okkulte Kunst ist Moderne Kunst“ nicht missverständlich
eingesetzt, sondern provozierend. Ich nenne im Buch ja Gründe,
weshalb ich zu dieser These gekommen bin. Die besagten
Eigenschaften, die Okkulte und Moderne Kunst verbinden, sind
beispielsweise die Abkehr von einem anthropozentrischen Weltbild
hin zu einem anthropogenen, die Abkehr vom Primar der Logik (das
heißt, sich neben der formal-rationalen auch die
inhaltlich-emotionale Frage zu stellen), die Abkehr vom Primat
der Schönheit (es geht nicht mehr um die Dekoration von Leben
und die Ausstaffierung von Machtstrukturen) und zuletzt um
Polysemie, wie es Jean Dubufett nannte. Hier geht es um die
Gestaltung vieldeutiger Werke, er prophezeite damals schon –
1951 – den Pluralismus der Postmoderne.
Dubufett ist
allerdings nur ein Beispiel, wie die Moderne Kunst rezipiert
wurde, selbstverständlich gibt es andere Hinweise darauf, dass
Okkulte Kunst in der Tradition der Modernen steht. In Ars
Occulta gehe ich bezüglich dieser Hinweise auf die
ästhetischen Eigenschaften der Okkulten Kunst ein: das sind die
so genannten Symptome der Okkulten Kunst.
Im Anschluss
an Vorträge habe ich häufiger von bildenden
Künstlern und
Künstlerinnen hören müssen, dass diese Symptome und
Eigenschaften, die ich für die Okkulte Kunst vorstellte, doch
ganz allgemeine Strukturelemente von Kunst seien. Da ist etwas
dran, denn Okkulte Kunst beruft sich eben auf die Ideale der
Modernen Kunst, die heute mit der postmodernen nur noch zum Teil
erfüllt werden. Es geht mit allerdings auch um Abgrenzung. Ich
veranstalte diese ganze Denkanstrengung ja nur, weil ich der
Meinung bin, dass sich Begriffe und Vorstellungen – in diesem
Fall von der Kunst – beständig ausdifferenzieren sollten. Das
macht jede Lebenspraxis meines Erachtens erst aus.
Noch rasch zum Begriff Meinung. Du hast Recht, er ist
unglücklich gewählt. Was ich meinte, war mehr Intension.
Ich denke im Rahmen meines Konzeptes nicht an irgendwelche
bestimmte Techniken oder Formen, das liegt im Bereich der
Mittelfreiheit des Künstlers selbst. Was ich versuche zu
analysieren, betrifft mehr die Inhaltsseite. Okkulte Kunst ist
in erster Linie aus
produktionsästhetischer Sicht zu betrachten. Mich interessiert
der Prozess der Werk- und Selbstentwicklung, die emotionalen und
kognitiven Vorgänge des Kunstschaffens und auch der
erkenntnistheoretische Blick – indes ein Grund, weshalb ich
konstruktivistische Ansätze zurate ziehe und diese mit Mystik in
Verbindung bringe. Beide Ansätze fragen nämlich nach dem Prozess
des Erkennens von Welt und Subjekt sowie nach den Grenzen des
Erkennens.
Ganz allgemein
versuche ich dem Siegeszug der Sache, der Sucht nach
Objektivierung, eine
subjektivistische Kunstposition entgegen zu stellen. Es mag
trivial klingen, nochmals hervorzuheben, dass Kunst immer
subjektiv ist; schaue ich mir aber an, wie „Kunstwerke“ unter
aktiver Mitarbeit und subtiler Mitsprache von Trainern,
Marketing und Sponsoren entstehen, finde ich diesen Ansatz
geradezu notwendig. Ein Symptom der Okkulten Kunst lautet daher
subjektivistisch.
Martin Weyers:
Wenn man von
subjektivistischer Kunst spricht, sehen ja viele gleich
die Gefahr einer narzisstischen Selbstbespiegelung, die eine
Abkopplung der Kunst von der Wirklichkeit zur Folge hat: Der
Künstler als Autist. Ich finde den Einwand grundsätzlich nicht
unberechtigt. Allerdings wird dabei oft übersehen, dass, wenn
man nur tief genug eintaucht in den Geist, aus einer solchen
Innenschau durchaus eine Perspektive erlangt werden kann, die
weit über intellektuelle und von vornherein objektivierte
Standpunkte hinausgeht, und damit sehr wohl von allgemeiner
Relevanz ist.
Mir selber
kommt es vor allem auf das ästhetische Resultat und die diesem
zugrundeliegende Erfahrung an. Ich glaube,
dass es die Aufgabe der Kunst sein sollte, Bilder zu erzeugen,
die durch einen besonders hohen Grad der Verdichtung eine tiefe
Wirkung auf Menschen erzielen, die offen für eine solche
Erfahrung sind. Manchmal sagen Ausstellungsbesucher oder
Vernissagegäste zu mir: Ich verstehe ja nichts von Kunst,
aber das Bild dort hat mich stark berührt. Vollzieht sich in
dieser Berührung nicht ebenfalls ein tiefgreifender geistiger -
ein okkulter – Prozess? Kunst bedeutet für mich auch
Kommunikation, und diese vollzieht sich doch in erster Linie
über das geschaffene Werk. Der Weg zum Bild dagegen, das Malen
und Zeichnen, bedeutet für mich eine tiefe Erfahrung, während
das Reden über Kunst und künstlerische Prozesse, so schön und
hilfreich es sein kann, einer sekundären Erfahrung gleichkommt.
Letztlich
zählt für mich das Werk als eine verdichtete geistige Schau, die
zum Objekt geworden ist, damit sie auf andere wiederum geistige
Impulse aussenden kann. Während Schönheit für mich in der Kunst
nach wie vor einen hohen Stellenwert besitzt. Allerdings keine
kosmetische Schönheit, wie man sie häufig in Kunst findet, die
den Mode- und Lifestylemagazinen nachzueifern versucht, sondern
die Schönheit des Kunstwerks als einer lebendigen
Persönlichkeit. Wenn man das Gewicht einseitig auf den inneren
Prozess legt, läuft man allerdings Gefahr, dass die Kunst
beliebig wird: Der Künstler ohne Werk.
Wäre ein
dritter Band zur Okkulten Kunst denkbar, indem nicht die
kunstphilosophische These (Manifest der Okkulten Kunst),
nicht der Schaffensprozess (Ars Occulta), sondern das
Werk selbst und dessen Deutung in Form von Bildbetrachtungen im
Vordergrund steht?
