Kunst und Okkultismus – Mysterium oder Mystifizierung?

 

Alexander Graeff im Gespräch mit Martin Weyers

 

Okkultismus ist einer jener Begriffe, die bei vielen Unmut, bei manch anderen dagegen Neugier oder gar Enthusiasmus auslösen. Fast immer ist dabei ein fragwürdiges Verständnis dieses zugegebenermaßen diffusen Begriffs im Spiel. Adornos Schmähwort vom Okkultismus als der „Metaphysik der dummen Kerle“ mag als Antwort auf Aberglauben und Selbststilisierung mancher okkultistischer Bewegung nicht grundlos Beifall finden; dem vielschichtigen Phänomen insgesamt wird sie nicht gerecht. Occultus, lateinisch für das Verborgene, Geheime, bezeichnet im Hinblick auf Kunst ein Unsichtbares und Unfassbares, das jenseits unseres Denkens und unserer Wahrnehmung liegt, aber nichtsdestotrotz im Verborgenen wirkt. Im schöpferischen Akt findet nicht nur der Wille des Künstlers seinen Ausdruck, vielmehr wird ein  Mitwirken verborgener – eben okkulter – seelisch-geistiger Kräfte angenommen.

Ars Occulta - Überlegungen zur Okkulten KunstDer Berliner Autor Alexander Graeff hat nach seinem Manifest der Okkulten Kunst nun einen weiteren Band zum Thema vorgelegt: Ars Occulta. Überlegungen zur Okkulten Kunst ist soeben erschienen, und ergänzt das zuvor erschienene Manifest durch ästhetische Betrachtungen. Graeff, der mehr an Lebensphilosophie als an akademischer Erörterung interessiert ist, studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften sowie Philosophie in Karlsruhe und Berlin. Er schreibt neben seinen künstlerische Prozesse reflektierenden Texten surreale Kurzprosa, beschäftigt sich mit elektronischer Musik (KOMA69) und hat Erfahrungen im Bereich Kunsttherapie gesammelt.

Graeff ist Gründungsmitglied des O.T.R.D (Orden für okkulte Kunst), der nicht ganz ohne Selbstironie an die okkulten Zirkel zu Beginn des 20. Jahrhunderts (wie beispielsweise den Order of the Golden Dawn oder den Surrealisten-Orden um André Breton)  anknüpft. Der Orden versteht sich als  eine VerbinduAlexander Graeffng zwischen schöpferisch tätigen Individuen, denen die kreative Auseinandersetzung mit verborgenen Bewusstseinsschichten eine wesentliche Bereicherung des Lebens bedeutet, die über kreatives Freizeitschaffen weit hinausgeht im Sinne einer Lebenshaltung. Die Beschäftigung mit Malerei, Musik und Poesie dient dabei in der Regel nicht der Herstellung auszustellender und verkäuflicher künstlerischer Produkte, jedoch ebenso wenig der Zerstreuung und Ablenkung. Künstlerische Tätigkeit will hier vor allem bewusstseinsfördernd wirken. „Okkulte Kunst“, so Graeff, „ist Lebenskunst.“ Für sukhavati.de erklärte sich Alexander Graeff zu einem Gespräch bereit über Kunst und Okkultismus, Kunstbetrieb, Moderne und Postmoderne, sowie das Menschenbild der heute vorherrschenden materialistischen Kultur.

 

Martin Weyers:

Der Kunsthistoriker und Philosoph Ananda K. Coomaraswamy schrieb einmal: „Der westliche Künstler betrachtet die Natur mit seinen Augen und beurteilt Kunst anhand intellektueller und ästhetischer Kriterien. Der indische sucht Wahrheit im Innern seines Bewusstseins, und beurteilt ihren Ausdruck mithilfe von metaphysischen und imaginativen Kriterien. Kunst ist für ihn nicht da, um zu erfreuen, sondern um zu offenbaren.“ – Hat der indische Kunstphilosoph nicht richtig hingeschaut, oder ist die westliche Kunst tatsächlich mehr auf den Augenschein ausgerichtet? Haben wir den Bezug zum Wesentlichen verloren?

 

Alexander Graeff:

Ja und Nein. Auch die westliche Kunst besitzt diese Bezüge zum Inneren, zum Geistigen und Metaphysischen. Um 1900 wurde die Kunst als eine Art Ersatzreligion entdeckt; man versah sie mit sozialen und individualreligiösen Funktionen. Vielen Künstlern dieser Zeit war die seit Romantik und Expressionismus zu Unabhängigkeit gelangte Kunst eine Form der Offenbarung.

Im Verlauf der Moderne gelangte man natürlich auch zu expliziten Fragen der Form, die seit dem Expressionismus nicht mehr ausschließlich nur abbildenden Charakter hatte, sondern das Seelenleben der Künstler, also ihr Inneres zum Ausdruck brachte. Es entstanden ja völlig neue Formensprachen, man denke nur an die abstrakte Kunst. Diese Formen faszinierten genauso wie der Inhalt; folglich beschäftigte man sich auch mit der reinen Form. Über Dadaismus, Surrealismus und andere Ismen gelangte die Kunst schließlich in der Postmoderne an, wo es angeblich – das wird ihr immer unterstellt – überhaupt nicht mehr um Inhalte und Inneres gehe.

Coomaraswamy hat also insofern Recht, wenn er den westlichen Kunstbetrieb heutiger Tage meint. Wenn ich mir überlege, was heute alles als Kunst bezeichnet wird, könnte man sich schon die Frage stellen, worum es ihr genau geht, also welche Inhalte da ‚verarbeitet’ werden. Das Problem ist aber nicht, dass es überhaupt keine anspruchsvolle Kunst mehr gibt. Kunst kann auch heute noch mit Inhalten aufwarten, doch gibt es machtvolle, gesellschaftliche Einrichtungen, die die Begriffe und Vorstellungen von Kunst für ihre kunstexternen Zwecke missbrauchen. Mich interessiert immer auch die soziale Dimension der Kunst; besagte Begriffe und Vorstellungen ändern sich natürlich von Zeit zu Zeit.

Wenn man aber nicht völlig unter Geschichtslosigkeit - auch ein Phänomen dieser Tage - leiden möchte, kann man schon etwas wehmütig werden, wenn zusammengecastete Achtzehnjährige auf einer Fernsehgala als ‚Künstler’ bezeichnet werden. Ich denke also, dass der Verlust des Inneren eine soziale Dimension besitzt, das betrifft nicht nur die Kunst, sondern unsere gesamte moderne Welt der Technik.

 

Martin Weyers:

Es lohnt sich, die gegenwärtige Situation aus der Perspektive historischer Distanz zu betrachten. Coomaraswamys Kritik zielte auf die moderne Kunst im Allgemeinen. Den Begriff allein schon hielt er für eine „Absurdität“: „Die Vorstellung, dass jemand in der Kunst versuchen sollte, originell zu sein, ist schlichtweg Unfug.“ Coomaraswamy stand noch ganz in der Tradition traditioneller Hindu-Kunst, die im Westen am ehesten mit der Kunst der Mittelalters vergleichbar ist: Nicht die Originalität und der Eigensinn des Individuums steht dabei im Vordergrund, sondern das Vermögen, uralte Vorbilder immer wieder neu zu gestalten.

Die alten Erzählmuster greifen heute aber vielfach nicht mehr. Wir brauchen Visionen, durch die unser Geist aus tieferen Bewusstseinsebenen wieder neu belebt wird. Man muss sich vergegenwärtigen, dass der Individualismus, dessen negative Folgen sich heute im kapitalistischen Egoismus und in der Abkopplung von den geistigen Werten der Vergangenheit so stark bemerkbar macht, ein zunächst abendländisches Phänomen ist, das sich vom Spätmittelalter über die Renaissance bis hin zur Moderne zunächst schleichend, und dann im 19. und frühen 20. Jahrhundert als eine „Revolution“ in der Kunstauffassung äußert. Eine Revolution allerdings, in der die traditionelle spirituelle Kunst keineswegs zerschlagen wird, weil sie nach den Erschütterungen von Aufklärung und Säkularisierung gar nicht länger existiert hat. Was zerschlagen wurde, war ja nur noch ein dürres Gerippe ohne Seele. Die Revolution der Moderne könnte folgerichtig auch als eine Suche nach einer neuen Beseelung der Kunst verstanden werden. Wobei nicht zu erwarten war, das gleich der ganze Mensch neu erstehen würde, bevor nicht mancher Golem geschaffen würde.

