
Palimpsest
Ausstellung im Kulturtreff Alter
Bahnhof, Bahnhofstr. 1, 68809 Neulußheim
Freitag 19. September
bis Sonntag 21.
September
Vernissage:Freitag 20:00 Uhr
Einführung von Wolfgang Treiber
Ausstellung:
Samstag 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Sonntag 11:00 Uhr bis 17:00 Uhr
„Palimpsest“
griechisch:
„wieder abgekratzt“.
Manuskript, dessen ursprüngliche Beschriftung, meist im Mittelalter,
wieder abgekratzt wurde, um das kostbare Pergament mit neuen Texten
beschriften zu können. Durch moderne technische Verfahren
(Fluoreszenzfotografie) können die ursprünglichen (teils antiken)
Texte teilweise wieder sichtbargemacht werden. Seit dem 19. Jhd. auch
metaphorisch für die Gedächtnisfunktionen des Gehirns verwendet, wobei
davon ausgegangen wird, dass Vergangenes und scheinbar Vergessenes im
Verborgenen nach wie vor weiter wirkt.
Martin Weyers: Palimpsest
Bildzyklus, der durch die Erfahrung der Mohave-Wüste (Kalifornien)
inspiriert wurde, wo 2008 und 2009 auf Einladung eines kalifornischen
Sammlers Teile des Zyklus entstehen, und weitere Ausstellungen geplant
sind. Die Motive der Wüste sowie der Nacht, als Orte des Rückzugs und
der inneren Einkehr, die zuweilen in Visionen münden kann, sind seit
jeher mit der mystischen Erfahrung verbunden. Daher greifen die Bilder
fragmenthaft Worte aus Novalis’ Hymnen an die Nacht auf.
Entleerte Landschaften unter weitem Nachthimmel gehen in Körperformen
über, entsprechend der Sichtweise des romantischen Dichters, in der
die Natur mit – sowohl mütterlichen als auch sinnlichen –weiblichen
Zügen ausgestattet ist:
„Trägt nicht
alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht? Sie trägt dich
mütterlich und ihr verdankst du
all deine Herrlichkeit. Du verflögst in dir selbst – in endlosen Raum
zergingst du, wenn sie dich nicht hielte, dich nicht bände, dass du
warm würdest und flammend die Welt zeugtest. Wahrlich ich war, eh du
warst – die Mutter schickte mit meinen Geschwistern mich, zu bewohnen
deine Welt, sie zu heiligen mit Liebe, dass sie ein ewig angeschautes
Denkmal werde – zu bepflanzen sie mit unverwelklichen Blumen.“
Novalis (1772 – 1801)
eigentlich Georg Philipp
Friedrich Freiherr von Hardenberg, deutscher Dichter der Romantik.
1795 Verlobung mit Sophie von Kühn, deren früher Tod (1797) zu einer
verstärkten Hinwendung zu einer mystischen Natur- und Innenschau
führten, die in den Hymnen an die Nacht unmittelbaren Ausdruck
gefunden haben.
aus: Novalis, Hymnen an die
Nacht
[...] Abwärts
wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen
Nacht. Fernab liegt die Welt – in eine tiefe Gruft versenkt – wüst und
einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut. In
Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen.
– Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des
ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen
in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang. In andern
Räumen schlug die lustigen Gezelte das Licht auf. Sollte es nie zu
seinen Kindern wiederkommen, die mit der Unschuld Glauben seiner
harren?
Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt
der Wehmut weiche Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle
Nacht? Was hältst du unter deinem Mantel, das mir unsichtbar kräftig
an die Seele geht? Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus dem
Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüts hebst du empor. Dunkel und
unaussprechlich fühlen wir uns bewegt – ein ernstes Antlitz seh ich
froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und
unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt.