Alexander
Graeff:
Zunächst
möchte ich betonen, dass es mir bei der Vorstellung eines Werkes
der Okkulten Kunst natürlich um das Ergebnis, um das Werk selbst
geht, auch wenn ich
glaube, dass dieses nur die Materialisierung
eines graduellen Entwicklungspunktes seitens des Künstlers ist,
ohne es abzuwerten. Ich glaube, dass Okkulte Kunst – ich denke
da durchaus an Ecos offenes Kunstwerk –keine
abgeschlossene Angelegenheit ist, sondern eine prozessuale Faser
im Werk- und Lebensprozess des Künstlers. Das war auch ein Grund
für mich, ein weiteres Symptom der Okkulten Kunst prozessual
zu nennen.
Deine Einwende bzgl. der subjektivistischen Kunst sind
berechtigt. Natürlich besteht bei der Okkulten Kunst die Gefahr
des Solipsismus und des Autismus, das hat sie indes auch gemein
mit fast allen spirituellen und okkulten Denksystemen. Eine
geeignete Möglichkeit, diesem Solipsismus vorzubeugen, ist
natürlich der Ansatz, dass Kunst Kommunikation ist, das betonte
ich auch in meinem ersten Buch. Hiefür ist Sender, Empfänger und
Gegenstand notwendig. Nur in der Kommunikation kann erfahren
werden, wie das individuelle Subjekt überhaupt erst konstituiert
wird, nämlich im Austausch mit und der Spiegelung an anderen
Subjekten. Okkulte Kunst ist auch intersubjektiv.
Ich bezeichne das Symptom, welches den Fokus auf das Subjekt
legt aber nicht einfach nur als subjektiv, denn das wäre
bis zu einem gewissen Grad auch eine in den Massenmedien
propagierte Reklamekunst. Nein, ich nenne es subjektivistisch,
da es mir um Kunst geht,
die ein Nachdenken über Subjekt und Subjektsein thematisiert, in
der Form, dass sie den Entwicklungsprozess eines Subjekts im
Werk darstellt.
Als Künstler
geht es mir selbstverständlich auch um die Wirkung meiner Werke
und um passable Ergebnisse meiner Schaffensprozesse. In der
Praxis bewege ich mich nicht auf der Metaebene, analysiere keine
Prozesse und Positionen, sondern beschäftige mich mit Inhalt
und Form, mit dem Werk selbst und seiner etwaigen
Bespiegelung kollektiver Phänomene. Meine theoretischen
Betätigungen an der Okkulten Kunst sind hiervon zu trennen.
So gesehen
müsste ein drittes Buch zur Okkulten Kunst, welches das Werk
beschreibt, eine rezeptionsästhetische Kunstinterpretation eines
Beispiels sein. Da ich die von mir konstatierten Anzeichen der
Okkulten Kunst nicht als Merkmale oder Kriterien beschrieben
habe, sondern lediglich als wahrnehmbare oder nicht wahrnehmbare
Hinweise auf eine gedankliche Konstruktion, würde mir diese
Interpretationsarbeit sehr schwer fallen. Letztlich geriete ich
in die Verlegenheit, meine eigenen Werke zu analysieren, und das
wollte ich nicht tun.
Martin Weyers:
Mich
interessiert die Verbindung von Mystik und Konstruktivismus. Du
sprichst von einer Verbindung zwischen beiden Ansätzen, da in
beiden Fällen nach den Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis
gefragt wird. Vertrittst du eine radikale konstruktivistische
Position, das heißt, glaubst du, dass Wirklichkeit in unseren
Köpfen entsteht? Und wie verhält es sich mit der Verbindung zur
Mystik? Die Mystik versucht doch nicht Symptome zu benennen,
sondern strebt durch die Auflösung der Subjekt-Objekt-Trennung
eine wesenhafte und unmittelbare Erkenntnis an.
Alexander
Graeff:
Weltbilder existieren immer in unseren Köpfen, egal mit welcher
Theorie man an sie herantritt. Entscheidend ist aber die Frage,
ob die Welt durch unsere Konstruktions- und
Interpretationsleistung erst begründet wird oder nicht.
Wir können Welt immer nur durch unsere subjektive Brille sehen,
sie losgelöst von unserem Subjekt erkennen können wir nicht.
Ich halte es
aber auch für plausibel anzunehmen, dass der Mensch nicht nur
aktiv-konstruktive Dispositionen zur Welterzeugung einsetzt,
sondern auch einigen Dingen (Fasern von Welt) passiv, erleidend
gegenübersteht. Wir leben ja in einer Welt des Teilens. Ich
glaube, dass es kollektive Dispositionen gibt, an denen ich zwar
einen unbewussten Anteil habe, sie aber nicht direkt willentlich
verändern kann. Ich würde mich insofern nicht als Radikalen
Konstruktivisten bezeichnen, da ich einfach Erfahrungen gemacht
habe, die mich an ein Vorhandensein einer „Welt außer mir“
glauben lassen – erkennen kann ich sie aber nicht. Das ist
übrigens kein neues konstruktivistisches Diktum, das hat auch
schon Kant behauptet.
Mir gefallen
aber die Fragen, die sich die Konstruktivisten stellen. Sie
fragen nach der Möglichkeit des Erkennens des Erkennens, ganz
allgemein nach Erkenntnisprozessen, nach dem Beobachter
innerhalb dieses Erkenntnisprozesses und nach den
Erkenntnisgegenständen. Das sind genau dieselben Fragen, die
sich die Mystiker stellen.
Den
traditionellen Mystikern wie Jakob Böhme oder Meister Eckhart
ging es um die Grenzen des Erkennens, sie bezeichneten das als
das Transzendente oder Gott, was das gleiche ist. Die Mystiker
der Moderne wie z.B. Robert Musil interessierten sich mehr für
den Prozess des Erkennens und vor allem postulierten sie, dass
die mystische Erfahrung so etwas wie eine emotionale
Erkenntnis sei. Dieses Interesse teilen sie mit den
Konstruktivisten.
Die Sache mit
den Symptomen hat natürlich nichts mit den Traditionen der
Mystik zu tun, vielen Mystikern geht es ja gerade um normative
Setzungen. Ästhetische Beschreibungen
nicht nach Kriterien herzuleiten, was aus konstruktivistischer
Sicht nicht funktioniert, wurde durch Nelson Goodmans
Symboltheorie inspiriert. Er betont auch, dass es in der Kunst
nicht um Kriterien gehen
kann, denn das hieße, die Beschreibungen objektiv zu setzen. Und
Objektivität kann nicht erreicht werden, da kein Mensch sein
Subjektsein verlassen kann. Man muss also die von mir gewählte
Darreichungsform des Konzeptes der Okkulten Kunst – die Form der
Symptome – trennen von den inhaltlichen Bezügen, die ich
zwischen Kunst, Mystik und Konstruktivismus herstelle.