Und man muss auch sehen, dass die Entwicklung einer „modernen“ Kunst in weiten Teilen zunächst einer Reise nach Innen, in den Wesensgrund, allerdings auch in Abgründe, des Menschseins darstellt. Künstler wie van Gogh, Klee oder Beckmann waren ja zutiefst von einer mystischen Kraft getragene Maler, die die Entwicklung einer neuen Formsprache genutzt und vorangetrieben haben, um dem transpersonalen, mystischen Geist bildnerische Wirkung zu verleihen. Die Moderne mag als Experiment von vielfachen Entgleisungen und unbefriedigenden Lösungen begleitet sein; insgesamt jedoch stellt sie einen (naturgemäß beschwerlichen) Weg in bislang unausgelotete Tiefen unserer Psyche dar, der sich gelegentlich in überragenden Formfindungen äußert.

Bedeutet „Okkulte Kunst“ also, sich ganz auf seine Innenwelt einzulassen, quasi unterzutauchen in den eigenen Abgründen, in der Hoffnung darauf, früher oder später wieder aufzutauchen, idealerweise mit einem bemerkenswerten Bild in der Hand? Ist so deine These im Manifest der Okkulten Kunst zu verstehen: „Okkulte Kunst ist Moderne Kunst“? Und gibt es nicht auch moderne Kunst, die überhaupt nicht am Okkulten und Transzendenten interessiert ist, sondern an rein psychologisch verstandenen Innenwelten, genauso wie moderne Kunst, deren Vorgehen rein formalistisch, ästhetisch, sozialkritisch, politisch usw. ist? Ich selbst sehe die Moderne als ein Sammelbecken für die Scherben des alten, zerbrochenen Mythos, Scherben, in denen sich alles Mögliche spiegeln kann, immer das, was den Geist des Künstlers ausfüllt und was zu spiegeln er – bewusst oder unbewusst – anstrebt.

Die Krise in der Kunst ist meines Erachtens weniger eine ästhetische, als vielmehr eine Sinnkrise. Die Künstler wissen mit den Scherben des Mythos nichts mehr anzufangen, weshalb Schönheit in der Kunst vielfach zu einer dekorativen Oberflächenschönheit degeneriert ist. Naturgemäß sind die inhaltlich arbeitenden Medien – Literatur, Theater und bildende Kunst – stärker von dieser Sinnkrise betroffen, als beispielsweise Musik, Tanz, Design und Architektur – Bereiche, in denen heute vielfach großartige Leistungen vollbracht werden. Natürlich gibt es auch interessante Maler, Literaten und Filmemacher, jedoch scheinen mir diese Medien kaum mehr sinnstiftend zu wirken, wie es früher einmal der Fall war, weil den Künstlern der Zugang zu tieferen Wirklichkeitsschichten fehlt.

 

Alexander Graeff:

Ich gebe dir im Prinzip Recht, ich bedauere auch gelegentlich das Fehlen eines inneren Standpunktes zeitgenössischer Kunstwerke, und dennoch möchte ich es mit der Kritik nicht übertreiben. Denn es könnte ja z.B. auch  sein, dass ich diesen inneren Standpunkt nicht erkennen kann. Dennoch: ich denke, es gibt viele Beispiele, die das widerspiegeln, was du gerade bemängelt hast. Was aber der Kritik ausgesetzt werden sollte, sind nicht die Werke einer Kunstepoche, sondern mehr die Strukturen unseres Kunstsystems. Zudem sollte man einen kritischen Blick darauf werfen, welche Mächte Begriffe bilden und für ihre Zwecke gebrauchen. Hier muss man anknüpfen, hier kann man kritisieren, an den Werken herumzukritteln halte ich für sinnlos.

Die Kunst wurde von einer gesamtgesellschaftlichen Mentalität ergriffen, was indes nicht neu ist; ich vertrete da ganz Wassily Kandinskys These, dass die Kunst aufzuzeigen in der Lage ist, wie es um die geistigen Einrichtungen innerhalb einer Gesellschaft steht. Mit geistigen Einrichtungen meine ich kulturelle Werte wie z.B. eine allgemeine Bildung, ganz generell aber einen Sinn für Bemühungen, die nicht immer einen unmittelbaren, kurzfristig materialen Nutzen stiften müssen. Wenn wir uns die staatliche Finanzierung und Steuerung des Bildungswesens anschauen, brauche ich mit keiner weiteren Ausführung zu langweilen. Unsere Gesellschaft wurde weitestgehend vom Prinzip der Sache erfüllt, aber es gibt eine Résistance. Gewinnmaximierung, Effizienz und Technokratie sind in diesem Fall die Ursachen, unbedingte Objektivierung und Subjektkrise sind die Wirkungen. Das, was wir gerade kritisieren, ist kein Problem, das allein auf Kunst und Kunstbetrieb bezogen werden kann, es hat eine gesamtgesellschaftliche Tragweite.

Um aber auf deine Frage zur Okkulten Kunst zurückzukommen: meine Thesen sind keine Gleichungen. Das betonte ich bereits im Nachwort meines ersten Buches. Die Okkulte Kunst besitzt Eigenschaften und Strukturelemente der Modernen Kunst (z.B. nach Jean Dubufett); deshalb sagte ich: „Okkulte Kunst ist Moderne Kunst“, ich sagte nicht: „(Jede) Moderne Kunst ist (auch) Okkulte Kunst“. Mir ging es nicht zuletzt um die Abgrenzung von postmoderner Kunst. Auch wenn Okkulte, zeitgenössische Kunst schon irgendwie postmodern ist, wollte ich deutlich machen, dass ich sie in der Tradition der Modernen sehe.

Okkulte Kunst beschreibt ein bestimmtes ästhetisch-inneres Produktionsprinzip, so gesehen kann ein Werk der Okkulten Kunst auch politische Sujets bedienen. Im weitesten Sinne ist Okkulte Kunst eigentlich immer politisch, weil sie auch für und in die Zukunft wirkt und Ausdruck einer Meinung ist. Politische Kunst dagegen kann gemäß meiner Symptome, die ich für die Okkulte Kunst vermerkte, nie Okkulte Kunst sein, weil sie einem kunstexternen Zweck dient (z.B. zur Meinungsmache usw.)

 

Martin Weyers:

Die These „Okkulte Kunst ist Moderne Kunst“,  ist sicher missverständlich, wenn sie aus dem Zusammenhang herausgenommen wird. Daher müssen wir sie hier erläutern oder umformulieren. Die These lautet also eigentlich: "Okkulte Kunst besitzt Eigenschaften und Strukturelemente der Modernen Kunst." Dass du Okkulte Kunst in der Abgrenzung von Funktionalismus und Zweckdenken siehst, hast du bereits angesprochen. Um welche Eigenschaften und Strukturelemente es sich genau handelt, wäre noch zu erörtern.

In meinen Augen ist eine Kunst, die aus der Innenschau hervorgeht, nie Ausdruck einer Meinung, weil sie in Erfahrungsbereichen wurzelt, die über persönliche Standpunkte hinausgehen. Aber natürlich hat visionäre Kunst – ein Ausdruck den ich persönlich bevorzuge – politisches Potential, schon insofern als dass in unserer auf praktischen Nutzen ausgerichteten Kultur alles eifersüchtig hinterfragt wird, was nicht unmittelbar nachvollziehbar ist und gewinnbringend angewendet werden kann. Kunst wird ja vielfach als Zeitvertreib gesehen, der dem Regenerieren am Wochenende dient, damit der Mensch am Montagmorgen wieder mit voller Kraft den Arbeitsprozessen von Industrie und Bürokratie zur Verfügung steht. Insofern hat die ernsthafte Beschäftigung mit geistigen Dingen geradezu etwas Anarchistisches; was über Umwege schließlich, wie ich überzeugt bin, der Gesellschaft und den Menschen zugute kommt.

Martin Weyers: Keimender GedankeDie Beschäftigung mit der eigenen Innenwelt, wie sie ja nicht nur in der Kunst, sondern in vielen spirituellen Disziplinen gefördert wird, hilft dem Dasein als Maschinenmensch zu entrinnen. Sie übernimmt für viele heute möglicherweise eine Funktion, die Mythologie und Religion nicht mehr leisten können. Ich würde gern näher auf diese geistig-seelischen Aspekte eingehen. Vielleicht solltest du näher erläutern, auf welche Haltung und welche geistig-seelischen Prozesse in der Arbeit des Künstlers du ansprichst, wenn von einem bestimmten ästhetisch-inneren Produktionsprinzip die Rede ist. Beziehst du dich allein auf den schöpferischen Prozess, der ja in der Moderne in den Vordergrund rückt: Spontaneität, Subjektivismus, Innenschau? Oder gibt es bestimmte Techniken und formale Eigenschaften, die den inneren Prozessen entsprechen?

