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Alexander Horn
verweigert sich bewusst dem auf dem Kunstmarkt vielfach immer noch
eingeforderten Bekenntnis zu einem monolithischen Personalstil. Die
Konsistenz seines künstlerischen Arbeitens lässt sich weniger formal
bestimmen, als durch eine künstlerische Haltung, die in verschiedenen
Schaffensphasen unterschiedliche bildnerische Mittel legitimiert, um das
jeweils bestmögliche Medium für die zum Ausdruck drängenden Inhalte
nutzbar zu machen.
Der Künstler präsentierte 2001 in den Räumen der Galerie Raum 2 eine Serie
großformatiger Bilder mit organisch gewachsenen Farbfeldern in lasierten
Grautönen, kontrastiert durch eine Großplastik aus Holz in Form einer
schafottartigen Konstruktion: Monochrome Gegenstandslosigkeit tritt in
kommunikativen Austausch mit einer formal daran anknüpfenden
dreidimensionalen Umsetzung, durch die das anscheinend abstrakte
Formenspiel eine raffinierte Umdeutung erfährt.
Wer den Künstler jedoch auf formale Experimente festlegen will, wird durch
Bildserien überrascht, in denen Horn, als Gegenreaktion auf die vorherige
farbliche und formale Reduktion, nun überraschend Vorlagen
unterschiedlichster Herkunft, von Comics bis zu medizinischen
Lehrmaterialien, in einem Blowup-Verfahren unter Verwendung von
Primärfarben zur Bildtauglichkeit verhilft.
In seiner aktuellen Bildproduktion bevorzugt der Künstler dagegen eine
Reduktion auf Fragmenthaftes, der die Beschränkung auf kleine Bildformate
entspricht. Die Gemälde fallen durch eine zurückgenommene Farbigkeit auf,
deren reiches Kolorit sich erst bei eingehenderem Hinsehen offenbart.
Ins Auge fällt insbesondere die Ausschnitthaftigkeit des Gezeigten:
Personen, Maschinen, Eisberge und fragmenthafte Schriftzüge gehen in der
ausgeklügelten Hängung überraschende Bezüge ein, um eine unerschöpfliche
Vielfalt von Bedeutungszusammenhängen zu evozieren, die weit über
künstlerisch Geplantes und Planbares hinausgehen. Die Motive verweigern
sich weitgehend der Entschlüsselung ihrer Herkunft; Ihr Zusammenspiel im
Sinne eines kaleidoskopartig wechselnden Bildkosmos findet im Kopf des
Betrachters statt. In der Vielfalt möglicher Konnotationen unter
Ausbleiben einer vorgegebenen Lesart spiegeln sich Pluralität und
Unüberschaubarkeit heutiger Wahrnehmung von Welt.
Die Arbeiten von Alexander Horn gehen auf unterschiedlichste Bildquellen
zurück, die gleichberechtigt, ohne Unterscheidung zwischen trivial oder
bedeutsam, real oder medial erfahrene Umwelt, behandelt werden. Was zählt
ist allein die Überführung in das Medium Kunst, indem Bildquellen nicht
gedeutet, sondern in eine neue malerische Wirklichkeit überführt werden.
Ausführliche Infos und
Ausstellungsverzeichnis unter
alexanderhorn.eu
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Hoffnung auf
ungebetene Gäste.
Über die Bilder von Alexander Horn
von Martin Weyers
Anlässlich der Ausstellung
HOaX6 im Kulturzentrum Alte Feuerwache vom 13. Juni bis 20. Juli 2007. Vernissage am
Mittwoch, den 13. Juni, 19:00.
Einführung in die Ausstellung: Stefanie Müller, Kunsthalle Mannheim; Bernd
Böhlendorf, Berlin.