Martin Weyers:
Du plädierst
also nicht für eine Aufwertung religiöser oder metaphysischer
Positionen, sondern dafür, den Gedanken verlässlicher
Weltmodelle grundsätzlich aufzugeben, und sich auf die innere
Erfahrung einzulassen? Dem stimme ich zu, und möchte hinzufügen,
dass es uns wohltut, uns nach Innen wie nach Außen zu öffnen.
Weltbilder, ganz gleich welcher Art, tendieren ja dazu, durch
Konditionierung den Charakter von
Ideologien anzunehmen. Zum Glück gibt es aber Wissenschaftler,
die für die mystische und symbolische Erfahrungsweise offen
sind, und umgekehrt Mystiker, die sich für Wissenschaft
interessieren.
Was mich an
der Mystik fasziniert, ist, dass sie eine radikale Behauptung
aufstellt, die aber natürlich nicht prüfbar ist: Ich habe
eine Erfahrung gemacht, die mich die Welt in einem neuen, einem
essentiellen Licht sehen lässt. Mitreden kann allenfalls,
wer dieselbe Erfahrung gemacht hat. Die Berichte der Mystiker
sind ja nur bescheidene Annäherungsversuche. Jeder Versuch einer
Objektivierung wird zurückgewiesen, mit dem Hinweis, dass sich
das Wesentliche nur erfahren, nicht objektivieren ließe und sich
nur dem Mystiker unverhüllt zeige.
Eigentlich bilden die Mystiker eine Elite, die sich von wahrhaft
elitären Positionen allerdings dadurch unterscheidet, dass der
echte Mystiker niemanden ausgrenzt, eher in seiner
außerordentlichen Erfahrung sich selbst (gesellschaftlich)
isoliert vorfindet. Darin gleicht er dem (visionären oder
okkulten) Künstler, der sich ganz auf seine Innenwelt einlässt,
um dann von der Umwelt ignoriert oder pathologisiert zu werden.
Dass die mystische Erfahrung einer tiefen metaphysischen
Erkenntnis gleichkommt, und sich hinter den pathologisch
beschreibbaren Symptomen eine wesenhafte Erkenntnis verbirgt,
lässt sie sich wohl philosophisch vertreten; beweisen kann man
es natürlich nicht. Genauso steht es um die Relevanz
künstlerischer Einsichten; sie kann nur gespürt, nie
objektiviert werden.
Interessanterweise ist aber auch das Weltbild der
Naturwissenschaften nur ein Konstrukt. Du hast Kant angeführt,
der dargelegt
hat, dass es unserem Gehirn angeborene Strukturen gibt, denen
das Denken nicht Entrinnen kann, wie beispielsweise die
Verortung in Raum und Zeit, während uns die Welt an sich, das
Ding an sich, verborgen bleiben muss. Erstaunlicherweise
scheinen sich die Wortführer der Populärphilosophen unter den
Naturwissenschaftlern – wie beispielsweise der Biologe Richard
Dawkins in den USA, der kürzlich mit seinem Buch The God
Delusion wieder einmal Gott abgeschafft hat – kaum mit
Wissenschaftstheorie, geschweige denn mit Erkenntnistheorie im
allgemeinen beschäftigt zu haben. Alles was sich jenseits von
rational definierten Begriffen abspielt, wird als irrelevant
angesehen, auf der Grundlage eines recht naiven
Realitätsbegriffs.
Insofern
sollte man den Konstruktivisten vielleicht dankbar sein, weil
sie nicht nur die Metaphysiker, sondern auch die Positivisten
(wieder einmal!) in die Schranken verwiesen haben. Die
Fundamentalisten unter den Wissenschaftlern gleichen jenen der
Religionsvertreter mehr als ihnen lieb sein dürfte: Jeder glaubt
ein Tor geschossen zu haben, und hat dabei gar nicht
mitbekommen, dass erkenntnistheoretisch längst Abseits gepfiffen
wurde!
Ich frage
mich, warum das allgemeine Weltbild heute wieder materialistisch
und positivistisch geworden ist, und empfinde diese einseitige
Fixierung auf das Objektivierbare als genauso irrational und
atavistisch, wie die teils versponnenen esoterischen Zirkel, die
sich als Gegenreaktion auf die Trivialisierung der Welt durch
unsere materialistische Kultur bilden. Wo das Mysterium
verloren geht, machen sich Mystifikationen und Banalisierungen
im Kampf um kulturelle Vorherrschaft breit. Zur Zeit eines Kandinsky
wurde das neue
Weltbild der Physik noch in seiner ganzen Tiefe und
Erstaunlichkeit empfunden. Heute sorgen dieselben Einsichten
meist nur noch für Achselzucken. Aristoteles glaubte, dass die
Philosophie mit dem Staunen beginne; vielleicht brauchen wir
heute eine Philosophie, die uns wieder das Staunen lehrt!
Der konstruktivistische Ansatz hat in Form einer Demontage
übereilter Schlussfolgerungen über die Beschaffenheit der Welt
vielleicht das Potential, einen Heilungsprozess einzuleiten,
oder doch an den Voraussetzungen dafür mitzuwirken. Das
sokratische Ich weiß, dass ich nichts weiß ist sicher ein
besserer Ausgangspunkt als jede Form von philosophischer,
theologischer oder wissenschaftlicher Besserwisserei, um der
Welt wieder mit offenem – das heißt: mit künstlerischem! – Blick
zu begegnen. Auf dieser Grundlage sollte es aber wünschenswert
sein, ein undogmatisches Weltbild zu entwickeln, dass versucht,
innere und
äußere Erfahrung zu verknüpfen, um eine Gesamtschau wieder
möglich zu machen.
Alexander
Graeff:
Ich wehre mich
generell gegen hierarchische Beziehungen innerhalb der
Lebenspraxen. Die ideologieanfällige Religion, Politik und wohl
auch Naturwissenschaft darf sich nicht über andere Praxen
erheben, und am
wenigsten über das Leben des Einzelnen.
Ich belege religiöse Weltanschauungen nicht pauschal mit
Ideologiekritik, im Gegenteil: oftmals sagen sie uns mehr über
unsere Mentalität
und unsere Kultur als irgendeine noch so gute
Kulturwissenschaft. Man darf aber nicht dem Trugschluss
verfallen, dass Religionen mehr seien als kulturelle Konstrukte,
Werke individueller und kollektiver Geschichte. Das meine ich
nicht abwertend; das Transzendente begegnet uns im individuellen
und gemeinschaftlichen kreativen Erleben, nicht in knochigen
Institutionen. Das Konstrukt ist für mich etwas Heiliges!
