Letztes Update am Sonntag, den 11.09.2008

"Mythen müssen lebendig gehalten werden. Diejenigen, die sie lebendig halten können, sind auf die ein oder andere Weise Künstler. Die Funktion des Künstlers besteht in der Mythologisierung seiner Umgebung sowie der Welt."

Joseph Campbell

 

"Martin Weyers' [...] Kunst lag von jeher die Konzentration auf Geistiges zugrunde: In die zum Teil großformatigen Bilder und Radierungen - vertreten in zahlreichen Privat- und Firmensammlungen im Rhein-Neckar-Raum sowie in der Kunststadt Köln - fließen die Beschäftigung mit westlicher und östlicher Philosophie, Mythologie und Symbolen mit ein. [...] Komplexe Vorgänge in psychologischer Tiefe erhalten bei ihm den nötigen Raum, das Gefühl von Enge gibt es nicht. Fast tröstlich wirken der klaren Bildaufbau, die wiederkehrende Symbolik, die dazu einladen, vertraute Alltagswelten zu verlassen [...]. Dass dabei dann wieder neue Fragen auftauchen, macht den Reiz seiner Bilder aus. Und in dieser Mischung aus Klarheit und Offenheit liegt sicher auch eine der Stärken von Martin Weyers."

Schwetzinger Zeitung


Palimpsest

 

 

Ausstellung im Kulturtreff Alter Bahnhof, Bahnhofstr. 1, 68809 Neulußheim

Freitag 19. September
bis Sonntag 21. September

Vernissage:Freitag 20:00 Uhr

Einführung von Wolfgang Treiber

Ausstellung:

Samstag 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Sonntag 11:00 Uhr bis 17:00 Uhr

 

Palimpsest


griechisch: „wieder abgekratzt“. Manuskript, dessen ursprüngliche Beschriftung, meist im Mittelalter, wieder abgekratzt wurde, um das kostbare Pergament mit neuen Texten beschriften zu können. Durch moderne technische Verfahren (Fluoreszenzfotografie) können die ursprünglichen (teils antiken) Texte teilweise wieder sichtbargemacht werden. Seit dem 19. Jhd. auch metaphorisch für die Gedächtnisfunktionen des Gehirns verwendet, wobei davon ausgegangen wird, dass Vergangenes und scheinbar Vergessenes im Verborgenen nach wie vor weiter wirkt.

 

 

Martin Weyers: Palimpsest


Bildzyklus, der durch die Erfahrung der Mohave-Wüste (Kalifornien) inspiriert wurde, wo 2008 und 2009 auf Einladung eines kalifornischen Sammlers Teile des Zyklus entstehen, und weitere Ausstellungen geplant sind. Die Motive der Wüste sowie der Nacht, als Orte des Rückzugs und der inneren Einkehr, die zuweilen in Visionen münden kann, sind seit jeher mit der mystischen Erfahrung verbunden. Daher greifen die Bilder fragmenthaft Worte aus Novalis’ Hymnen an die Nacht auf. Entleerte Landschaften unter weitem Nachthimmel gehen in Körperformen über, entsprechend der Sichtweise des romantischen Dichters, in der die Natur mit – sowohl mütterlichen als auch sinnlichen –weiblichen Zügen ausgestattet ist:

„Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht? Sie trägt dich mütterlich und ihr verdankst du all deine Herrlichkeit. Du verflögst in dir selbst – in endlosen Raum zergingst du, wenn sie dich nicht hielte, dich nicht bände, dass du warm würdest und flammend die Welt zeugtest. Wahrlich ich war, eh du warst – die Mutter schickte mit meinen Geschwistern mich, zu bewohnen deine Welt, sie zu heiligen mit Liebe, dass sie ein ewig angeschautes Denkmal werde – zu bepflanzen sie mit unverwelklichen Blumen.“

 

 

Novalis (1772 – 1801)


eigentlich Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, deutscher Dichter der Romantik. 1795 Verlobung mit Sophie von Kühn, deren früher Tod (1797) zu einer verstärkten Hinwendung zu einer mystischen Natur- und Innenschau führten, die in den Hymnen an die Nacht unmittelbaren Ausdruck gefunden haben.

 

 

aus: Novalis, Hymnen an die Nacht


[...] Abwärts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt – in eine tiefe Gruft versenkt – wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen. – Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang. In andern Räumen schlug die lustigen Gezelte das Licht auf. Sollte es nie zu seinen Kindern wiederkommen, die mit der Unschuld Glauben seiner harren?

Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt der Wehmut weiche Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Was hältst du unter deinem Mantel, das mir unsichtbar kräftig an die Seele geht? Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus dem Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüts hebst du empor. Dunkel und unaussprechlich fühlen wir uns bewegt – ein ernstes Antlitz seh ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt. Wie arm und kindisch dünkt mir das Licht nun – wie erfreulich und gesegnet des Tages Abschied. – Also nur darum, weil die Nacht dir abwendig macht die Dienenden, sätest du in des Raumes Weiten die leuchtenden Kugeln, zu verkünden deine Allmacht – deine Wiederkehr – in den Zeiten deiner Entfernung. Himmlischer, als jene blitzenden Sterne, dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geöffnet. Weiter sehn sie als die blässesten jener zahllosen Heere – unbedürftig des Lichts durchschaun sie die Tiefen eines liebenden Gemüts – was einen höhern Raum mit unsäglicher Wollust füllt.

 

aus: Rainer Maria Rilke, Worpswede


Wir führen die Flüsse zu unseren Fabriken hin, aber sie wissen nicht von den Maschinen, die sie treiben. Wir spielen mit dunklen Kräften, die wir mit unseren Namen nicht erfassen können, wie Kinder mit dem Feuer spielen, und es scheint einen Augenblick, als hätte alle Energie bisher ungebraucht in den Dingen gelegen, bis wir kamen, um sie auf unser flüchtiges Leben und seine Bedürfnisse anzuwenden. Aber immer und immer wieder in Jahrtausenden schütteln die Kräfte ihre Namen ab und erheben sich, wie ein unterdrückter Stand, gegen ihre kleinen Herren, ja nicht einmal gegen sie, – sie stehen einfach auf, und die Kulturen fallen von den Schultern der Erde, die wieder groß ist und weit und allein mit ihren Meeren, Bäumen und Sternen.

 

"Die anspruchsvollen Gemälde setzen die Bildsprache des Informel voraus und laden gemeinsam mit den traumwandlerisch sicher gearbeiteten Radierungen zu einer unbefangenen Annäherung an den Mythos ein."

Dr. Olaf Mückain
Nibelungen-Museum, Worms


 

 

Martin Weyers

geb. in Wuppertal

Studien der Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Heidelberg

Seit 2003 freischaffender Künstler mit regelmäßiger Ausstellungstätigkeit

Mitglied im Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK (Berufsverband)

2006 Gründung des atelier-17 in Ludwigshafen am Rhein, zusammen mit Alexander Horn und Tanja Vetter

2007 - 2008 Dozent an der Freien Kunstakademie Mannheim

Working Associate der Joseph Campbell Foundation und Leiter des Mythological RoundTable Heidelberg

Lebt und arbeitet in Heidelberg und Ludwigshafen

 

"Was die Technik Martin Weyers' angeht, bleibt nur zu sagen, dass er sich eines einzigartigen und unverwechselbaren Striches bedient. Seine organische, ja fast archetypische Bildsprache wird in einen spektakulären Farbkosmos eingebettet, dessen Plastizität seinesgleichen sucht.

Durch Verwischungen, Abschabungen oder das Untermischen von Sand erreicht Weyers, dass eine schon fast greifbare Verbindung zwischen der wirklichen Welt und der des Gemäldes entsteht. Reliefartig stechen Farben und Formen aus der Tiefe der Leinwand hervor, vermitteln eine spektakuläre Tiefe und bescheren dem Betrachter das Gefühl, selbst mitten im Bild zu stehen."

Wormser Zeitung


 

 

Zu den Arbeiten von Martin Weyers

von Maria Lucia Weigel

 

Im künstlerischen Werk von Martin Weyers fließen divergierende Ansätze zusammen. Es finden sich Anklänge sowohl an die klassische Moderne als auch an traditionelle Altarbilder.

Starken Einfluss auf die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken von Martin Weyers hat die Beschäftigung des Künstlers mit naturwissenschaftlichen Evolutionsprozessen, die er als Movens allen Lebens auf geistesgeschichtlicher und mythologischer Ebene gespiegelt sieht. Unter diesem Aspekt versteht der Maler sein Studium der Kunstgeschichte und Philosophie als geistige Ausbildung in den Disziplinen, die sein Kunstschaffen unmittelbar berühren.