Wie arm und kindisch dünkt mir das Licht nun – wie erfreulich und
gesegnet des Tages Abschied. – Also nur darum, weil die Nacht dir
abwendig macht die Dienenden, sätest du in des Raumes Weiten die
leuchtenden Kugeln, zu verkünden deine Allmacht – deine Wiederkehr –
in den Zeiten deiner Entfernung. Himmlischer, als jene blitzenden
Sterne, dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns
geöffnet. Weiter sehn sie als die blässesten jener zahllosen Heere –
unbedürftig des Lichts durchschaun sie die Tiefen eines liebenden
Gemüts – was einen höhern Raum mit unsäglicher Wollust füllt.
aus:
Rainer Maria Rilke, Worpswede
Wir führen die Flüsse zu unseren Fabriken hin, aber sie wissen nicht
von den Maschinen, die sie treiben. Wir spielen mit dunklen Kräften,
die wir mit unseren Namen nicht erfassen können, wie Kinder mit dem
Feuer spielen, und es scheint einen Augenblick, als hätte alle Energie
bisher ungebraucht in den Dingen gelegen, bis wir kamen, um sie auf
unser flüchtiges Leben und seine Bedürfnisse anzuwenden. Aber immer
und immer wieder in Jahrtausenden schütteln die Kräfte ihre Namen ab
und erheben sich, wie ein unterdrückter Stand, gegen ihre kleinen
Herren, ja nicht einmal gegen sie, – sie stehen einfach auf,
und die Kulturen fallen von den Schultern der Erde, die wieder groß
ist und weit und allein mit ihren Meeren, Bäumen und Sternen.
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"Die anspruchsvollen
Gemälde setzen die Bildsprache des Informel voraus und laden gemeinsam mit
den traumwandlerisch sicher gearbeiteten Radierungen zu einer unbefangenen
Annäherung an den Mythos ein."
Dr. Olaf Mückain
Nibelungen-Museum, Worms
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Martin Weyers
geb. in
Wuppertal
Studien der Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Heidelberg
Seit 2003
freischaffender Künstler mit regelmäßiger Ausstellungstätigkeit
Mitglied im
Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK (Berufsverband)
2006
Gründung des
atelier-17 in Ludwigshafen am Rhein, zusammen mit Alexander Horn und
Tanja Vetter
2007 - 2008 Dozent an
der Freien Kunstakademie Mannheim
Working
Associate der Joseph Campbell Foundation und Leiter des Mythological
RoundTable Heidelberg
Lebt und
arbeitet in Heidelberg und Ludwigshafen
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"Was die Technik Martin
Weyers' angeht, bleibt nur zu sagen, dass er sich eines einzigartigen und
unverwechselbaren Striches bedient. Seine organische, ja fast
archetypische Bildsprache wird in einen spektakulären Farbkosmos
eingebettet, dessen Plastizität seinesgleichen sucht.
Durch Verwischungen, Abschabungen oder das Untermischen von Sand erreicht
Weyers, dass eine schon fast greifbare Verbindung zwischen der wirklichen
Welt und der des Gemäldes entsteht. Reliefartig stechen Farben und Formen
aus der Tiefe der Leinwand hervor, vermitteln eine spektakuläre Tiefe und
bescheren dem Betrachter das Gefühl, selbst mitten im Bild zu stehen."
Wormser Zeitung
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Zu den Arbeiten von Martin Weyers
von
Maria Lucia Weigel
Im künstlerischen
Werk von Martin Weyers fließen divergierende Ansätze zusammen. Es
finden sich Anklänge sowohl an die klassische Moderne als auch an
traditionelle Altarbilder.
Starken Einfluss auf die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken von
Martin Weyers hat die Beschäftigung des Künstlers mit
naturwissenschaftlichen Evolutionsprozessen, die er als Movens allen
Lebens auf geistesgeschichtlicher und mythologischer Ebene gespiegelt
sieht. Unter diesem Aspekt versteht der Maler sein Studium der
Kunstgeschichte und Philosophie als geistige Ausbildung in den
Disziplinen, die sein Kunstschaffen unmittelbar berühren.
Martin Weyers
entwickelt in seinen Arbeiten eine eigene, unverwechselbare
Bildsprache. Organisch-Figürliches wird auf ein archetypisches
Formvokabular zurückgeführt und in abstrakte Farbräume eingebettet.
Menschliche Körper muten wie urzeitliche Idole an; fließende
organische Formen entwachsen Gefäßen oder Erdspalten. Labyrinthe
symbolisieren Wege spirituellen Wachsens; Computerplatinen markieren
Kraftfelder, denen kosmische Energien entströmen. Die zentrierten
Bildkompositionen präsentieren sich so als überzeitliche Ikonen.
