|
Tanja Vetters
Bilder bestechen zunächst inhaltlich durch feinsinnig-ironische
Hintergründigkeit, sowie formal durch eine ausgeklügelte Farbigkeit. Was
vordergründig harmonisch wirkt, erzeugt sich durch harte Kontrastierung
unterschiedlicher Farbmodalitäten und Farbklänge, die sich gegenseitig
intensivieren.
Das scheinbar inhomogene Nebeneinander warmer und kalter Farbtöne führt
auf der Bildebene zu einer Überpräzisierung der Formen, so dass sie nahezu
raumgreifend wirken.
In Tanja Vetters malerischen Verständnis ist das Motiv nicht ursächlich
der Anlass zum Werk. Vielmehr bringt die Arbeit sich selbst in der An-
oder auch Umverwandlung eines vorgefundenen Abbildes, sei es eines Fotos
oder eines Gedankens, hervor.
Diese aus ihrem Kontext herausgebrochenen Bild- und Gedankenfragmente
werden auf der Leinwand weiter destruiert. Somit werden wir aus der
vermeintlichen Sicherheit erfahrener oder erfahrbarer Dinglichkeit
behutsam in eine Welt zweckfreier Ungebundenheit geführt.
Das Sujet bleibt immer mehrdeutig, es hat zum Teil traumhaft surreale
Züge. Es mutet uns trotz der Nähe zum Dargestellten fremd an. Die Zeichen
sind Oberfläche und bieten uns keinen Raum, erzählende Strukturen zu
entdecken. Sie verweisen vielmehr auf das Daneben und das Darüber hinaus.
Sie helfen uns, den Weg vom Gegenständlichen zur Auflösung der Strukturen,
zur Abstraktion, zu finden.
Ausführliche
Infos und Ausstellungsverzeichnis unter
tanjavetter.de
|
|
Über Natur in den neuen Bildern von Tanja Vetter
von Martin Weyers
Transkript der
Vernissagerede anlässlich der Ausstellung von
Tanja Vetter im Rahmen des Nagolder
Kunstpreises 2007.
„Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was
er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu
malen, was er vor sich sieht."
Vielleicht kennen sie das Zitat. Es stammt von Caspar David Friedrich,
dessen einsame Menschengestalten in weiter sublimer Landschaft Ihnen
vertraut sind. Der Künstler wendet sich damit gegen eine Malerei, für die
bloß der Augenschein, die Oberfläche der Dinge zählt, zugunsten einer
visionären Kunstauffassung. In der Malerei, sofern sie den Namen Kunst
verdient, berühren sich Außen- und Innenwelt, denn, wie ein Zeitgenosse
Friedrichs, der Dichterphilosoph Novalis einmal schrieb,
„der Sitz der Seele ist dort wo, sich Innen- und Außenwelt berühren.“
In den neuen Bildern von Tanja Vetter vollzieht sich eine ebensolche
Berührung. Die Künstlerin gibt sich nicht damit zufrieden, Natur
abzubilden. Ihre Landschaften existieren allein als Malerei. Gemalte Natur
dient hier nicht als bequemer Ersatz für eine reale Naturerfahrung,
keineswegs soll der Gang durch die Galerie eine Alpenwanderung entbehrlich
machen. Fern von Postkartenidyllen, vollzieht sich Natur im Malprozess.
Das malerische Repertoire reicht von impressionistischen Pinselstrichen
bis hin zu getröpfelter und gekonnt verlaufender Ölfarbe. Immer wieder
wird der Tiefenraum durch die hohe sinnliche Präsenz nichtillusionistisch
eingesetzter Farbverläufe durchbrochen, die in manchen Bildern wie
moosartige Belege wirken können.
Schwarze oder silbrig glänzende Flächen wirken nicht etwa monoton; Sie
werden durch Binnenstrukturen gebrochen und tragen zur Bildatmosphäre bei.
Kühle Akzente in grau und silber werden von warmen Primärfarben
kontrastiert. Vor dem Hintergrund einer winterlich anmutenden
Farblandschaft entfalten diesen Partien in rot oder grün eine besonders
intensive Wirkung. Natur lebt von Gegensätzen.
Anders als in der traditionellen Landschaftsmalerei wird Natur nicht im
eigentlichen Sinn dargestellt, Leben nicht imitiert, vielmehr begegnet uns
das Bild selbst als lebendiger Organismus. Seelisches wird in der Kunst
dort zu Leben erweckt, wo sich, analog zu dem zitierten Ausspruch von
Novalis, Außen- und Innenwelt begegnen, wo erinnerte Fragmente gesehener,
erlebter, erfahrener Natur in einem sensiblen schöpferischen Prozess auf
der Leinwand zu neuer Wirklichkeit finden. Aus erinnerter Natur wird, mit
den Mitteln der Farbe, ein neuer Erlebnisraum gebildet.