Martin Weyers entwickelt in seinen Arbeiten eine eigene, unverwechselbare Bildsprache. Organisch-Figürliches wird auf ein archetypisches Formvokabular zurückgeführt und in abstrakte  Farbräume eingebettet. Menschliche Körper muten wie urzeitliche Idole an; fließende organische Formen entwachsen Gefäßen oder Erdspalten. Labyrinthe symbolisieren Wege spirituellen Wachsens; Computerplatinen markieren Kraftfelder, denen kosmische Energien entströmen. Die zentrierten Bildkompositionen präsentieren sich so als überzeitliche Ikonen.

In mehreren Schichten bauen sich Ölfarbe, Kreiden, Kohle und Sand als bildnerisches Material auf der Leinwand auf. Reale Gegenstände vervollständigen das Relief des Bildes und stellen eine Verbindung her zwischen Bildwelt und Außenwirklichkeit. Buntfarben werden schwarz übergangen und durch Grattagen und Ritzungen sogleich wieder freigelegt.

Martin Weyers entwickelt seine bildnerischen Ideen in verschiedenen künstlerischen Medien, deren Eigenheiten in der jeweiligen Umsetzung stets gewahrt bleiben und einbezogen werden. In einem kontinuierlichen Schaffensprozess inkarniert sich die innere Schau des Malers so in unterschiedlichen Bildfindungen. Die Arbeiten laden den Betrachter zu kontemplativer Auseinandersetzung ein; ihr sakraler Charakter verweist auf spirituelle Welten.

Maria Lucia Weigel studierte Europäische Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Ägyptologie. Sie leitete die Bettendorf'sche Galerie "im Schloßgarten" in Gauangelloch/Leimen (Galerie für zeitgenössische afrikanische Kunst), arbeitete für das Melanchthonhaus Bretten (druckgrafische Sammlung), und war als wissenschaftliche Hochschulassistenz im Rektoramt der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe tätig. Seit 2004 freie Kunsthistorikerin.

Die Gemälde und Grafiken von Martin Weyers spielen mit archetypischen Symbolen, die, in eine neue und innovative Formsprache gekleidet, unmittelbarer Ausdruck unserer Zeit sind, und doch zugleich Zeitlosigkeit ausstrahlen.

Die ersten Zeichnungen entstanden 1983, inspiriert durch Francis Bacons 'Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion' (1944). In einem Gespräch mit David Sylvester erwähnt Bacon den Bereich organischer Form, welcher – obgleich angedeutet von Picasso – in der Welt der modernen Malerei weitgehend unerforscht geblieben sei.

In Weyers' Gemälden, Zeichnungen und Radierungen erscheint die Figur als organische oder anthropomorphe Form, getaucht in einen Raum aus Licht und Farbe. Wiederholt auftretende Motive wie Spirale oder Labyrinth in unterschiedlichsten Erscheinungsformen lassen eine Atmosphäre des Geheimnisvollen entstehen und erweitern den reichen assoziativen Spielraum des Bildgeschehens. Wo Bacon in seinen Bildern Terror und Orientierungsverlust des modernen Lebens zu einem zeitgemäßen Ausdruck verhalf, sucht Weyers nach einer metaphorisch-symbolischen Bildsprache, welche tief in die mystische Dimension der Realität eindringt.

1988 begann Weyers ein Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie in Heidelberg, mit der Absicht, durch die Beschäftigung mit Kunst, Metaphysik, Naturphilosophie und Mystik - und somit vor einem tieferen geistesgeschichtlichen Hintergrund - einen Beitrag zu einer neuen, den Gegebenheiten des wissenschaftlichen Zeitalters angemessenen Mythologie zu leisten.

Beeinflusst von Philosophen wie Carl-Friedrich von Weizsäcker, die in ihren Werken die Verbindungspunkte zwischen Naturwissenschaften, Metaphysik und mystischer Erfahrung untersuchen, begann Weyers 1989 über die Beziehungen zwischen Mythologie, Kunst und naturwissenschaftlichem Weltbild zu schreiben.

Ein fehlendes Glied fand er 1999 in den Arbeiten des amerikanischen Mythenforschers Joseph Campbell. In der Tradition von Carl Gustav Jung behandelte dieser Autor Mythen als Projektionen der Psyche. Hier war ein moderner Interpretationsansatz gefunden, der die Symbole des Mythos ernstnimmt und zugleich in Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Zeit steht.
 
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  seit Samstag, den 16. September 2004, dem Geburtstag von martinweyers.com