Jeder kennt das: Es gibt Melodien, die einem, meist ungebeten beschert,
nicht wieder aus dem Kopf wollen. Im Fall von Alexander Horn war es ein
Zitat des amerikanischen Transzendentalisten Henry Thoreau (Walden,
oder: Leben in den Wäldern), das
er, einmal aufgeschnappt, nicht wieder los wurde.
Woher ich das weiß? Nicht weil ein Bildtitel mich auf die Fährte gebracht,
nicht weil ein Bildmotiv zur Hinterfragung herausgefordert hätte;
Alexander Horn arbeitet im Atelier nebenan, und bei einem Glas Wein
erfahrt man im Laufe der Zeit Vieles, was sich in den Bildern spiegelt,
ohne dass es ein unbefangener Betrachter fertig brächte, zurückzuspiegeln,
was sich als malerisches Sediment niedergeschlagen haben mag, dem
aufmerksamen Atelierkollegen gerade noch gegenwärtig.
Als
Alexander mich vor ein paar Tagen bat, einen Text für seine kommende
Ausstellung in den Räumen des BBK Mannheim zu verfassen, sah ich mich vor
ein Problem gestellt: Es gab keine Bildauswahl, die der Kollege zu
präsentieren gedachte, nicht einmal eine Idee oder auch nur einen
Ausstellungstitel. Dafür sah ich große und kleine Bilder im
Zeitraffertempo wachsen und erblühen. Sobald ich mich jedoch an die Arbeit
machen wollte, um über eine bestimmte Arbeit nachzudenken, wurde ich nach
einer Zange gefragt, mit deren Hilfe der Künstler gedachte, die soeben
vollendeten und fast im selben Moment vor dem Auge des Malers
durchgefallenen Bilder vom Keilrahmen wiederabzuspannen.
(Selbstverständlich verweigerte ich die Herausgabe des Werkzeugs.)
Give me a wildness no civilization can endure (Gib mir eine Wildheit, die
von keiner Zivilisation ertragen werden kann) lautet das Thoreau-Zitat,
das die einzige Konstante im jüngsten Schaffen von Alexander Horn zu
bilden scheint. Wird sie spürbar vor den Bildern, die mit der vorgeblichen Beliebigkeit
eines assoziativ arbeitenden Geistes Unvereinbares durcheinandermengen?
Wie ist der Ausspruch überhaupt zu verstehen? Als Sehnsucht des
Zivilisationsmenschen nach Ursprünglichkeit? – Eine unstillbare Sehnsucht,
wären wir Zivilisationsblüten, der nackten Natur ausgesetzt, doch gar
nicht überlebensfähig.
Ich muss an Klaus Kinski der denken, der in Werner
Herzogs Dokumentarfilm Mein liebster Feind für den Fotografen als
Dschungelheld posiert, um dann, sobald der Auslöser geklickt hat, vor
lauter Angst vor einem Schlangenbiss Zuflucht im Lager zu suchen. Alexander
Horn bewundert Ausnahmemenschen wie den Bergsteiger Hermann Buhl, der als
erster Tiroler den deutschen Schicksalsberg Nanga Parbat bestieg. 186
erfolgreichen Besteigungen stehen 61 Todesfälle gegenüber.
Ein
bisschen Wildheit in die Zivilisation hinüberretten: Keine leichte
Aufgabe. Ist es die Aufgabe des Künstlers?
Nun hat die Ausstellung doch noch Bilder, und sogar einen Titel erhalten:
HOaX6 – ein Wortspiel, das die zumeist mit spöttischem Hintergedanken
verbreiteten Falschmeldungen der Massenmedien (Hoax) mit einem von der
neueren Forschung vermuteten Gen namens Hox 6 verbindet. Das so
bezeichnete genetische Programm wird für Mutationen verantwortlich
gemacht, die vielleicht doch nicht so zufällig auftreten, wie Darwin einst
vermutete.