 

Alexander Graeff:

Ich habe die These „Okkulte Kunst ist Moderne Kunst“ nicht missverständlich eingesetzt, sondern provozierend. Ich nenne im Buch ja Gründe, weshalb ich zu dieser These gekommen bin. Die besagten Eigenschaften, die Okkulte und Moderne Kunst verbinden, sind beispielsweise die Abkehr von einem anthropozentrischen Weltbild hin zu einem anthropogenen, die Abkehr vom Primar der Logik (das heißt, sich neben der formal-rationalen auch die inhaltlich-emotionale Frage zu stellen), die Abkehr vom Primat der Schönheit (es geht nicht mehr um die Dekoration von Leben und die Ausstaffierung von Machtstrukturen) und zuletzt um Polysemie, wie es Jean Dubufett nannte. Hier geht es um die Gestaltung vieldeutiger Werke, er prophezeite damals schon – 1951 – den Pluralismus der Postmoderne.

Dubufett ist allerdings nur ein Beispiel, wie die Moderne Kunst rezipiert wurde, selbstverständlich gibt es andere Hinweise darauf, dass Okkulte Kunst in der Tradition der Modernen steht. In Ars Occulta gehe ich bezüglich dieser Hinweise auf die ästhetischen Eigenschaften der Okkulten Kunst ein: das sind die so genannten Symptome der Okkulten Kunst.

Im Anschluss an Vorträge habe ich häufiger von bildenden Künstlern und Künstlerinnen hören müssen, dass diese Symptome und Eigenschaften, die ich für die Okkulte Kunst vorstellte, doch ganz allgemeine Strukturelemente von Kunst seien. Da ist etwas dran, denn Okkulte Kunst beruft sich eben auf die Ideale der Modernen Kunst, die heute mit der postmodernen nur noch zum Teil erfüllt werden. Es geht mit allerdings auch um Abgrenzung. Ich veranstalte diese ganze Denkanstrengung ja nur, weil ich der Meinung bin, dass sich Begriffe und Vorstellungen – in diesem Fall von der Kunst – beständig ausdifferenzieren sollten. Das macht jede Lebenspraxis meines Erachtens erst aus.

Noch rasch zum Begriff Meinung. Du hast Recht, er ist unglücklich gewählt. Was ich meinte, war mehr Intension.

Ich denke im Rahmen meines Konzeptes nicht an irgendwelche bestimmte Techniken oder Formen, das liegt im Bereich der Mittelfreiheit des Künstlers selbst. Was ich versuche zu analysieren, betrifft mehr die Inhaltsseite. Okkulte Kunst ist in erster Linie aus produktionsästhetischer Sicht zu betrachten. Mich interessiert der Prozess der Werk- und Selbstentwicklung, die emotionalen und kognitiven Vorgänge des Kunstschaffens und auch der erkenntnistheoretische Blick – indes ein Grund, weshalb ich konstruktivistische Ansätze zurate ziehe und diese mit Mystik in Verbindung bringe. Beide Ansätze fragen nämlich nach dem Prozess des Erkennens von Welt und Subjekt sowie nach den Grenzen des Erkennens.

Ganz allgemein versuche ich dem Siegeszug der Sache, der Sucht nach Objektivierung, eine subjektivistische Kunstposition entgegen zu stellen. Es mag trivial klingen, nochmals hervorzuheben, dass Kunst immer subjektiv ist; schaue ich mir aber an, wie „Kunstwerke“ unter aktiver Mitarbeit und subtiler Mitsprache von Trainern, Marketing und Sponsoren entstehen, finde ich diesen Ansatz geradezu notwendig. Ein Symptom der Okkulten Kunst lautet daher subjektivistisch.

 

Martin Weyers:

Wenn man von subjektivistischer Kunst spricht, sehen ja viele gleich die Gefahr einer narzisstischen Selbstbespiegelung, die eine Abkopplung der Kunst von der Wirklichkeit zur Folge hat: Der Künstler als Autist. Ich finde den Einwand grundsätzlich nicht unberechtigt. Allerdings wird dabei oft übersehen, dass, wenn man nur tief genug eintaucht in den Geist, aus einer solchen Innenschau durchaus eine Perspektive erlangt werden kann, die weit über intellektuelle und von vornherein objektivierte Standpunkte hinausgeht, und damit sehr wohl von allgemeiner Relevanz ist.

Mir selber kommt es vor allem auf das ästhetische Resultat und die diesem zugrundeliegende Erfahrung an. Ich glaube, dass es die Aufgabe der Kunst sein sollte, Bilder zu erzeugen, die durch einen besonders hohen Grad der Verdichtung eine tiefe Wirkung auf Menschen erzielen, die offen für eine solche Erfahrung sind. Manchmal sagen Ausstellungsbesucher oder Vernissagegäste zu mir: Ich verstehe ja nichts von Kunst, aber das Bild dort hat mich stark berührt. Vollzieht sich in dieser Berührung nicht ebenfalls ein tiefgreifender geistiger - ein okkulter – Prozess? Kunst bedeutet für mich auch Kommunikation, und diese vollzieht sich doch in erster Linie über das geschaffene Werk. Der Weg zum Bild dagegen, das Malen und Zeichnen, bedeutet für mich eine tiefe Erfahrung, während das Reden über Kunst und künstlerische Prozesse, so schön und hilfreich es sein kann, einer sekundären Erfahrung gleichkommt.

Letztlich zählt für mich das Werk als eine verdichtete geistige Schau, die zum Objekt geworden ist, damit sie auf andere wiederum geistige Impulse aussenden kann. Während Schönheit für mich in der Kunst nach wie vor einen hohen Stellenwert besitzt. Allerdings keine kosmetische Schönheit, wie man sie häufig in Kunst findet, die den Mode- und Lifestylemagazinen nachzueifern versucht, sondern die Schönheit des Kunstwerks als einer lebendigen Persönlichkeit. Wenn man das Gewicht einseitig auf den inneren Prozess legt, läuft man allerdings Gefahr, dass die Kunst beliebig wird: Der Künstler ohne Werk.

Wäre ein dritter Band zur Okkulten Kunst denkbar, indem nicht die kunstphilosophische These (Manifest der Okkulten Kunst), nicht der Schaffensprozess (Ars Occulta), sondern das Werk selbst und dessen Deutung in Form von Bildbetrachtungen im Vordergrund steht?

 

Alexander Graeff:

Zunächst möchte ich betonen, dass es mir bei der Vorstellung eines Werkes der Okkulten Kunst natürlich um das Ergebnis, um das Werk selbst geht, auch wenn ich glaube, dass dieses nur die Materialisierung eines graduellen Entwicklungspunktes seitens des Künstlers ist, ohne es abzuwerten. Ich glaube, dass Okkulte Kunst – ich denke da durchaus an Ecos offenes Kunstwerk –keine abgeschlossene Angelegenheit ist, sondern eine prozessuale Faser im Werk- und Lebensprozess des Künstlers. Das war auch ein Grund für mich, ein weiteres Symptom der Okkulten Kunst prozessual zu nennen.

Deine Einwende bzgl. der subjektivistischen Kunst sind berechtigt. Natürlich besteht bei der Okkulten Kunst die Gefahr des Solipsismus und des Autismus, das hat sie indes auch gemein mit fast allen spirituellen und okkulten Denksystemen. Eine geeignete Möglichkeit, diesem Solipsismus vorzubeugen, ist natürlich der Ansatz, dass Kunst Kommunikation ist, das betonte ich auch in meinem ersten Buch. Hiefür ist Sender, Empfänger und Gegenstand notwendig. Nur in der Kommunikation kann erfahren werden, wie das individuelle Subjekt überhaupt erst konstituiert wird, nämlich im Austausch mit und der Spiegelung an anderen Subjekten. Okkulte Kunst ist auch intersubjektiv.

Ich bezeichne das Symptom, welches den Fokus auf das Subjekt legt aber nicht einfach nur als subjektiv, denn das wäre bis zu einem gewissen Grad auch eine in den Massenmedien propagierte Reklamekunst. Nein, ich nenne es subjektivistisch, da es mir um Kunst geht, die ein Nachdenken über Subjekt und Subjektsein thematisiert, in der Form, dass sie den Entwicklungsprozess eines Subjekts im Werk darstellt.

Als Künstler geht es mir selbstverständlich auch um die Wirkung meiner Werke und um passable Ergebnisse meiner Schaffensprozesse. In der Praxis bewege ich mich nicht auf der Metaebene, analysiere keine Prozesse und Positionen, sondern beschäftige mich mit Inhalt und Form, mit dem Werk selbst und seiner etwaigen Bespiegelung kollektiver Phänomene. Meine theoretischen Betätigungen an der Okkulten Kunst sind hiervon zu trennen.