Jedweder
Versuch, eine Weltanschauung absolut zu setzen ist meines
Erachtens im Sinne eines freiheitlichen und sozialverträglichen
Zusammenlebens nicht tragbar. Das gilt indes nicht nur für
Religion und Politik, sondern auch für die Objektivierungssucht
innerhalb der Kunst; daher von meiner Seite: keine Kriterien,
sondern nur Hinweise.
Ich würde
Weltbild und Weltanschauung gerne voneinander
unterscheiden. Mag sein, dass beide Begriffe analog gebraucht
werden, aber ein Weltbild ist für mich lediglich das Bild der
Welt, das sich jeder macht – der eine vermag es in Worte zu
fassen, der andere mag es nur zu erleben –; bei der
Weltanschauung dagegen ist in vielen Fällen ein metaphysischer
Überbau vorhanden, der meint, allgemeingültige Antworten auf die
Fragen des Lebens geben zu können. Ein Weltbild kann
gewiss die gleiche Aufgabe erfüllen, nur tut es das im
subjektiven Raum. Der Versuch, dem Einzelnen allgemeingültige
Antworten vorzukauen ist ein Kennzeichen der Ideologie; ich
halte jede Antwort, die absolut gegeben wurde (und nicht
beständig ausgehandelt wird) für schädlich. Natürlich müssen wir
gewisse Regeln des Zusammenlebens auch uneingeschränkt
universalistisch setzen, z.B. die Menschenrechte, aber
es sollten keine
absoluten Antworten auf metaphysische Fragen gegeben werden,
auch wenn wir eine zweitausend Jahre alte Tradition darin haben.
Martin Weyers:
Ich bin sehr an der Kunst als
einem Medium interessiert, dass uns tiefe Erfahrungen
ermöglicht, die uns ohne die Kunst verschlossen blieben. Der
Bereich lebendiger Erfahrung lässt sich durch Kunst undogmatisch
bereichern. Kunst und Mystik stellen, wenn sie ernsthaft
betrieben werden, Wege zu einer Erfahrung dar, die über
Weltanschauliches hinausgehen. Wir brauchen diese Methoden, um
die Welt von Innen zu erkunden, und jenseits von
Objektivierbarkeit den Geist, die Seele erblühen zu lassen.
Der Vorteil einer symbolischen Bildsprache in der
Kunst ist, gegenüber Theorien, dass Symbole das Bewusstsein
öffnen und inspirieren, ohne uns auf eine bestimmte Theorie oder
ein bestimmtes Weltbild festzulegen. Insofern wäre Kunst das
ideale Mittel, um unsere Erfahrung im Sinne innerer Erkenntnis
zu vertiefen. Echte Symbole enthalten ja nie faktische Aussagen,
sondern poetische Umschreibungen.
Meines Erachtens besteht die große Chance der
Kunst heute darin, sich undogmatisch
der inneren Erkenntnis zu öffnen, sich dabei aber durchaus auch
von den Forschungen der Wissenschaftler anregen zu lassen. Die
Physiker und Neurologen haben ja, bei aller
erkenntnistheoretischen Vorsicht, die bei der philosophischen
Deutung geboten sein mag, ungeheuer interessante Beobachtungen
gemacht; während Wissenschaftszweige wie zum Beispiel die
Kosmologie oder Embryologie nicht nur faszinierende Erkenntnisse
gesammelt haben, vielmehr werden diese sogar durch teils
atemberaubende fotografische Bilder illustriert – die die
meisten Künstler erstaunlicherweise kalt zu lassen scheinen!
Alexander
Graeff:
Dein Vergleich des Künstlers mit dem Mystiker
gefällt mir. Du hast das entscheidende
Moment herausgestellt. In der Mystik und in der Kunst gibt es
innerhalb der eigenen Denk- und Handlungsweisen keine
Objektivierung, auch keine Quasi-Objektivität wie in der
Wissenschaft (hier ist sie als Hilfsmittel notwendig –
das ganze System würde sonst zusammenbrechen). Es gibt
allerdings – so meine ich das wahrzunehmen – durchaus diese
Versuche der Objektivierung von Kunst, von Stilen, Moden und
Trends. Daher denke ich, dass es für die Ausdifferenzierung des
Kunstsystems nützlich sein könnte, subjektivistische Kunstformen
zu beackern. Diese Ausdifferenzierung ist für den Fortbestand
von Systemen innerhalb pluralistischer Gesellschaften geradezu
notwenig: Themen, Inhalte und Bedeutungen von Kunst sollten
einfach beständig ausgehandelt werden, in dem man Kunst
attributiert.
Das Ergebnis dieser Objektivierungsversuche ist
eine objektivierte Kunst, von der allerdings weniger die
traditionelle Kunst des Bildungsbürgertums betroffen ist. Hier
ist man sich dem Bezug zur Moderne, zur Subjektintegrität,
Aufklärung und Intellektualismus ja weitestgehend bewusst. Ich
denke aber auch an die „Kunst“, die man den so genannten
bildungsfernen Schichten auftischt; diese zielt in den meisten
Fällen auf Weltflucht (Brot und Spiele), anstelle auf
Aneignung und Auseinandersetzung mit Welt. Diese so geartete
Kunst wird von medialen Machtstrukturen erzeugt, „objektiviert“,
denn es wird auf jede Form der subjektiven Auseinandersetzung
verzichtet, auf Konsumentenseite und auf Produzentenseite. Die
Problematik entsteht also nicht nur durch mangelnde
Antriebskraft des Einzelnen, sondern auch durch eine
systematische Reproduktion von bestimmten Strukturen, die
kreative Vorstellungen davon, was Kunst ist bzw. sein könnte, im
Keim ersticken. Was damit erreicht wird, ist eine neue
soziologische Vokabel: bildungsbefreite Schichten.
Martin Weyers:
Der Kunst
liegen heute zumeist äußerliche Motive zugrunde: Die früheren
Bedeutungsträger, Mythos und Religion, sind vielen unglaubwürdig
geworden. An ihre Stelle jedoch sind tragischerweise
ausgesprochen geistlose Motive zur Kunstproduktion und
–Rezeption getreten: Rationalismus, Pädagogik, Politik,
Sozialkritik, Sozialprestige, Egozentrismus, Vergnügungssucht
und Kommerz formen die Kunst. Infolgedessen hat sich die
Schönheit der Kunst in eine Oberflächenschönheit verwandelt; Wo
Kunst Schönheit sucht, verbleibt sie oftmals im Dekorativen, da
es ihr an Substanz mangelt.
Der Mangel an
Tiefe gilt meines Erachtens nicht nur für die Zerstreuungskultur
der Medien, sondern auch für weite Bereiche der Kunst und
Kultur, die ebenso einer Innendimension entbehren. Der
intellektuelle Diskurs, der heute die Auseinandersetzung mit
Kunst bestimmt, ist in meinen Augen nur ein dünner begrifflicher
Aufguss, mit dem versucht wird, die Leere, die heute allgemein
herrscht, zu kaschieren.
