Kleine Joseph Campbell Enzyklopädie der Mythologie

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~ Alter ~

"Das Bild vom Verfall im hohen Alter ist ein wenig verfälschend, denn obwohl die Energien nicht jene der Jugend sind (dies war die Zeit, in der es darum ging, in den Bereich hereinzukommen, wo alle großen Ereignisse stattfinden), bist du nun in diesem Bereich, und dies ist die Zeit der sich öffnenden Blume, die wirkliche Erfüllung, die Verwirklichung von dem, was hervorzubringen du dich bemüht hast."

(Joseph Campbell, Reflections on the Art of Living)

Alter - Park in Zürich mit sukhavati.de LogoAltwerden wird in unserer Gesellschaft weitgehend mit Verfall gleichgesetzt. Es drohen Krankheit, körperlicher und geistiger Verfall.
Am Ende steht der
Tod. Andere Gesellschaften dagegen haben im Alter einen Reifungsprozess, und selbst im Tod noch einen Entwicklungsschritt erblickt. 

C. G. Jung schrieb einmal, unter all seinen Patienten jenseits des 35. Lebensjahres, und damit der Lebensmitte, sei nicht ein einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. 

Das 35. Jahr wird in vielen Kulturen mit der Lebensmitte gleichgesetzt, wobei der Lauf von Sonne und Mond den Zyklus von Leben und Tod symbolisieren — das 35. Jahr entspräche somit der 15. Mondnacht.

Alles Licht stammt von der Sonne, dem Sinnbild für unvergänglichen Geist. Der Mond dagegen reflektiert das Licht, so wie unsere Gehirne das unvergängliche undifferenzierte Bewusstsein (Campbell) reflektieren und in eine konkrete Form überführen, die wir dann als Persönlichkeit, als ein Ich erleben. 

"In der 15. Mondnacht, in einer Ebene bei Sonnenuntergang betrachtet, erscheinen, in einem mythologisch bedeutsamen Augenblick, Sonne und Mond gleich groß, gleich hell, während beide den Horizont berühren, und den in mythologischen Bildern denkenden Menschen auffordern, sich mit dem sonnenhaften Geist zu identifizieren, von dem der Mond einer lebendiger Abglanz ist." (Mythen der Menschheit)

Joseph Campbell wollte ein hohes Lebensalter nicht vornehmlich mit Verfall gleichgesetzt sehen, sondern assoziierte es mit Reifung und Blüte. Das Bild mag manchem allzu optimistisch erscheinen, zumal denen, die von Krankheit, Einsamkeit oder Armut geplagt werden. Immerhin kann es heilsam sein, vom Alter nicht allzu schlecht zu denken, und Geburtstage zu feiern wie Campbell es tat, als Sieg des Lebens, anstatt sich von der fortschreitenden Zahl des eigenen Alters schrecken zu lassen.

Interessanterweise korrespondiert Campbells später versöhnlicher Kommentar über das Alter mit einem Gedanken, den der jungen Campbell in sein Tagebuch notierte:

"Leben ist ein mathematisches Problem, dessen letztes Ergebnis die Summe seiner Aktionen ist. Sei aufrichtig und ehrlich zu dir selbst. Frage dich selbst, ob alles, was du tust, ob jede Stunde des Tages zur glücklichen Fügung deines Schicksals beiträgt. Falls nicht, finde heraus, wie du deinem Bestreben die richtige Richtung geben kannst. Versuche deine Fehler aufzuspüren und schalte sie aus. Halte stets in Dir wach den Durst und die rastlose Suche nach Schönheit." (A Fire in the Mind)

Die möglichen Schicksalsschläge, welche uns zu treffen vermögen, ob wir nun vorbereitet sind oder nicht, machen es uns manchmal zu leicht, aus der Hand zu geben, was zumindest ansatzweise zu steuern innerhalb unserer Möglichkeiten liegt. 

Konzentriert man sich mehr auf psychologische Bedeutungen, und ist bereit, die metaphysischen Hintergedanken einmal außer acht zu lassen, so wird schnell deutlich, dass Campbells amerikanisch-pragmatische Haltung letztlich keine wesentlich andere Botschaft enthält, als die buddhistische Karma-Lehre: Mit jedem Gedanken, jedem Wort und jeder Tat formen wir unser eigenes Schicksal. Haben wir dabei eine glückliche Hand, so verlieren Alter und Tod einen Teil ihres Schreckens: Was wir nicht zu ändern vermögen, können wir als Schicksal hinnehmen. Wir begeben uns, theologisch gesprochen, in die "Hand Gottes". (Wem allerdings die theologische Redeweise missfällt, der mag einer schlichteren Variante den Vorzug geben, um, gleich dem Taoisten, das Ziel darin zu erblicken, sich dem Lauf der Natur anzuvertrauen.)

 

 

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Quellen und weiterführende Literatur:

~ Reflections on the Art of Living. A Joseph Campbell Companion

~ Mythos 1.1 — Psyche & Symbol (Video)

~ Mythen der Menschheit

~ Die Kraft der Mythen

~ A Fire in the Mind. The Life of Joseph Campbell

 

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