So gesehen müsste ein drittes Buch zur Okkulten Kunst, welches das Werk beschreibt, eine rezeptionsästhetische Kunstinterpretation eines Beispiels sein. Da ich die von mir konstatierten Anzeichen der Okkulten Kunst nicht als Merkmale oder Kriterien beschrieben habe, sondern lediglich als wahrnehmbare oder nicht wahrnehmbare Hinweise auf eine gedankliche Konstruktion, würde mir diese Interpretationsarbeit sehr schwer fallen. Letztlich geriete ich in die Verlegenheit, meine eigenen Werke zu analysieren, und das wollte ich nicht tun. 

 

Martin Weyers:

Mich interessiert die Verbindung von Mystik und Konstruktivismus. Du sprichst von einer Verbindung zwischen beiden Ansätzen, da in beiden Fällen nach den Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis gefragt wird. Vertrittst du eine radikale konstruktivistische Position, das heißt, glaubst du, dass Wirklichkeit in unseren Köpfen entsteht? Und wie verhält es sich mit der Verbindung zur Mystik? Die Mystik versucht doch nicht Symptome zu benennen, sondern strebt durch die Auflösung der Subjekt-Objekt-Trennung eine wesenhafte und unmittelbare Erkenntnis an.

 

Alexander Graeff:

Weltbilder existieren immer in unseren Köpfen, egal mit welcher Theorie man an sie herantritt. Entscheidend ist aber die Frage, ob die Welt durch unsere Konstruktions- und Interpretationsleistung erst begründet wird oder nicht. Wir können Welt immer nur durch unsere subjektive Brille sehen, sie losgelöst von unserem Subjekt erkennen können wir nicht.

Ich halte es aber auch für plausibel anzunehmen, dass der Mensch nicht nur aktiv-konstruktive Dispositionen zur Welterzeugung einsetzt, sondern auch einigen Dingen (Fasern von Welt) passiv, erleidend gegenübersteht. Wir leben ja in einer Welt des Teilens. Ich glaube, dass es kollektive Dispositionen gibt, an denen ich zwar einen unbewussten Anteil habe, sie aber nicht direkt willentlich verändern kann. Ich würde mich insofern nicht als Radikalen Konstruktivisten bezeichnen, da ich einfach Erfahrungen gemacht habe, die mich an ein Vorhandensein einer „Welt außer mir“ glauben lassen – erkennen kann ich sie aber nicht. Das ist übrigens kein neues konstruktivistisches Diktum, das hat auch schon Kant behauptet.

Mir gefallen aber die Fragen, die sich die Konstruktivisten stellen. Sie fragen nach der Möglichkeit des Erkennens des Erkennens, ganz allgemein nach Erkenntnisprozessen, nach dem Beobachter innerhalb dieses Erkenntnisprozesses und nach den Erkenntnisgegenständen. Das sind genau dieselben Fragen, die sich die Mystiker stellen.

Martin Weyers: Alchemistische LandschaftDen traditionellen Mystikern wie Jakob Böhme oder Meister Eckhart ging es um die Grenzen des Erkennens, sie bezeichneten das als das Transzendente oder Gott, was das gleiche ist. Die Mystiker der Moderne wie z.B. Robert Musil interessierten sich mehr für den Prozess des Erkennens und vor allem postulierten sie, dass die mystische Erfahrung so etwas wie eine emotionale Erkenntnis sei.  Dieses Interesse teilen sie mit den Konstruktivisten.

Die Sache mit den Symptomen hat natürlich nichts mit den Traditionen der Mystik zu tun, vielen Mystikern geht es ja gerade um normative Setzungen. Ästhetische Beschreibungen nicht nach Kriterien herzuleiten, was aus konstruktivistischer Sicht nicht funktioniert, wurde durch Nelson Goodmans Symboltheorie inspiriert. Er betont auch, dass es in der Kunst nicht um Kriterien gehen kann, denn das hieße, die Beschreibungen objektiv zu setzen. Und Objektivität kann nicht erreicht werden, da kein Mensch sein Subjektsein verlassen kann. Man muss also die von mir gewählte Darreichungsform des Konzeptes der Okkulten Kunst – die Form der Symptome – trennen von den inhaltlichen Bezügen, die ich zwischen Kunst, Mystik und Konstruktivismus herstelle. 

 

Martin Weyers:

Du plädierst also nicht für eine Aufwertung religiöser oder metaphysischer Positionen, sondern dafür, den Gedanken verlässlicher Weltmodelle grundsätzlich aufzugeben, und sich auf die innere Erfahrung einzulassen? Dem stimme ich zu, und möchte hinzufügen, dass es uns wohltut, uns nach Innen wie nach Außen zu öffnen. Weltbilder, ganz gleich welcher Art, tendieren ja dazu, durch Konditionierung den Charakter von Ideologien anzunehmen. Zum Glück gibt es aber Wissenschaftler, die für die mystische und symbolische Erfahrungsweise offen sind, und umgekehrt Mystiker, die sich für Wissenschaft interessieren.

Was mich an der Mystik fasziniert, ist, dass sie eine radikale Behauptung aufstellt, die aber natürlich nicht prüfbar ist: Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mich die Welt in einem neuen, einem essentiellen Licht sehen lässt. Mitreden kann allenfalls, wer dieselbe Erfahrung gemacht hat. Die Berichte der Mystiker sind ja nur bescheidene Annäherungsversuche. Jeder Versuch einer Objektivierung wird zurückgewiesen, mit dem Hinweis, dass sich das Wesentliche nur erfahren, nicht objektivieren ließe und sich nur dem Mystiker unverhüllt zeige.

Eigentlich bilden die Mystiker eine Elite, die sich von wahrhaft elitären Positionen allerdings dadurch unterscheidet, dass der echte Mystiker niemanden ausgrenzt, eher in seiner außerordentlichen Erfahrung sich selbst (gesellschaftlich) isoliert vorfindet. Darin gleicht er dem (visionären oder okkulten) Künstler, der sich ganz auf seine Innenwelt einlässt, um dann von der Umwelt ignoriert oder pathologisiert zu werden. Dass die mystische Erfahrung einer tiefen metaphysischen Erkenntnis gleichkommt, und sich hinter den pathologisch beschreibbaren Symptomen eine wesenhafte Erkenntnis verbirgt, lässt sie sich wohl philosophisch vertreten; beweisen kann man es natürlich nicht. Genauso steht es um die Relevanz künstlerischer Einsichten; sie kann nur gespürt, nie objektiviert werden.

Interessanterweise ist aber auch das Weltbild der Naturwissenschaften nur ein Konstrukt. Du hast Kant angeführt, der dargelegt hat, dass es unserem Gehirn angeborene Strukturen gibt, denen das Denken nicht Entrinnen kann, wie beispielsweise die Verortung in Raum und Zeit, während uns die Welt an sich, das Ding an sich, verborgen bleiben muss. Erstaunlicherweise scheinen sich die Wortführer der Populärphilosophen unter den Naturwissenschaftlern – wie beispielsweise der Biologe Richard Dawkins in den USA, der kürzlich mit seinem Buch The God Delusion wieder einmal Gott abgeschafft hat –  kaum mit Wissenschaftstheorie, geschweige denn mit Erkenntnistheorie im allgemeinen beschäftigt zu haben. Alles was sich jenseits von rational definierten Begriffen abspielt, wird als irrelevant angesehen, auf der Grundlage eines recht naiven Realitätsbegriffs.

Insofern sollte man den Konstruktivisten vielleicht dankbar sein, weil sie nicht nur die Metaphysiker, sondern auch die Positivisten (wieder einmal!) in die Schranken verwiesen haben. Die Fundamentalisten unter den Wissenschaftlern gleichen jenen der Religionsvertreter mehr als ihnen lieb sein dürfte: Jeder glaubt ein Tor geschossen zu haben, und hat dabei gar nicht mitbekommen, dass erkenntnistheoretisch längst Abseits gepfiffen wurde!

Ich frage mich, warum das allgemeine Weltbild heute wieder materialistisch und positivistisch geworden ist, und empfinde diese einseitige Fixierung auf das Objektivierbare als genauso irrational und atavistisch, wie die teils versponnenen esoterischen Zirkel, die sich als Gegenreaktion auf die Trivialisierung der Welt durch unsere materialistische Kultur bilden. Wo das Mysterium verloren geht, machen sich Mystifikationen und Banalisierungen im Kampf  um kulturelle Vorherrschaft breit. Zur Zeit eines Kandinsky wurde das neue Weltbild der Physik noch in seiner ganzen Tiefe und Erstaunlichkeit empfunden. Heute sorgen dieselben Einsichten meist nur noch für Achselzucken. Aristoteles glaubte, dass die Philosophie mit dem Staunen beginne; vielleicht brauchen wir heute eine Philosophie, die uns wieder das Staunen lehrt!