In
meinen Augen ist die geistige Krise schichtenübergreifend. Auch
viele Intellektuelle sind heute „bildungsbefreit“, insofern als
dass geistiger Anspruch fälschlicherweise mit einem
nüchtern-analytischen Blick gleichgesetzt wird. Die innere
Erfahrung wird als seicht und sentimental abgetan, weil sie eben
„nur subjektiv“ ist. Der Grund dafür l iegt
wohl in dem heute gängigen Weltbild, das im geistig-seelischen
Bereich lediglich eine Funktion neuronaler Systeme sieht.
Gelegentlich
stößt man jedoch auf Wissenschaftler, die das Geistig-Seelische
ganz im Gegenteil als Tiefendimension der Natur betrachten. Ich
denke hier an Physiker wie David Bohm, Fritjof Capra und
Friedrich von Weizsäcker, genauso wie den Biologen Rupert
Sheldrake oder die Psychologie in der Tradition von C. G. Jung.
Die Kunst eines Wassily Kandinsky,
Paul Klee oder Max Ernst kann man vielleicht als künstlerisches
Äquivalent einer solchen durchgeistigten Naturschau sehen, die
häufig Sichtweisen der Romantik, etwa eines Novalis oder
Hölderlin aufgreift. Bedeutet Okkulte Kunst auch eine
Auseinandersetzung mit dem Naturbild der Romantik und der
modernen Physik, oder vollzieht sie sich allein introspektiv?
Alexander
Graeff:
Ich gebe dir
Recht, dass die Kunst heute auch reine Fassade sein kann. Dass
Religion und Mythos aber heutzutage in der Kunst nur noch selten
Thema sind, hat wiederum nicht allein mit der Rolle der Kunst
als „geschichtsphilosophische Sonnenuhr“, wie Adorno das
Abspiegeln gesellschaftlicher Tendenzen und Mentalitäten durch
die Kunst bezeichnete, zu tun, sondern ist ein
gesamtgesellschaftliches Phänomen. Ich denke aber, dass es Sinn
macht, die Lebenspraxis des Religiösen durch die Kunst wieder
ein wenig vermittelbarer zu machen. Wenn wir uns dazu
entscheiden, im Leben glücklich und erfolgreich zu sein und
nicht erst im Jenseits, bietet die Kunst hervorragende
„Methoden“, diese „immanente Transzendenz“ der individuellen
religiösen Praxis wieder zu entdecken.
Um auf deine
Frage zurückzukommen: Okkulte Kunst hat ein sehr weites,
bevorzugtes Sujet, und dieses tritt in Gestalt des Okkultismus
eigentlich nur als Inspirationsfundus auf. Ansonsten kann sich
ein Werk der Okkulten Kunst natürlich auch um Themen wie
Rationalismus, Pädagogik, Politik, Sozialkritik oder moderne
Physik drehen; es geht aber primär um die verborgenen Akzente
des gewählten Sujets. Das meine ich ganz allgemein mit
Okkultismus. Meinen Thesen nach stehen aber die
abendländische, und insbesondere die moderne Kunst in einer
Traditionslinie mit „okkulten Lehren“, also mit Alchemie,
Hermetik, Gnosis, Theosophie usw. usf. In dieser Rangfolge ist
natürlich auch die Romantik zu finden. Novalis & Co. sind für
mich Vorreiter der modernen Kunst. Die historische Verbindung
zwischen Kunst und Okkultismus ist der eine Teil der Okkulten
Kunst, der andere ist der produktionsästhetische, der aber
unabhängig ist von irgendwelchen historischen Epochen und
Themen. Okkulte Kunst ist relativ autonom. Sie ist sich
ihrer Inspirationsquellen und historischer Anknüpfung zwar
bewusst, ist aber frei in Themenwahl und Form des Ausdrucks.
Martin Weyers
Die freie und
authentische Wahl der Mittel ist auch in meinen Augen einer der
wichtigsten Aspekte, die es für den Künstler heute zu
berücksichtigen gilt. Die meisten jungen
Maler blättern heute in den
Kunstmagazinen und versuchen auf der Höhe der Zeit zu sein,
indem sie sich daran orientieren, was gerade in New York oder
London angesagt ist. Dabei haben die Trends heute ja gar nichts
mehr mit dem Avantgarde-Gedanken zu tun; Vielmehr zielt der
internationale Kunstmarkt in erster Linie auf die Vermehrung von
Geld und Sozialprestige. Die Kunsthistoriker
versuchen vielfach hinterher die Argumente zu liefern für das
was zuvor vom Markt entschieden wurde. Opportunistische Künstler eifern also
letztlich gar keiner Kunstrichtung, sondern dem Markt nach, was
schon deswegen nicht funktioniert, weil Kunstpreise ideelle
Preise sind. Etwas Ähnliches zu machen, wie einer der neuen Saatchi-Künstler, garantiert also keineswegs den Erfolg, denn
auf dem Kunstmarkt zählt schon lange nicht mehr, was der
Künstler macht, sondern wer es macht. Die Biographie ist
an die Stelle des Werks getreten, das im Extremfall in
irgendeinem Bilderlager verbleibt, während es über die
Auktionshäuser mehrfach den Besitzer wechseln kann, ohne je von
irgend jemand wahrgenommen worden zu sein.
Die Moderne
hat bei Vielen, die überhaupt für das Transzendente oder Okkulte
aufgeschlossen sind, und es nicht lediglich als eine naive oder
primitive Form der Weltanschauung betrachten, den Ruf der Abkehr
von der tieferen Dimension des Seins. Ich meine zu Unrecht! Im
Vergleich zur heutigen Situation mutet die Moderne geradezu
idealistisch an! Von der Romantik ausgehend, über den
Symbolismus und die verschiedenen Wege der abstrakten Malerei
gibt es ja eine sehr ernsthafte Orientierung an diesen tieferen
Wirklichkeitsbereichen, die sich, wie viele glaubten, mit
naturalistischen Mitteln nicht ausdrücken lässt. Ich sehe den
prototypischen Künstler der frühen Moderne weniger als einen
Zerstörer, der die Tradition abzuschneiden versucht, denn als
jemanden, der sich und seine Gesellschaft bereits abgeschnitten
vorfindet vom Mythos und damit vom Geist, und nun nach neuen
Wegen sucht, in diese Bereiche unterhalb der dünnen Haut der
sichtbaren Wirklichkeit einzudringen.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist dann aber eine
Art Ernüchterung eingetreten. Es gab zwar immer noch Kunst, die
auf die Erforschung von Innenwelten ausgerichtet war, wie
das Informel oder die Transavantgarde und vielleicht noch manche
Vertreter der neoexpressiven Malerei in den 1980er Jahren.