In
mehreren Schichten bauen sich Ölfarbe, Kreiden, Kohle und Sand als
bildnerisches Material auf der Leinwand auf. Reale Gegenstände
vervollständigen das Relief des Bildes und stellen eine Verbindung her
zwischen Bildwelt und Außenwirklichkeit. Buntfarben werden schwarz
übergangen und durch Grattagen und Ritzungen sogleich wieder
freigelegt.
Martin
Weyers entwickelt seine bildnerischen Ideen in verschiedenen
künstlerischen Medien, deren Eigenheiten in der jeweiligen Umsetzung
stets gewahrt bleiben und einbezogen werden. In einem kontinuierlichen
Schaffensprozess inkarniert sich die innere Schau des Malers so in
unterschiedlichen Bildfindungen. Die Arbeiten laden den Betrachter zu
kontemplativer Auseinandersetzung ein; ihr sakraler Charakter verweist
auf spirituelle Welten.
Maria Lucia Weigel studierte Europäische Kunstgeschichte, Klassische
Archäologie und Ägyptologie. Sie leitete die Bettendorf'sche Galerie
"im Schloßgarten" in Gauangelloch/Leimen (Galerie für zeitgenössische
afrikanische Kunst), arbeitete für das Melanchthonhaus Bretten
(druckgrafische Sammlung), und war als wissenschaftliche
Hochschulassistenz im Rektoramt der Staatlichen Akademie der Bildenden
Künste Karlsruhe tätig. Seit 2004 freie Kunsthistorikerin.
Die Gemälde und Grafiken von
Martin Weyers spielen mit archetypischen Symbolen, die, in eine
neue und innovative Formsprache gekleidet, unmittelbarer Ausdruck
unserer Zeit sind, und doch zugleich Zeitlosigkeit ausstrahlen.
Die ersten Zeichnungen entstanden 1983, inspiriert durch Francis
Bacons 'Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion'
(1944). In einem Gespräch mit David Sylvester erwähnt Bacon den
Bereich organischer Form, welcher – obgleich angedeutet von
Picasso – in der Welt der modernen Malerei weitgehend unerforscht
geblieben sei.
In Weyers' Gemälden, Zeichnungen und Radierungen erscheint die
Figur als organische oder anthropomorphe Form, getaucht in einen
Raum aus Licht und Farbe. Wiederholt auftretende Motive wie
Spirale oder Labyrinth in unterschiedlichsten Erscheinungsformen
lassen eine Atmosphäre des Geheimnisvollen entstehen und erweitern
den reichen assoziativen Spielraum des Bildgeschehens. Wo Bacon in
seinen Bildern Terror und Orientierungsverlust des modernen Lebens
zu einem zeitgemäßen Ausdruck verhalf, sucht Weyers nach einer
metaphorisch-symbolischen Bildsprache, welche tief in die
mystische Dimension der Realität eindringt.
1988 begann Weyers ein Studium der Kunstgeschichte, Philosophie
und Psychologie in Heidelberg, mit der Absicht, durch die
Beschäftigung mit Kunst, Metaphysik, Naturphilosophie und Mystik -
und somit vor einem tieferen geistesgeschichtlichen Hintergrund -
einen Beitrag zu einer neuen, den Gegebenheiten des
wissenschaftlichen Zeitalters angemessenen Mythologie zu leisten.
Beeinflusst von Philosophen wie Carl-Friedrich von Weizsäcker, die
in ihren Werken die Verbindungspunkte zwischen
Naturwissenschaften, Metaphysik und mystischer Erfahrung
untersuchen, begann Weyers 1989 über die Beziehungen zwischen
Mythologie, Kunst und naturwissenschaftlichem Weltbild zu
schreiben.
Ein fehlendes Glied fand er 1999 in den Arbeiten des
amerikanischen Mythenforschers Joseph Campbell. In der Tradition
von Carl Gustav Jung behandelte dieser Autor Mythen als
Projektionen der Psyche. Hier war ein moderner
Interpretationsansatz gefunden, der die Symbole des Mythos
ernstnimmt und zugleich in Übereinstimmung mit den
wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Zeit steht. |
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