Der konstruktivistische Ansatz hat in Form einer Demontage übereilter Schlussfolgerungen über die Beschaffenheit der Welt vielleicht das Potential, einen Heilungsprozess einzuleiten, oder doch an den Voraussetzungen dafür mitzuwirken. Das sokratische Ich weiß, dass ich nichts weiß ist sicher ein besserer Ausgangspunkt als jede Form von philosophischer, theologischer oder wissenschaftlicher Besserwisserei, um der Welt wieder mit offenem – das heißt: mit künstlerischem! – Blick zu begegnen. Auf dieser Grundlage sollte es aber wünschenswert sein, ein undogmatisches Weltbild zu entwickeln, dass versucht, innere und äußere Erfahrung zu verknüpfen, um eine Gesamtschau wieder möglich zu machen.

 

Alexander Graeff:

Ich wehre mich generell gegen hierarchische Beziehungen innerhalb der Lebenspraxen. Die ideologieanfällige Religion, Politik und wohl auch Naturwissenschaft darf sich nicht über andere Praxen erheben, und am wenigsten über das Leben des Einzelnen.

Ich belege religiöse Weltanschauungen nicht pauschal mit Ideologiekritik, im Gegenteil: oftmals sagen sie uns mehr über unsere Mentalität und unsere Kultur als irgendeine noch so gute Kulturwissenschaft. Man darf aber nicht dem Trugschluss verfallen, dass Religionen mehr seien als kulturelle Konstrukte, Werke individueller und kollektiver Geschichte. Das meine ich nicht abwertend; das Transzendente begegnet uns im individuellen und gemeinschaftlichen kreativen Erleben, nicht in knochigen Institutionen. Das Konstrukt ist für mich etwas Heiliges!

Jedweder Versuch, eine Weltanschauung absolut zu setzen ist meines Erachtens im Sinne eines freiheitlichen und sozialverträglichen Zusammenlebens nicht tragbar. Das gilt indes nicht nur für Religion und Politik, sondern auch für die Objektivierungssucht innerhalb der Kunst; daher von meiner Seite: keine Kriterien, sondern nur Hinweise.

Ich würde Weltbild und Weltanschauung gerne voneinander unterscheiden. Mag sein, dass beide Begriffe analog gebraucht werden, aber ein Weltbild ist für mich lediglich das Bild der Welt, das sich jeder macht – der eine vermag es in Worte zu fassen, der andere mag es nur zu erleben –; bei der Weltanschauung dagegen ist in vielen Fällen ein metaphysischer Überbau vorhanden, der meint, allgemeingültige Antworten auf die Fragen des Lebens geben zu können. Ein Weltbild kann gewiss die gleiche Aufgabe erfüllen, nur tut es das im subjektiven Raum. Der Versuch, dem Einzelnen allgemeingültige Antworten vorzukauen ist ein Kennzeichen der Ideologie; ich halte jede Antwort, die absolut gegeben wurde (und nicht beständig ausgehandelt wird) für schädlich. Natürlich müssen wir gewisse Regeln des Zusammenlebens auch uneingeschränkt universalistisch setzen, z.B. die Menschenrechte, aber es sollten keine absoluten Antworten auf metaphysische Fragen gegeben werden, auch wenn wir eine zweitausend Jahre alte Tradition darin haben.

 

Martin Weyers:

Ich bin sehr an der Kunst als einem Medium interessiert, dass uns tiefe Erfahrungen ermöglicht, die uns ohne die Kunst verschlossen blieben. Der Bereich lebendiger Erfahrung lässt sich durch Kunst undogmatisch bereichern. Kunst und Mystik stellen, wenn sie ernsthaft betrieben werden, Wege zu einer Erfahrung dar, die über Weltanschauliches hinausgehen. Wir brauchen diese Methoden, um die Welt von Innen zu erkunden, und jenseits von Objektivierbarkeit den Geist, die Seele erblühen zu lassen.

Der Vorteil einer symbolischen Bildsprache in der Kunst ist, gegenüber Theorien, dass Symbole das Bewusstsein öffnen und inspirieren, ohne uns auf eine bestimmte Theorie oder ein bestimmtes Weltbild festzulegen. Insofern wäre Kunst das ideale Mittel, um unsere Erfahrung im Sinne innerer Erkenntnis zu vertiefen. Echte Symbole enthalten ja nie faktische Aussagen, sondern poetische Umschreibungen.

Martin Weyers: Der Einfluss der Dunkelheit auf das Wachstum von MetallenMeines Erachtens besteht die große Chance der Kunst heute darin, sich undogmatisch der inneren Erkenntnis zu öffnen, sich dabei aber durchaus auch von den Forschungen der Wissenschaftler anregen zu lassen. Die Physiker und Neurologen haben ja, bei aller erkenntnistheoretischen Vorsicht, die bei der philosophischen Deutung geboten sein mag, ungeheuer interessante Beobachtungen gemacht; während Wissenschaftszweige wie zum Beispiel die Kosmologie oder Embryologie nicht nur faszinierende Erkenntnisse gesammelt haben, vielmehr werden diese sogar durch teils atemberaubende fotografische Bilder illustriert – die die meisten Künstler erstaunlicherweise kalt zu lassen scheinen!

 

Alexander Graeff:

Dein Vergleich des Künstlers mit dem Mystiker gefällt mir. Du hast das entscheidende Moment herausgestellt. In der Mystik und in der Kunst gibt es innerhalb der eigenen Denk- und Handlungsweisen keine Objektivierung, auch keine Quasi-Objektivität wie in der Wissenschaft (hier ist sie als Hilfsmittel notwendig – das ganze System würde sonst zusammenbrechen). Es gibt allerdings – so meine ich das wahrzunehmen – durchaus diese Versuche der Objektivierung von Kunst, von Stilen, Moden und Trends. Daher denke ich, dass es für die Ausdifferenzierung des Kunstsystems nützlich sein könnte, subjektivistische Kunstformen zu beackern. Diese Ausdifferenzierung ist für den Fortbestand von Systemen innerhalb pluralistischer Gesellschaften geradezu notwenig: Themen, Inhalte und Bedeutungen von Kunst sollten einfach beständig ausgehandelt werden, in dem man Kunst attributiert.

Das Ergebnis dieser Objektivierungsversuche ist eine objektivierte Kunst, von der allerdings weniger die traditionelle Kunst des Bildungsbürgertums betroffen ist. Hier ist man sich dem Bezug zur Moderne, zur Subjektintegrität, Aufklärung und Intellektualismus ja weitestgehend bewusst. Ich denke aber auch an die „Kunst“, die man den so genannten bildungsfernen Schichten auftischt; diese zielt in den meisten Fällen auf Weltflucht (Brot und Spiele), anstelle auf Aneignung und Auseinandersetzung mit Welt. Diese so geartete Kunst wird von medialen Machtstrukturen erzeugt, „objektiviert“, denn es wird auf jede Form der subjektiven Auseinandersetzung verzichtet, auf Konsumentenseite und auf Produzentenseite. Die Problematik entsteht also nicht nur durch mangelnde Antriebskraft des Einzelnen, sondern auch durch eine systematische Reproduktion von bestimmten Strukturen, die kreative Vorstellungen davon, was Kunst ist bzw. sein könnte, im Keim ersticken. Was damit erreicht wird, ist eine neue soziologische Vokabel: bildungsbefreite Schichten.

 

Martin Weyers:

Der Kunst liegen heute zumeist äußerliche Motive zugrunde: Die früheren Bedeutungsträger, Mythos und Religion, sind vielen unglaubwürdig geworden. An ihre Stelle jedoch sind tragischerweise ausgesprochen geistlose Motive zur Kunstproduktion und –Rezeption getreten: Rationalismus, Pädagogik, Politik, Sozialkritik, Sozialprestige, Egozentrismus, Vergnügungssucht und Kommerz formen die Kunst. Infolgedessen hat sich die Schönheit der Kunst in eine Oberflächenschönheit verwandelt; Wo Kunst Schönheit sucht, verbleibt sie oftmals im Dekorativen, da es ihr an Substanz mangelt.