Insgesamt jedoch hat sich der Kunstbetrieb zunehmend auf die
Tradition von Duchamp und Warhol eingeschossen: Der Künstler als
rationalistischer Kunsttheoretiker, und der Künstler als einer,
der den Massenmedien nacheifert, in der Hoffnung dadurch selbst
zum Medienereignis zu werden.
Die
Vorstellungen des O.T.R.D. scheinen dem diametral
entgegengerichtet zu sein: Gerade im Rückzug auf die Bereiche
des Privaten und der Subkultur bei weitgehenden Verzicht auf
Vermarktung versucht der Einzelne, dem Zugriff der
kapitalistischen Gleichschaltung zu entgehen. Aber hat Kunst
nicht auch die Aufgabe auf die Gesellschaft zu wirken? Wie
verträgt sich der Rückzug ins Private mit dem Wunsch, kulturell
wirksam zu sein? Ist die Subkultur für euch ein Freiraum
jenseits des Etablierten, kommerziell Verwertbaren und staatlich
Geförderten, oder gibt es ein Bedürfnis, auf breiter Basis
Einfluss zu üben?
Alexander
Graeff:
Es ist
richtig, dass die Künstlervereinigung O.T.R.D., die für mein
erstes Buch zur Okkulten Kunst eine große Inspirationsquelle
darstellte, den Kunstbegriff nicht im herkömmlichen Verständnis
des Kunstbetriebes begreift (einige Aspekte werden ausgelassen,
andere werden ergänzt). Allein die symbolische Struktur eines
Ordens erinnert mehr an einen Raum kontemplativer
Zurückgezogenheit als an medialen Hype. Und um irgendwelche
Phantasien eines Kunstmarketings geht es allemal nicht.
Die Künstler
und Künstlerinnen des O.T.R.D. arbeiten mehr nach dem Prinzip
des Dilettantismus, im Sinne Goethes. Natürlich geht es auf der
Ebene der Diskussion auch um Geschichte und Theorie der Kunst,
die Liebe zur Sache selbst, die Frage nach dem numinosen
Emotionalen an der Kunst sind aber die Aspekte, die im
O.T.R.D. vorrangig von Bedeutung sind. So gesehen mag der
O.T.R.D. einen gewissen Einfluss auf meine Kunstvorstellung
gehabt haben, das Konzept der Okkulten Kunst ist aber dennoch
eine sehr persönliche Angelegenheit, keine Theorie einer Gruppe.
Der
beschriebene Rückzugsraum, in dem die Kunst (auch meine eigene)
gedeiht, ist aber nicht unbedingt mit der Vokabel „Subkultur“ zu
etikettieren; Subkultur als Begriff muss kritisch hinterfragt
werden. Er ist in einer pluralistischen Kultur eigentlich nicht
mehr haltbar. Kultiviere ich eine Subkultur, akzeptiere ich
immer auch eine Leitkultur. Über den Nachteil einer regressiven
Vorstellung von Leitkultur brauchen wir, denke ich, nicht weiter
zu diskutieren. Zutreffender finde ich eine andere Bezeichnung
unserer Bemühungen: der O.T.R.D. als Alternative zum
utilitaristischen Kunstsystem.
Es geht also
nicht um Einflussnahme, sondern um Chancengenerierung für jene
Menschen, die Kunst machen, weil ihr innerster Ausdruck sie dazu
zwingt. Vermarktung, Bewertung, Auszeichnungen und
Medienwirksamkeit spielen keine Rolle.
Ein besonderes Merkmal zeitgenössischer Kunst scheint wirklich
das Phänomen zu sein, dass es weniger um das Werk, als mehr um
Namen und Lebensläufe bestimmter Personen geht. Du hast das
treffend auf den Punkt gebracht. Letztes Wochenende besuchte ich
die documenta in Kassel. Im Trend sind wieder Wandzeitungen.
Künstler und Künstlerinnen haben zu einem bestimmten Thema
Zeitungsartikel aller Art gesammelt und an eine Wand geklebt.
Die Entscheidung, dass gerade diese Menschen ihre
Sammlereigenschaft auf der documenta ausstellen dürfen, scheint
zunächst – was das Werk betrifft – eine total beliebige zu sein.
Denn wer hat denn nicht schon mal zu irgendeinem Thema
Zeitungsartikel gesammelt? Das tut jeder! Warum stellen diese
Wände aber nur die Zeitungsschnipsel ganz bestimmter
zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen aus? Das lässt die
Vermutung aufkommen, dass es eine Art „heimliche Namensliste“
geben muss; die Kuratoren wählen Namen, keine Werke.
So gesehen ist diese Kunst eine Ausstellung der Tätigkeit des
Zeitungsartikelsammelns seitens
einer
bestimmten Person von besagter Liste. Als Betrachter scheitert
man schließlich an dem Verständnis des Werkes; klar, diese Kunst
wirft Fragen auf, regt mich zum Nachdenken an, lässt mich eine –
durchaus bildende – Erfahrung der eigenen Beschränktheit machen,
regt in mir aber vor allem den Wunsch, was sage ich, den Stachel
der Kritik!
Ich glaube,
wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Kunst der Postmoderne
ein Medium der Kritik geworden ist; das betrifft indes auch die
Produzentenseite. Im Vordergrund steht die Dekoration dieses
Mediums der Kritik im Rahmen dessen, was Kunst genannt wird.
Martin Weyers
Zum Begriff der Subkultur: Ich verwende ihn wertfrei im
Sinne einer Kunst oder Kultur,
die nicht öffentlich gefördert oder von den Feuilletons
wahrgenommen wird, wohl aber auf eine eigene eingeschworene
Fangemeinde zählen kann. Die documenta stellt hierzu natürlich
das extreme Gegenbeispiel dar: Ein rein quantitatives
Medienereignis, bei dem die Massen strömen, ohne dass jemand am
Verschwinden der Kunst Anstoß nimmt. Der Name documenta
wird ja in den Medien kaum mehr anders als in einer gedankenlos
konditionierten Redewendung benutzt: „eine der wichtigsten
Ausstellungen von Gegenwartskunst“. Warum gilt sie also so
wichtig? Nicht wegen der künstlerischen Qualität, sondern weil
Geld und Besucherzahlen in Strömen fließen.