Zivilisation und Wildnis; populäre Fakes, die als erfolgreiche Meme unsere
Medien und unser Bewusstsein durchspülen; genetische Wirkmechanismen, die
sich hinter Naturprozessen verbergen, deren Ablauf möglicherweise nur
scheinbar Zufall und Willkür unterworfen ist: Welchen
Bedeutungsverschiebungen unterliegen malerische Motive vor einem solchen
Hintergrund?
Ikonographisch vorbelastete Sujets werden in Alexander Horns Bildern
isoliert, und damit ihres traditionellen symbolhaften Kontexts beraubt. So
etwa der (hier in schreckhafter Unschärfe auf den Punkt gebrachte, ganz und gar nicht Dürer-hafte) Hase, dessen erotische Energie ihm in der Vergangenheit
bildnerische Relevanz verlieh, genauso wie sein Dasein auf Messers
Schneide, als einer der immer auf der Flucht ist, und dessen Lebenszweck
sich darin zu erschöpfen scheint, schnellstmöglich für Nachwuchs zu
sorgen. Gib mir eine Wildnis, die keine Zivilisation ertragen kann –
wollen wir das wirklich?
Manchmal wird der Prozess der künstlerischen Mutation umgekehrt. Ein Bild
auf 100 x 80 cm zeigt in exquisitem Kolorit und verblüffender Plastizität,
ausschnitthaft auf den Rumpf konzentriert, zwei Mädchen, die Dank dem
malerischen Können ihres Befreiers der Künstlichkeit einer Modefotografie
entronnen sind. Eine Szene, die so schön wie trivial ist. Im Gemälde von
Alexander Horn transformiert das Modefoto zu einem Stück Malerei, das der
Stofflichkeit der Kleider das Blau des Himmels innewohnen lässt; ein Blau,
das nicht nur die obere Bildmitte dominiert, sondern an mehreren Stellen
innerhalb der figürlichen Motive kreuzförmig durchscheint.
Was zunächst nur als formales Spiel erscheint, stellt sich bei weiterem
Nachfragen als kunsthistorische Anspielung heraus. Bei der Wahl des Motivs
hatte der Künstler sich von der Idee einer Himmelfahrt inspirieren lassen.
Maria und Elisabeth (die Mutter Johannes des Täufers) sind es, die in
einer mittelalterlichen Fiktion eine Vision vom gewaltsamen Tod ihrer
Söhne teilen. Transformieren hier Hochglanzmodels zu religiösen
Sinnträgern?
Nicht ganz, denn der Himmel, in dem die beiden Figuren
aufgehen, ist kein transzendentes Anderswo. Den ausgestreckten entblößten
Arm, im Originalfoto eine mädchenhaft ausgelassene Geste, möchte man in
seiner exponierten Verletzlichkeit
unwillkürlich nach Einstichen einer Nadel absuchen. Malerei will hier
nicht Heilsversprechen sein, ist vielmehr eigenwilliger Reflex von Erlebtem und
Erlerntem, das sich im alchemistischen Prozess der Malerei wie auch immer
zu Neuem verbinden vermag – Hauptsache es kommt kein Gold dabei heraus.
Zum Wesen eines Experiments gehört die Ungewissheit seines
Ausgangs. Für Alexander Horn wäre Malerei eine langweilige, wenn nicht
sinnlose Tätigkeit, stünde das Ergebnis von Vornherein fest. Ganz gleich,
ob es sich um sorgfältig gemalte Ölbilder handelt, oder um die frechen und
chaotischen Grafiken aus der Hirnschwitzen-Serie: Innenbilder und
Medienbilder treten gleichrangig nebeneinander, durchdringen einander.
Sich selbst überraschen zu wollen im meditativen Prozess des Malens, nennt der Künstler seinen Antrieb, immer neue Bilder zu schaffen. Deren
Inhalte unterliegen keinem ideologischen Ordnungsprozess. Sie sind wie
ungebetene Gäste, die das Haus füllen und lebendig machen. Man sieht ihrem
Treiben gerne zu.
(MW, 8.06.2007) |