Der Mangel an Tiefe gilt meines Erachtens nicht nur für die Zerstreuungskultur der Medien, sondern auch für weite Bereiche der Kunst und Kultur, die ebenso einer Innendimension entbehren. Der intellektuelle Diskurs, der heute die Auseinandersetzung mit Kunst bestimmt, ist in meinen Augen nur ein dünner begrifflicher Aufguss, mit dem versucht wird, die Leere, die heute allgemein herrscht, zu kaschieren.

In meinen Augen ist die geistige Krise schichtenübergreifend. Auch viele Intellektuelle sind heute „bildungsbefreit“, insofern als dass geistiger Anspruch fälschlicherweise mit einem nüchtern-analytischen Blick gleichgesetzt wird. Die innere Erfahrung wird als seicht und sentimental abgetan, weil sie eben „nur subjektiv“ ist. Der Grund dafür lMartin Weyers: Versinkender Gedankeiegt wohl in dem heute gängigen Weltbild, das im geistig-seelischen Bereich lediglich eine Funktion neuronaler Systeme sieht.

Gelegentlich stößt man jedoch auf Wissenschaftler, die das Geistig-Seelische ganz im Gegenteil als Tiefendimension der Natur betrachten. Ich denke hier an Physiker wie David Bohm, Fritjof Capra und Friedrich von Weizsäcker, genauso wie den Biologen Rupert Sheldrake oder die Psychologie in der Tradition von C. G. Jung. Die Kunst eines Wassily Kandinsky, Paul Klee oder Max Ernst kann man vielleicht als künstlerisches Äquivalent einer solchen durchgeistigten Naturschau sehen, die häufig Sichtweisen der Romantik, etwa eines Novalis oder Hölderlin aufgreift. Bedeutet Okkulte Kunst auch eine Auseinandersetzung mit dem Naturbild der Romantik und der modernen Physik, oder vollzieht sie sich allein introspektiv?

 

Alexander Graeff:

Ich gebe dir Recht, dass die Kunst heute auch reine Fassade sein kann. Dass Religion und Mythos aber heutzutage in der Kunst nur noch selten Thema sind, hat wiederum nicht allein mit der Rolle der Kunst als „geschichtsphilosophische Sonnenuhr“,  wie Adorno das Abspiegeln gesellschaftlicher Tendenzen und Mentalitäten durch die Kunst bezeichnete, zu tun, sondern ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Ich denke aber, dass es Sinn macht, die Lebenspraxis des Religiösen durch die Kunst wieder ein wenig vermittelbarer zu machen. Wenn wir uns dazu entscheiden, im Leben glücklich und erfolgreich zu sein und nicht erst im Jenseits, bietet die Kunst hervorragende „Methoden“, diese „immanente Transzendenz“ der individuellen religiösen Praxis wieder zu entdecken.

Um auf deine Frage zurückzukommen: Okkulte Kunst hat ein sehr weites, bevorzugtes Sujet, und dieses tritt in Gestalt des Okkultismus eigentlich nur als Inspirationsfundus auf. Ansonsten kann sich ein Werk der Okkulten Kunst natürlich auch um Themen wie Rationalismus, Pädagogik, Politik, Sozialkritik oder moderne Physik drehen; es geht aber primär um die verborgenen Akzente des gewählten Sujets. Das meine ich ganz allgemein mit Okkultismus. Meinen Thesen nach stehen aber die abendländische, und insbesondere die moderne Kunst in einer Traditionslinie mit „okkulten Lehren“, also mit Alchemie, Hermetik, Gnosis, Theosophie usw. usf. In dieser Rangfolge ist natürlich auch die Romantik zu finden. Novalis & Co. sind für mich Vorreiter der modernen Kunst. Die historische Verbindung zwischen Kunst und Okkultismus ist der eine Teil der Okkulten Kunst, der andere ist der produktionsästhetische, der aber unabhängig ist von irgendwelchen historischen Epochen und Themen. Okkulte Kunst ist relativ autonom. Sie ist sich ihrer Inspirationsquellen und historischer Anknüpfung zwar bewusst, ist aber frei in Themenwahl und Form des Ausdrucks.

 

Martin Weyers

Die freie und authentische Wahl der Mittel ist auch in meinen Augen einer der wichtigsten Aspekte, die es für den Künstler heute zu berücksichtigen gilt. Die meisten jungen Maler blättern heute in den Kunstmagazinen und versuchen auf der Höhe der Zeit zu sein, indem sie sich daran orientieren, was gerade in New York oder London angesagt ist. Dabei haben die Trends heute ja gar nichts mehr mit dem Avantgarde-Gedanken zu tun; Vielmehr zielt der internationale Kunstmarkt in erster Linie auf die Vermehrung von Geld und Sozialprestige. Die Kunsthistoriker versuchen vielfach hinterher die Argumente zu liefern für das was zuvor vom Markt entschieden wurde. Opportunistische Künstler eifern also letztlich gar keiner Kunstrichtung, sondern dem Markt nach, was schon deswegen nicht funktioniert, weil Kunstpreise ideelle Preise sind. Etwas Ähnliches zu machen, wie einer der neuen Saatchi-Künstler, garantiert also keineswegs den Erfolg, denn auf dem Kunstmarkt zählt schon lange nicht mehr, was der Künstler macht, sondern wer es macht. Die Biographie ist an die Stelle des Werks getreten, das im Extremfall in irgendeinem Bilderlager verbleibt, während es über die Auktionshäuser mehrfach den Besitzer wechseln kann, ohne je von irgend jemand wahrgenommen worden zu sein.

Die Moderne hat bei Vielen, die überhaupt für das Transzendente oder Okkulte aufgeschlossen sind, und es nicht lediglich als eine naive oder primitive Form der Weltanschauung betrachten, den Ruf der Abkehr von der tieferen Dimension des Seins. Ich meine zu Unrecht! Im Vergleich zur heutigen Situation mutet die Moderne geradezu idealistisch an! Von der Romantik ausgehend, über den Symbolismus und die verschiedenen Wege der abstrakten Malerei gibt es ja eine sehr ernsthafte Orientierung an diesen tieferen Wirklichkeitsbereichen, die sich, wie viele glaubten, mit naturalistischen Mitteln nicht ausdrücken lässt. Ich sehe den prototypischen Künstler der frühen Moderne weniger als einen Zerstörer, der die Tradition abzuschneiden versucht, denn als jemanden, der sich und seine Gesellschaft bereits abgeschnitten vorfindet vom Mythos und damit vom Geist, und nun nach neuen Wegen sucht, in diese Bereiche unterhalb der dünnen Haut der sichtbaren Wirklichkeit einzudringen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist dann aber eine Art Ernüchterung eingetreten. Es gab zwar immer noch Kunst, die auf die Erforschung von Innenwelten ausgerichtet war, wie das Informel oder die Transavantgarde und vielleicht noch manche Vertreter der neoexpressiven Malerei in den 1980er Jahren.  Insgesamt jedoch hat sich der Kunstbetrieb zunehmend auf die Tradition von Duchamp und Warhol eingeschossen: Der Künstler als rationalistischer Kunsttheoretiker, und der Künstler als einer, der den Massenmedien nacheifert, in der Hoffnung dadurch selbst zum Medienereignis zu werden.

Die Vorstellungen des O.T.R.D. scheinen dem diametral entgegengerichtet zu sein: Gerade im Rückzug auf die Bereiche des Privaten und der Subkultur bei weitgehenden Verzicht auf Vermarktung versucht der Einzelne, dem Zugriff der kapitalistischen Gleichschaltung zu entgehen. Aber hat Kunst nicht auch die Aufgabe auf die Gesellschaft zu wirken? Wie verträgt sich der Rückzug ins Private mit dem Wunsch, kulturell wirksam zu sein? Ist die Subkultur für euch ein Freiraum jenseits des Etablierten, kommerziell Verwertbaren und staatlich Geförderten, oder gibt es ein Bedürfnis, auf breiter Basis Einfluss zu üben?

 

Alexander Graeff:

Es ist richtig, dass die Künstlervereinigung O.T.R.D., die für mein erstes Buch zur Okkulten Kunst eine große Inspirationsquelle darstellte, den Kunstbegriff nicht im herkömmlichen Verständnis des Kunstbetriebes begreift (einige Aspekte werden ausgelassen, andere werden ergänzt). Allein die symbolische Struktur eines Ordens erinnert mehr an einen Raum kontemplativer Zurückgezogenheit als an medialen Hype. Und um irgendwelche Phantasien eines Kunstmarketings geht es allemal nicht.