Was bei
solchen Medienereignissen als Trend wahrgenommen wird, beruht
dabei auf Steuerung durch mehr oder weniger willkürliche
Selektion. Wenn es um den Charakter heutiger Kunst geht, lassen
sich für jede These Belegbeispiele finden. Künstlerisch
relevante Werke sind dabei selten anzutreffen. Die Bilder von
Monika Baer gefielen mir allerdings, als ich ihnen letztes Jahr
in der Neuen Pinakothek in München begegnet bin. Es gibt also
Ausnahmen, und insofern möchte ich hier keineswegs eine
Künstlerkritik vornehmen.
Ich glaube, was es noch mehr zu kritisieren gilt als eine
bestimmte künstlerische Haltung, ist der hier praktizierte
Etikettenschwindel. Dilettantismus ist in Ordnung, solange man
ihn in den eigenen vier Wänden ausübt. Der Nutzen mag dabei ein
therapeutischer oder spiritueller sein. Es gibt jedoch keinen
Grund, Zeitungsschnipsel und schlechtgemalte Bilder
hochsubventioniert in den Status von Museumskunst zu erheben.
Ich vermisse im Kunstbetrieb vielfach ein authentisches
Bewusstsein für Tiefe und Qualität; alles scheint sich nur noch
um den aus Namen und Biographien gebildeten Hype zu drehen. Dem
muss man als Künstler entgegensteuern,
nicht indem man kritisiert, sondern indem man umso härter
arbeitet, um etwas Relevantes zu erzeugen. Wenn der Bilderstreit
entflammt, pflege ich immer zu sagen:
Das beste Argument gegen ein schlechtes Bild ist ein gutes Bild.
Kannst du mehr
von deinem eigenen künstlerischen Ansatz erzählen? Gibt es eine
Verbindung zwischen dem Schreiben und der Musik? Und gibt es
bestimmte Techniken oder Rituale, mit denen du die Verbindung
zwischen kreativem Bewusstsein und deinem musikalischen oder
verbalen Handwerkszeug herstellst?
Alexander
Graeff:
Ich schließe
mich deinem Argument an. Um zu zeigen, dass es auch heute noch
„tiefe Kunst“ gibt, sollten sich die Künstler und Künstlerinnen
ans Werk machen
und diese Tiefe ausloten. Allein in der Reflexion auf der
Metaebene hat man mit der zum Etikett gewordenen „Tiefe“ schon
genug zu tun. Die Werke sprechen dann für sich, auch wenn sie im
„großen Publikum“ nicht wahrgenommen werden. Ich glaube, dass
Beständigkeit und der Wille, die Kellerräume verlassen zu
wollen, dazu beitragen, dass das Werk auch eine breitere
Resonanz erhält. Ich glaube es nicht nur, ich meine es zu
wissen.
Noch ein Wort zum Dilettantismus: er braucht die Rückzugsräume,
er ist keine Medienangelegenheit, klar, aber ich verstehe ihn
als Liebhaberei. Mag sein, dass die professionelle Reflexion
dieser Liebhaberei in den Hintergrund rückt, doch das, was auf
der documenta ausgestellt wurde, hat für mich nichts mit
Liebhaberei zu tun; im Gegenteil, es ist nicht im privaten
Rückzugsraum entstanden, wie es scheint; zudem wirken zu viele
Ausstellungsstücke lieblos auf mich. Es geht eben, wie du
sagtest, mehr um die Ausstellung von Biografien als um
Kunstwerke, wie wir sie begreifen.
Ich für
meinen Teil nutze die Kunst, um mit der unnachgiebig in mich
eindringenden Welt fertig zu werden. Ich betrachte jedes Sujet
gebunden an mein eigenes Subjekt, nicht nur unbewusst, sondern
ganz bewusst, denn die Auseinandersetzung mit Welt ist eine
andere, wenn man sich seiner Rolle als Subjekt bewusst(er) ist.
Das sind natürlich alles Prozesse der Entwicklung. Vor 8 Jahren,
als ich das KOMA69-Projekt gründete, war das natürlich eine
andere Art der Weltaneignung. Heute sehe ich die Dinge klarer,
wie man so schön sagt. Im Schreiben fand ich die Möglichkeit,
mich entsprechend dieser Weltaneignung auszudrücken, denn das,
was ich verarbeite, will aus mir heraus! Es fließt nichts durch,
ich bilde diese Welt nicht einfach nur ab, sondern ich erzeuge
neue Fasern einer Welt, die durch meinen subjektiven Filter
geflossen sind.
Motiviert werde ich durch Erkenntnis, die ich mit der Methode
Kunst erlangen kann; darum ging es mir schon sehr früh. Ein
Grund auch, weshalb ich begann, mich für die „okkulten
Wissenschaften“ zu interessieren. In ihnen schien mir die
persönliche Position wichtiger zu sein, als die objektiven
Maßstäbe einer gerade modischen Erkenntnistheorie. Das gefiel
mir, es war eine Art Entlastung von einem sonst fremdgesteuerten
Leben. Okkultismus ermöglichte bei mir ein Emanzipationsmoment,
das mich zur Kunst, zur Literatur und zur Musik führte.
Ich mag
das im Grunde auch nicht strikt trennen: die innere Versenkung
und die Auseinandersetzung mit einer bestimmten Sache, ihre
Durchdringung und ihre Exemplifikation anhand meiner
künstlerischen Inhalte und Formen ist eine mystische Überlegung.
Auf diese Weise nähere ich mich den Grenzen der Welt, der
Wahrnehmung, der Form und meiner eigenen Kompetenzen, gleite
fröhlich an ihnen vorbei und springe hier und da mal auf die
andere Seite. Von drüben sieht die Welt anders aus.
Die theoretisch-philosophische Auseinandersetzung mit Kunst
gehört auch hierher. Das Konzept der Okkulten Kunst ist für mich
meine ganz persönliche Verhandlung mit dem ästhetischen
Weltzugang. Ein Versuch, gegenüber der Welt der Kunst etwas
souveräner zu werden. Okkulte Kunst ist für mich ein Feld
ästhetischer Bildung, ein Lernprozess. Ich verstehe Kunst und
Okkultismus als Bildungsmedien, hier sehe ich auch ihren
Nutzen.
Martin Weyers
Ich glaube es ist für jeden
Künstler wichtig zu kommunizieren, also gesehen, gelesen,
gehört, kurz: wahrgenommen zu werden, damit die Beschäftigung
mit unserer Innenwelt nicht zum Autismus gerät. Auf der anderen
Seite allerdings droht eine ganz andere Gefahr, nämlich die des
Narzissmus. Das Kunstwerk sollte ja nicht bloß dazu dienen,
unser Ego auszustellen. Reden in der Öffentlichkeit sollte man
nur, wenn man auch etwas zu sagen hat, wenn man also
subjektiv etwas gefunden hat, das mitteilungswürdig ist, und
darüber hinaus objektiv eine Form gefunden hat, durch die
es sich mitteilen lässt – mit anderen Worten, wenn man die
Technik beherrscht und eine eigene Stimme gefunden hat.