Wer das Werk von Tanja Vetter während der letzten fünf Jahre, seit ihrem
Abschluss an der Freien Kunstakademie Mannheim in 2002, regelmäßig
verfolgt hat, wurde von mancher Wendung überrascht. Ihre Bilder pendelten
zwischen einer am Informel geschulten abstrakten Auffassung bis hin zu
realistischer, oft durch ironische Elemente gebrochener Malerei.
In ihren neuen Bildern ist es Tanja Vetter gelungen, diese Pendelbewegung
zugunsten einer gegenseitigen Durchdringung gegenständlicher und
abstrakter Elemente abzulösen. Nun ist es unser Blick, der Blick des
Betrachters, der, über das Gemälde schweifend, Eindrücke aufnimmt, die
sich auf verschiedenen Ebenen des Wiedererkennens abspielen:
Landschaftsräume, monochrome Farbflächen, Farbspritzer,
Oberflächenstrukturen, die sich doch zu einem organischen Bildganzen
verbinden.
Durch diese Vielfalt des Erkennens und Entdeckens entsteht ein
eigentümlicher Reiz des Betrachtens. Scheinbar abgegriffene und für
künstlerische Zwecke untaugliche Motive gewinnen überraschend neue
Bildwürdigkeit. Hirsche und andere Tiere, vor ein dekoratives Stoffmuster
gesetzt oder kraftvoll mit expressiver Geste übermalt, kommen hier
keineswegs einem bloß sentimentalen Bedürfnis entgegen, das wir gerne
distanziert als Kitsch abtun. Gleichwohl handelt es sich ebenso wenig um
eine bloße Veralberung des schlechten Geschmacks.
Tanja Vetters Tierdarstellungen enthalten durchaus einen subtilen
ironischen Hinweis auf die verpönte Tiermalerei; Ihr eigentliches Anliegen
jedoch ist die Neuentdeckung und -erfahrbarmachung naturhafter Motive, die
durch eine erstarrte künstlerische Tradition bereits jeglichen
künstlerischen Potentials entledigt schienen. Ein Tier kann, wie alles
naturhafte, niemals kitschig sein. Kitsch ist ein Problem der Wahrnehmung,
ein kulturelles Phänomen. Es ist die malerische Qualität der
Naturmalereien von Tanja Vetter, die sie vor einem Abgleiten in
Sentimentalität bewahrt.
Wenn Tanja Vetter Ironie einsetzt, dann geschieht dies nie auf jene
zynische, intellektuelle Überlegenheit zur Schau stellende Weise, wie man
sie allzuhäufig in Feuilletons und essayistischer Kunstkritik findet.
Ironie ist, wie in den dichterischen Werken der Romantiker, ein Mittel,
das Gesehenes und Erfahrenes in Perspektive setzt.
Wie in Thomas Manns Ideal einer „erotischen Ironie“ bedeutet dies bei
Tanja Vetter, dass der Künstler das Objekt liebt, welches er ironisiert.
Ironisierung bedeutet hier nicht Bloßstellung, sondern sympathisierende
Darstellung bei gleichzeitiger Raum schaffender Distanz. Liebe und Distanz
zum dargestellten Motiv, zu den Berg- und Seelandschaften mit ihrer Tier-
und Pflanzenwelt, sind gleichermaßen notwendig, um Natur in der Malerei
nicht abzukupfern sondern neu erstehen zu lassen.

Natur erfindet sich gleichsam neu, durchbricht zum Klischee erstarrte
Bildtraditionen. Es ist das Privileg des Künstlers, unseren Blick auf die
Natur immer wieder neu zu schärfen, damit Natur nicht als Stereotyp,
sondern als lebendiger Geist erfahren werden kann.
Ein uralter Streit in der philosophischen Ästhetik dreht sich um die Frage
nach dem Verhältnis zwischen Kunstschönheit und Naturschönheit. Die
Malerei von Tanja Vetter versucht weder der Naturschönheit nachzueifern,
noch sie übertreffen.
Diese Bilder zielen auf eine Schärfung unseres Blicks, sowie auf eine
Verfeinerung unserer Empfindsamkeit für die Sinnlichkeit naturhaft
anmutender Formspiele und Farbklänge. Vielleicht werden Sie bei ihrer
nächsten Alpenwanderung verwundert feststellen, wie sich Ihr Blick auf die
Natur gewandelt hat, und werden sich überrascht fragen, ob dieser
veränderte Blick vielleicht von Tanja Vetters Naturbildern bewirkt wurde.
(MW, 8.11.2007) |