Die Künstler und Künstlerinnen des O.T.R.D. arbeiten mehr nach dem Prinzip des Dilettantismus, im Sinne Goethes. Natürlich geht es auf der Ebene der Diskussion auch um Geschichte und Theorie der Kunst, die Liebe zur Sache selbst, die Frage nach dem numinosen Emotionalen an der Kunst sind aber die Aspekte, die im O.T.R.D. vorrangig von Bedeutung sind. So gesehen mag der O.T.R.D. einen gewissen Einfluss auf meine Kunstvorstellung gehabt haben, das Konzept der Okkulten Kunst ist aber dennoch eine sehr persönliche Angelegenheit, keine Theorie einer Gruppe.

Der beschriebene Rückzugsraum, in dem die Kunst (auch meine eigene) gedeiht, ist aber nicht unbedingt mit der Vokabel „Subkultur“ zu etikettieren; Subkultur als Begriff muss kritisch hinterfragt werden. Er ist in einer pluralistischen Kultur eigentlich nicht mehr haltbar. Kultiviere ich eine Subkultur, akzeptiere ich immer auch eine Leitkultur. Über den Nachteil einer regressiven Vorstellung von Leitkultur brauchen wir, denke ich, nicht weiter zu diskutieren. Zutreffender finde ich eine andere Bezeichnung unserer Bemühungen: der O.T.R.D. als Alternative zum utilitaristischen Kunstsystem.

Es geht also nicht um Einflussnahme, sondern um Chancengenerierung für jene Menschen, die Kunst machen, weil ihr innerster Ausdruck sie dazu zwingt. Vermarktung, Bewertung, Auszeichnungen und Medienwirksamkeit spielen keine Rolle.

Ein besonderes Merkmal zeitgenössischer Kunst scheint wirklich das Phänomen zu sein, dass es weniger um das Werk, als mehr um Namen und Lebensläufe bestimmter Personen geht. Du hast das treffend auf den Punkt gebracht. Letztes Wochenende besuchte ich die documenta in Kassel. Im Trend sind wieder Wandzeitungen. Künstler und Künstlerinnen haben zu einem bestimmten Thema Zeitungsartikel aller Art gesammelt und an eine Wand geklebt. Die Entscheidung, dass gerade diese Menschen ihre Sammlereigenschaft auf der documenta ausstellen dürfen, scheint zunächst – was das Werk betrifft – eine total beliebige zu sein. Denn wer hat denn nicht schon mal zu irgendeinem Thema Zeitungsartikel gesammelt? Das tut jeder! Warum stellen diese Wände aber nur die Zeitungsschnipsel ganz bestimmter zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen aus? Das lässt die Vermutung aufkommen, dass es eine Art „heimliche Namensliste“ geben muss; die Kuratoren wählen Namen, keine Werke.

So gesehen ist diese Kunst eine Ausstellung der Tätigkeit des Zeitungsartikelsammelns seitens einer bestimmten Person von besagter Liste. Als Betrachter scheitert man schließlich an dem Verständnis des Werkes; klar, diese Kunst wirft Fragen auf, regt mich zum Nachdenken an, lässt mich eine – durchaus bildende – Erfahrung der eigenen Beschränktheit machen, regt in mir aber vor allem den Wunsch, was sage ich, den Stachel der Kritik!

Ich glaube, wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Kunst der Postmoderne ein Medium der Kritik geworden ist; das betrifft indes auch die Produzentenseite. Im Vordergrund steht die Dekoration dieses Mediums der Kritik im Rahmen dessen, was Kunst genannt wird.

 

Martin Weyers

Zum Begriff der Subkultur: Ich verwende ihn wertfrei im Sinne einer Kunst oder Kultur, die nicht öffentlich gefördert oder von den Feuilletons wahrgenommen wird, wohl aber auf eine eigene eingeschworene Fangemeinde zählen kann. Die documenta stellt hierzu natürlich das extreme Gegenbeispiel dar: Ein rein quantitatives Medienereignis, bei dem die Massen strömen, ohne dass jemand am Verschwinden der Kunst Anstoß nimmt. Der Name documenta wird ja in den Medien kaum mehr anders als in einer gedankenlos konditionierten Redewendung benutzt: „eine der wichtigsten Ausstellungen von Gegenwartskunst“. Warum gilt sie also so wichtig? Nicht wegen der künstlerischen Qualität, sondern weil Geld und Besucherzahlen in Strömen fließen.

Was bei solchen Medienereignissen als Trend wahrgenommen wird, beruht dabei auf Steuerung durch mehr oder weniger willkürliche Selektion. Wenn es um den Charakter heutiger Kunst geht, lassen sich für jede These Belegbeispiele finden. Künstlerisch relevante Werke sind dabei selten anzutreffen. Die Bilder von Monika Baer gefielen mir allerdings, als ich ihnen letztes Jahr in der Neuen Pinakothek in München begegnet bin. Es gibt also Ausnahmen, und insofern möchte ich hier keineswegs eine Künstlerkritik vornehmen.

Ich glaube, was es noch mehr zu kritisieren gilt als eine bestimmte künstlerische Haltung, ist der hier praktizierte Etikettenschwindel. Dilettantismus ist in Ordnung, solange man ihn  in den eigenen vier Wänden ausübt. Der Nutzen mag dabei ein therapeutischer oder spiritueller sein. Es gibt jedoch keinen Grund, Zeitungsschnipsel und schlechtgemalte Bilder hochsubventioniert in den Status von Museumskunst zu erheben. Ich vermisse im Kunstbetrieb vielfach ein authentisches Bewusstsein für Tiefe und Qualität; alles scheint sich nur noch um den aus Namen und Biographien gebildeten Hype zu drehen. Dem muss man als Künstler entgegensteuern, nicht indem man kritisiert, sondern indem man umso härter arbeitet, um etwas Relevantes zu erzeugen. Wenn der Bilderstreit entflammt, pflege ich immer zu sagen: Das beste Argument gegen ein schlechtes Bild ist ein gutes Bild.

Kannst du mehr von deinem eigenen künstlerischen Ansatz erzählen? Gibt es eine Verbindung zwischen dem Schreiben und der Musik? Und gibt es bestimmte Techniken oder Rituale, mit denen du die Verbindung zwischen kreativem Bewusstsein und deinem musikalischen oder verbalen Handwerkszeug herstellst?

 

Alexander Graeff:

Ich schließe mich deinem Argument an. Um zu zeigen, dass es auch heute noch „tiefe Kunst“ gibt, sollten sich die Künstler und Künstlerinnen ans Werk machen und diese Tiefe ausloten. Allein in der Reflexion auf der Metaebene hat man mit der zum Etikett gewordenen „Tiefe“ schon genug zu tun. Die Werke sprechen dann für sich, auch wenn sie im „großen Publikum“ nicht wahrgenommen werden. Ich glaube, dass Beständigkeit und der Wille, die Kellerräume verlassen zu wollen, dazu beitragen, dass das Werk auch eine breitere Resonanz erhält. Ich glaube es nicht nur, ich meine es zu wissen.

Noch ein Wort zum Dilettantismus: er braucht die Rückzugsräume, er ist keine Medienangelegenheit, klar, aber ich verstehe ihn als Liebhaberei. Mag sein, dass die professionelle Reflexion dieser Liebhaberei in den Hintergrund rückt, doch das, was auf der documenta ausgestellt wurde, hat für mich nichts mit Liebhaberei zu tun; im Gegenteil, es ist nicht im privaten Rückzugsraum entstanden, wie es scheint; zudem wirken zu viele Ausstellungsstücke lieblos auf mich. Es geht eben, wie du sagtest, mehr um die Ausstellung von Biografien als um Kunstwerke, wie wir sie begreifen.

Ich für meinen Teil nutze die Kunst, um mit der unnachgiebig in mich eindringenden Welt fertig zu werden. Ich betrachte jedes Sujet gebunden an mein eigenes Subjekt, nicht nur unbewusst, sondern ganz bewusst, denn die Auseinandersetzung mit Welt ist eine andere, wenn man sich seiner Rolle als Subjekt bewusst(er) ist. Das sind natürlich alles Prozesse der Entwicklung. Vor 8 Jahren, als ich das KOMA69-Projekt gründete, war das natürlich eine andere Art der Weltaneignung. Heute sehe ich die Dinge klarer, wie man so schön sagt. Im Schreiben fand ich die Möglichkeit, mich entsprechend dieser Weltaneignung auszudrücken, denn das, was ich verarbeite, will aus mir heraus! Es fließt nichts durch, ich bilde diese Welt nicht einfach nur ab, sondern ich erzeuge neue Fasern einer Welt, die durch meinen subjektiven Filter geflossen sind.