Das authentische Kunstwerk stellt
also die legitime Art der Objektivierung des Subjektiven dar:
Das Subjektive wird in eine wahrnehmbare Form gebracht, die nun
auf andere wirken kann. In der Erfahrung des Kunstwerks
schließlich wird, genauso wie im künstlerischen Prozess, die
Grenze zwischen Subjekt und Objekt durchlässig. Der Unterschied
zwischen Bild und Betrachter, Kunst und Künstler, Innen und
Außen, Idee und Ausführung spielt nicht länger eine Rolle.
Insofern glaube ich, dass sich im
Hören von Musik, im Lesen von Gedichten, im Betrachten von
Bildern usw. bereits etwas zutiefst Mystisches vollzieht, ohne
dass wir uns dessen bewusst sind. Auch ohne dass wir je eine
umwälzende mystische Erfahrung gemacht haben, ermöglicht uns die
Kunst einen gewissen Zugang zu verborgenen Bewusstseinsebenen,
nur dass sich dieser eben nicht als Objekt des
Bewusstseins vollzieht, sondern ganz als Bewusstsein.
Besteht darin auch eine der
Aufgaben der Theoretisierung des Okkulten: bewusst zu machen,
was uns unbewusst ohnehin schon zugänglich ist? Vielleicht kann
eine Theorie der Okkulten Kunst auch dazu beitragen, das
transzendente Wesentliche im Menschen vom Ruf des Verschrobenen
zu befreien, um deutlich zu machen, dass wir Menschen eben nicht
nur aus Wasser, Muskeln und Fettgewebe bestehen, und die Aufgabe
der Kunst daher nicht nur im Kommentieren und Kritisieren,
Theorie und Zerstreuung bestehen kann. Ich glaube eine der
vorrangigen Aufgaben heutigen Schreibens über Kunst sollte die
Vermittlung eines anderen Menschenbildes sein, das allein die
Grundlage für eine neue Kunst zu bilden vermag, die wirklich
Tiefendimensionen berührt, anstatt bloß durch Wortgeklingel
beeindrucken zu wollen.
Alexander Graeff:
Ja, was soll ich darauf noch
sagen? Ich stimme dir voll und ganz zu.
Mir ging es bei der Okkulten Kunst
nicht zuletzt darum, zu zeigen, dass es plausibel ist,
anzunehmen, dass es, wie du es nennst, „verborgene
Bewusstseinsebenen“ gibt, die einerseits für die Kunst im
Allgemeinen wesentlich, andererseits aber Parallelität mit
beispielsweise mystischen Denkweisen aufweisen und schließlich
maßgeblich für die Entstehung der Modernen Kunst waren. Mein
Konzept ist zeitübergreifend, es zeigt an der Geschichte, was im
Hier und Jetzt geschieht und richtet einen Stachel in die
Zukunft, das muss sein, denn das, was eben im Hier und Jetzt
passiert ist ganz schnell vergangen (wird oft auch vergessen).
Meine Auffassung des Okkultismus
kann als allgemeine Denkfigur genutzt werden, nicht nur in der
Kunst. Wenn wir verstehen, dass die numinosen Wesen, um
mir C.G. Jungs Vokabular zu leihen, immanent mit all unserem Tun
verbunden sind und wir dieses Tun bewusst auf diese verborgenen
Aspekte von Welt und Selbst ausrichten, kann zumindest einer
Sache Einhalt geboten werden: der Verdinglichung des Menschen
durch den Menschen.
Martin Weyers:
Einer solchen Verdinglichung des Menschen konnte bislang noch
keine Ideologie oder Heilslehre entgegenwirken, nicht einmal
der Humanismus. Solange wir der Überzeugung sind, das Wesen des
Menschen bestehe aus Wasser, Fettmasse und Muskelgewebe, und der
Geist sei dem Wesen nach eine Begleiterscheinung
neurologischer Prozesse, können gute
Absichten nichts ausrichten, denn einer solchen Sinnentlehrung
des Daseins folgen notwendigerweise Egoismus und Hedonismus. Ein Grund mehr, um sich auf eine innere
Forschungsreise zu begeben! Eine Forschungsreise jedoch wird
kaum den Komfort und die Postkartenästhetik einer Pauschalreise
gewähren.
In diesem Sinne möchte ich mit einem Zitat aus Ars Occulta
schließen:
„Gerade die Kunst der Moderne begann sich, so barbarisch die
Neugierde der Okkultisten und Avantgardisten auch zu bezeichnen
war, verstärkt mit den kulturellen Wurzeln, und mit der Herkunft
unbewusster Muster zu beschäftigen. Dabei wurde das Archaische
wichtiger Bestandteil der Ausdruckskunst und des
Individuationsprozesses der expressionistischen Generation:
Inhalte konnten gar nicht barbarisch genug sein. Ein positiv
verstandenes Barbarentum, inspiriert von Adornos Kritik, zwingt
den Künstler von Vorn zu beginnen, auf den archaischen Mustern
das Spiel der Zivilisation noch einmal zu inszenieren, um
vielleicht der erfahrungslos machenden Übermacht unserer
technisch gewordenen Welt für einen kurzen Moment entkommen zu
können.“
Der Weg über archaische Formen und Erfahrensweisen, sowie die
Konzentration auf den unmittelbaren Ausdruck des modernen
Indviduums, zu dem auch das Unvollkommene und Unharmonische gehören,
ist ein steiniger Weg, der nicht sogleich und ohne Umschweife zu
einer Renaissance der schönen Form führen kann. Viele Künstler
der Moderne versuchten zunächst authentisch zu sein; Schönheit
war vielleicht nicht gerade verpönt, wie viele Gegner der
Moderne behaupten, aber der Authentizität von Empfindung und
Ausdruck nachgeordnet. Vielleicht gehört es in besonderem Maße
zu den Aufgaben des heutigen Künstlers, an der eigenen
Persönlichkeit zu arbeiten, bis sich schließlich Schönheit
einstellt, die nicht länger als Lüge daherkommt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Illustrationen von Martin
Weyers:
Gedankenreise: Keimender Gedanke
(2007), 24 x 30 cm
Alchemistische Landschaft (2006), 24
x 30 cm
Der Einfluss der Dunkelheit auf
das Wachstum von Metallen (2006), 24 x 30 cm
Gedankenreise: Versinkender
Gedanke (2001-2002), 160 x 140 cm
Gedankenreise: Gärende Ansicht
(2007), 24 x 30 cm
Externe Links:
Alexander Graeff:
www.alexander-graeff.de
O.T.R.D –
Orden für okkulte Kunst:
www.otrd.de
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