Kleine Joseph Campbell Enzyklopädie der Mythologie

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~ Abendland ~

"Was eine Gesellschaft erfüllt, sieht man daran, welches das höchste Gebäude ist. Wenn Sie auf eine mittelalterliche Stadt zukommen, ist die Kathedrale das höchste Bauwerk am Platze. Wenn Sie auf eine Stadt des achtzehnten Jahrhunderts zukommen, ist der politische Palast das höchste Bauwerk am Platze. Und wenn Sie auf eine moderne Stadt zukommen, sind die höchsten Bauten die Verwaltungsgebäude, die Zentren des Wirtschaftslebens.

[...] Das ist die Geschichte der abendländischen Zivilisation. Von der Gotik an durch die monarchischen Epochen des sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts bis zu der Wirtschaftswelt, in der wir uns jetzt befinden."

(Joseph Campbell, Die Kraft der Mythen)

Abendland - Berliner MauerDie Geschichte der abendländischen Zivilisation ist eine Geschichte der Säkularisierung. Aufklärung, Naturwissenschaft und die Betonung des Rationalen haben dazu geführt, dass die Angst vor Höllenstrafen und bösen Geistern der Angst vor Leere und Sinnlosigkeit gewichen sind. Was auf der einen Seite, im Sinne einer Aufwertung der jedem Einzelnen allein innewohnenden Möglichkeiten, Früchte getragen hat, hinterlässt zugleich ein Sinnvakuum: An die Stelle des Tempels oder der Kathedrale, welche die alten Städte nicht nur sozial und architektonisch, sondern zugleich auch geistig und metaphysisch zusammenhielt, sind Kaufhäuser und Bürogebäude getreten. 

Hohe Grundstückspreise in den Innenstädten führen, genauso wie der Wunsch ein prestigeträchtiges architektonisches Zeichen zu setzen, zu Gebäuden, die sich ähnlich den alten Kathedralen in den Himmel strecken, ohne jedoch dabei Ausdruck einer geistigen Kultur zu sein. Die abendländische Welt wird von Ökonomie und Zweckdenken dominiert. Nicht anders als bei seinem unterlegenen Konkurrenten, dem Kommunismus, treten auch im Kapitalismus ideologische und egoistische Werte in den Vordergrund, die über das Sinnvakuum, dass sie hinterlassen, letztlich nicht hinwegzutäuschen vermögen. Der Angriff auf das World Trade Center lässt sich wohl auch als Angriff auf Säkularisierung und Monopolisierung von Macht und Kapital verstehen.

Lässt sich die Ablösung von einem kollektiven gesellschaftlichen Mythos, wie er noch die Städte des Hochmittelalters bestimmte, also nun als eine Fortschrittsbewegung deuten, oder ist er als Verlust zu deklarieren? 

Dem Aufkommen des Individualismus steht in der abendländischen Kultur der Verlust eines gesellschaftlich vermittelten Sinnzusammenhangs gegenüber. Wir sind somit aufgerufen, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen. Inmitten der Betonmeilen und Bürokomplexe unserer Großstädte sind wir auf uns gestellt, wenn es darum geht, jenseits der gesellschaftlich vermittelten Wertvorstellungen sinnstiftend zu wirken. Der Mensch des Abendlandes findet sich in die Mündigkeit entlassen vor und reagiert mit Hilflosigkeit. Aus dem Schutzbereich einer funktionierenden Mythologie entlassen, leiden wir unter einem spirituellen Hospitalismus. Der Erwerb von Geld und Besitz über das Notwendige hinaus erklärt sich oftmals nur als vordergründiger Eskapismus, mit dessen Hilfe wir vor der Notwendigkeit zurückweichen, einen geistigen Weg zu verfolgen, der unserer Zeit gerecht zu werden vermag.

Jedoch eröffnet die im Westen entstandene, und von dort ausgehend sich nunmehr in der ganzen Welt verbreitende Situation auch ungeahnte Möglichkeiten. In den Gralsgeschichten des 12. Jahrhunderts fand Campbell die Suche des abendländischen Individuums veranschaulicht und künstlerisch auf den Punkt gebracht. Die Gralsgeschichte ist die Geschichte des Individuums, das sich mit den vorgefertigten Antworten der Kirche nicht zufrieden geben mag. Die europäische Idee des Individualismus findet bereits im Hochmittelalter ihren Ausgangspunkt. Die Suche jedoch, von denen die Gralslegenden berichten, muss sich nicht zu Pferd und in den Wäldern und an den Höfen der mittelalterlichen Welt abspielen. Sie findet heute in Wohnungen, Ateliers, Büroräumen und Malerateliers statt jedoch nur dort wo der Einzelne sich entschlossen hat, nicht einem vorgegebenen Pfad zu folgen, denn "ein Pfad ist der Weg eines anderen". (Der Flug der Wildgans) Dem Weg eines anderen zu folgen, birgt die Gefahr, am Ende doch wieder im Ödland der Ideologien und fremden Wertsysteme zu landen. Dieses Ödland kann nur von Menschen zum Erblühen gebracht werden kann, die, wie der Held in Wolframs Gralsepos, letztlich ihrer inneren Natur folgen.

 

 

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Quellen und weiterführende Literatur:

~ Die Kraft der Mythen

~ Die Mitte ist überall

~ Der Flug der Wildgans

~ Die Masken Gottes IV — Schöpferische Mythologie

 

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