Motiviert werde ich durch Erkenntnis, die ich mit der Methode Kunst erlangen kann; darum ging es mir schon sehr früh. Ein Grund auch, weshalb ich begann, mich für die „okkulten Wissenschaften“ zu interessieren. In ihnen schien mir die persönliche Position wichtiger zu sein, als die objektiven Maßstäbe einer gerade modischen Erkenntnistheorie. Das gefiel mir, es war eine Art Entlastung von einem sonst fremdgesteuerten Leben. Okkultismus ermöglichte bei mir ein Emanzipationsmoment, das mich zur Kunst, zur Literatur und zur Musik führte.

Ich mag das im Grunde auch nicht strikt trennen: die innere Versenkung und die Auseinandersetzung mit einer bestimmten Sache, ihre Durchdringung und ihre Exemplifikation anhand meiner künstlerischen Inhalte und Formen ist eine mystische Überlegung. Auf diese Weise nähere ich mich den Grenzen der Welt, der Wahrnehmung, der Form und meiner eigenen Kompetenzen, gleite fröhlich an ihnen vorbei und springe hier und da mal auf die andere Seite. Von drüben sieht die Welt anders aus.

Die theoretisch-philosophische Auseinandersetzung mit Kunst gehört auch hierher. Das Konzept der Okkulten Kunst ist für mich meine ganz persönliche Verhandlung mit dem ästhetischen Weltzugang. Ein Versuch, gegenüber der Welt der Kunst etwas souveräner zu werden. Okkulte Kunst ist für mich ein Feld ästhetischer Bildung, ein Lernprozess. Ich verstehe Kunst und Okkultismus als Bildungsmedien, hier sehe ich auch ihren Nutzen.

 

Martin Weyers

Ich glaube es ist für jeden Künstler wichtig zu kommunizieren, also  gesehen, gelesen, gehört, kurz: wahrgenommen zu werden, damit die Beschäftigung mit unserer Innenwelt nicht zum Autismus gerät. Auf der anderen Seite allerdings droht eine ganz andere Gefahr, nämlich die des Narzissmus. Das Kunstwerk sollte ja nicht bloß dazu dienen, unser Ego auszustellen. Reden in der Öffentlichkeit sollte man nur, wenn man auch etwas zu sagen hat, wenn man also subjektiv etwas gefunden hat, das mitteilungswürdig ist, und darüber hinaus objektiv eine Form gefunden hat, durch die es sich mitteilen lässt – mit anderen Worten, wenn man die Technik beherrscht und eine eigene Stimme gefunden hat.

Das authentische Kunstwerk stellt also die legitime Art der Objektivierung des Subjektiven dar: Das Subjektive wird in eine wahrnehmbare Form gebracht, die nun auf andere wirken kann. In der Erfahrung des Kunstwerks schließlich wird, genauso wie im künstlerischen Prozess, die Grenze zwischen Subjekt und Objekt durchlässig. Der Unterschied zwischen Bild und Betrachter, Kunst und Künstler, Innen und Außen, Idee und Ausführung spielt nicht länger eine Rolle.

Insofern glaube ich, dass sich im Hören von Musik, im Lesen von Gedichten, im Betrachten von Bildern usw. bereits etwas zutiefst Mystisches vollzieht, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Auch ohne dass wir je eine umwälzende mystische Erfahrung gemacht haben, ermöglicht uns die Kunst einen gewissen Zugang zu verborgenen Bewusstseinsebenen, nur dass sich dieser eben nicht als Objekt des Bewusstseins vollzieht, sondern ganz als Bewusstsein.

Besteht darin auch eine der Aufgaben der Theoretisierung des Okkulten: bewusst zu machen, was uns unbewusst ohnehin schon zugänglich ist? Vielleicht kann eine Theorie der Okkulten Kunst auch dazu beitragen, das transzendente Wesentliche im Menschen vom Ruf des Verschrobenen zu befreien, um deutlich zu machen, dass wir Menschen eben nicht nur aus Wasser, Muskeln und Fettgewebe bestehen, und die Aufgabe der Kunst daher nicht nur im Kommentieren und Kritisieren, Theorie und Zerstreuung bestehen kann. Ich glaube eine der vorrangigen Aufgaben heutigen Schreibens über Kunst sollte die Vermittlung eines anderen Menschenbildes sein, das allein die Grundlage für eine neue Kunst zu bilden vermag, die wirklich Tiefendimensionen berührt, anstatt bloß durch Wortgeklingel beeindrucken zu wollen.

 

Alexander Graeff:

Ja, was soll ich darauf noch sagen? Ich stimme dir voll und ganz zu.

Mir ging es bei der Okkulten Kunst nicht zuletzt darum, zu zeigen, dass es plausibel ist, anzunehmen, dass es, wie du es nennst, „verborgene Bewusstseinsebenen“ gibt, die einerseits für die Kunst im Allgemeinen wesentlich, andererseits aber Parallelität mit beispielsweise mystischen Denkweisen aufweisen und schließlich maßgeblich für die Entstehung der Modernen Kunst waren. Mein Konzept ist zeitübergreifend, es zeigt an der Geschichte, was im Hier und Jetzt geschieht und richtet einen Stachel in die Zukunft, das muss sein, denn das, was eben im Hier und Jetzt passiert ist ganz schnell vergangen (wird oft auch vergessen).

Meine Auffassung des Okkultismus kann als allgemeine Denkfigur genutzt werden, nicht nur in der Kunst. Wenn wir verstehen, dass die numinosen Wesen, um mir C.G. Jungs Vokabular zu leihen, immanent mit all unserem Tun verbunden sind und wir dieses Tun bewusst auf diese verborgenen Aspekte von Welt und Selbst ausrichten, kann zumindest einer Sache Einhalt geboten werden: der Verdinglichung des Menschen durch den Menschen.

 

Martin Weyers:

Einer solchen Verdinglichung des Menschen konnte bislang noch keine Ideologie oder Heilslehre entgegenwirken, nicht einmal der Humanismus. Solange wir der Überzeugung sind, das Wesen des Menschen bestehe aus Wasser, Fettmasse und Muskelgewebe, und der Geist sei dem Wesen nach eine Begleiterscheinung neurologischer Prozesse, können gute Absichten nichts ausrichten, denn einer solchen Sinnentlehrung des Daseins folgen notwendigerweise Egoismus und Hedonismus. Ein Grund mehr, um sich auf eine innere Forschungsreise zu begeben! Eine Forschungsreise jedoch wird kaum den Komfort und die Postkartenästhetik einer Pauschalreise gewähren.

In diesem Sinne möchte ich mit einem Zitat aus Ars Occulta schließen:

Martin Weyers: Gärende Ansicht„Gerade die Kunst der Moderne begann sich, so barbarisch die Neugierde der Okkultisten und Avantgardisten auch zu bezeichnen war, verstärkt mit den kulturellen Wurzeln, und mit der Herkunft unbewusster Muster zu beschäftigen. Dabei wurde das Archaische wichtiger Bestandteil der Ausdruckskunst und des Individuationsprozesses der expressionistischen Generation: Inhalte konnten gar nicht barbarisch genug sein. Ein positiv verstandenes Barbarentum, inspiriert von Adornos Kritik, zwingt den Künstler von Vorn zu beginnen, auf den archaischen Mustern das Spiel der Zivilisation noch einmal zu inszenieren, um vielleicht der erfahrungslos machenden Übermacht unserer technisch gewordenen Welt für einen kurzen Moment entkommen zu können.“

Der Weg über archaische Formen und Erfahrensweisen, sowie die Konzentration auf den unmittelbaren Ausdruck des modernen Indviduums, zu dem auch das Unvollkommene und Unharmonische gehören, ist ein steiniger Weg, der nicht sogleich und ohne Umschweife zu einer Renaissance der schönen Form führen kann. Viele Künstler der Moderne versuchten zunächst authentisch zu sein; Schönheit war vielleicht nicht gerade verpönt, wie viele Gegner der Moderne behaupten, aber der Authentizität von Empfindung und Ausdruck nachgeordnet. Vielleicht gehört es in besonderem Maße zu den Aufgaben des heutigen Künstlers, an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten, bis sich schließlich Schönheit einstellt, die nicht länger als Lüge daherkommt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Illustrationen von Martin Weyers:

Gedankenreise: Keimender Gedanke (2007), 24 x 30 cm

Alchemistische Landschaft (2006), 24 x 30 cm

Der Einfluss der Dunkelheit auf das Wachstum von Metallen (2006), 24 x 30 cm

Gedankenreise: Versinkender Gedanke (2001-2002), 160 x 140 cm

Gedankenreise: Gärende Ansicht (2007), 24 x 30 cm

 

Externe Links:

Alexander Graeff: www.alexander-graeff.de

O.T.R.D – Orden für okkulte Kunst: www.otrd.de

 

 

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